Mit der Einschulung ins Gymnasium, in eine Waldorfschule, wurde alles anders. „Ich merkte zum ersten Mal, daß es Unterschiede zwischen mir und den Kindern aus der Mittelschicht gibt. Es fing gleich am ersten Tag an, mit den Angaben fürs Klassenbuch. Ich schämte mich zu sagen, daß meine Mutter in einer Marzipanfabrik arbeitete. Ich schämte mich mit meiner Kleidung. Mit meiner Sprache.“ Hans Wiesler erzählt von den vielen Querflötenspielern, die von Fußball wenig hielten. Und er erzählt von ihren ordentlichen häuslichen Verhältnissen, von denen er nichts hielt. Kurz: Er fühlte sich unwohl in der Klasse. Am meisten haßte er die Lehrer. „Sie waren so liberal und sahen nie unsere Hausaufgaben nach. Ich hatte ja sowieso keine Lust zu all dem Zeug. Gedichte interpretieren, was wollte der Dichter damit sagen, das war doch einfach das Letzte für mich damals. Als ich dann kaum noch was tat, kümmerte das immer noch niemanden. Ich hatte das Gefühl, daß ich ihnen völlig egal war.“

Noch schlechter als in der Schule erging es ihm zu Hause, in seinem Block. Seine Bande hatte ihn von einem neuen Mitglied „rausprügeln“ lassen. Sie hatten ihn offiziell verstoßen. Er war nicht mehr einer der ihren. Zwei Jahre lang war Hans unglücklich. Seine Noten verschlechterten sich. Ihm war es egal. „Ich hab’s ja gleich gesagt, daß ich hier nicht richtig bin“, beschreibt Hans Wiesler seine Gefühle von damals. „Ich wollte zurück auf die Hauptschule, zu den anderen.“ Er ging freiwillig ab und zurück in die alte Schule, zu seinen Freunden.

Nach dem Schulabschluß ging er in die Lehre bei einer Versicherung. „Aber alles ödete mich dort an“, sagt er. „Die Büro-Atmosphäre, die Akten, die aufgeplusterten Sekretärinnen. Und dann der Direktor, der oben saß mit getäfelten Wänden, und bei uns unten war nur gekalkt.“

Nun wollte auch Hans Wiesler höher hinaus. Mit seinem Freund Franz machte er eine Autowerkstatt auf. Sie arbeiteten nachts und an Wochenenden und träumten vom großen Haus, vom Swimming-pool, vom Vorgarten. „Wir wollten überall rumprotzen.“ Eines Tages kam der Bruch. Während einer Lehrlingsfreizeit der Evangelischen Kirche sprach der Pastor über Fragen des Lebens, Gott und die Welt. „Wahrscheinlich war es weniger das Thema als die ganze Atmosphäre und vor allem ein Mädchen in unserer Runde, in das ich mich damals bis über beide Ohren verliebte“, erinnert er sich. „Jedenfalls kam ich unheimlich angetörnt von dem Wochenende zurück.“ Er ging in Leihbibliotheken. Er legte sich eine Aphorismensammlung an. Er las Oscar Wilde. „Ich habe diese Dinge richtig in mich aufgesogen.“ Geld und große Autos verloren an Wert. Dann kam die Bundeswehr. Und ein Leutnant, den er mochte. „Dieser Mann, den ich so verehrte, fragte ausgerechnet mich, ob ich Offizier werden wollte. Das war so eine Ehre für mich, daß ich eigentlich nur ja sagen konnte.“

So kam Hans Wiesler in die Offiziersschule, zusammen mit Offiziersanwärtern, die alle ihr Abitur gemacht hatten. „Sie waren lässig, lachten, machten sich über den Laden lustig, irgendwie konnten sie sich alles erlauben und wurden trotzdem Offizier. Das beneidete ich sehr. Ich dagegen kam mir verkrampft vor und eifrig und mußte viel mehr strampeln als die anderen.“ Auf der Offiziersschule lernte Hans Wiesler auch die gesellschaftlichen Spielregeln, die er von zu Hause her nicht kannte. „Hier legte ich mir all die Attitüden zu.“ Das Wort gebraucht er gern.

Objekt der Wissenschaft

Auf einem Ball lernte er eine junge Pastorentochter kennen. „Ohne meine Uniform wäre ich nie zu ihr nach Hause gegangen. Sie war wie ein Korsett für mein Selbstbewußtsein. Und der Pastor sagte Herr Leutnant zu mir. Er selbst war nur Gefreiter gewesen. Das hat mich ordentlich gehoben.“ Er erzählt von den Ritualen, und wie alles seinen ordentlichen Gang nahm: Wie er mit der Pastorentochter in klassische Konzerte ging, häufig bei ihr zu Hause war, den guten Stil genoß, die Hausmusik, die Gespräche, kurz „die Welt, in der ich bis dahin so fremd war, und in die ich mich nun langsam eingeschlichen hatte“.