Von Horst Bieber

Karlsruhe, im Januar

Karlsruhe, so kalauerte ein Delegierter, sei als Gründungsort für die Bundespartei „Die Grünen“ gewählt worden, „damit Karl Marx Ruhe gibt“. Doch die 1004 Delegierten, die sich am vergangenen Wochenende in die hoffnungslos überfüllte Stadthalle drängten, taten zwei turbulente, streckenweise chaotische Tage nichts anderes, als sich mit dem Erbe des Trierer Rauschebarts herumzuschlagen. „Niemand kann unseren Erfolg verhindern, es sei denn wir selber“, hatte Herbert Gruhl in seiner Begrüßungsrede getönt, und genau das geschah. Statt sich zu einigen oder harte Schritte zu wagen, verabschiedeten sie einen faulen Kompromiß, der bereits den Keim zur künftigen Spaltung in sich birgt. Dabei wollten sie sich verständigen, zwischen Grünen hüben und Bunten, Alternativen und Roten drüben einen haltbaren Konsens aushandeln. „Von Gruhl bis Dutschke“ – an der Legende des Frühvollendeten der grünen Bewegung wird längst eifrig gezimmert – sollte er reichen; Dutschkes noch nicht geborenes Kind, so hieß es in der Gedenkrede, „soll auch für uns ein Kind der Hoffnung sein“.

Aber die gutwilligen Grünen hatten sich in der Entschlossenheit der Linken, überaus erfolgreich dirigiert von Mitgliedern des Hamburger „Kommunistischen Bundes“ (KB), getäuscht. Diese verlangten die „Doppelmitgliedschaft“ unter dem Schlagwort: „Nicht das linke Bein abhacken. Wißt ihr, wie die Krücken aussehen?“ Natürlich regte sich Widerspruch. Wolf-Dieter Hasenclever, baden-württembergischer Landesvorsitzender der Grünen, ein politisches Naturtalent, erklärte unter Beifall und Pfiffen: „Zentralisten, gleich welcher Abkunft, haben bei uns keinen politischen Ort.“ Unter vier Augen wurde er noch deutlicher: „Wir wollen keine Melonenpartei – außen grün, innen rot.“

Schon zwei Stunden nach der Eröffnung des Kongresses, nach endlosen Geschäftsordnungsdebatten, fiel die erste Entscheidung: 254 Delegierte der Bunten und Alternativen, die nicht den Grünen beigetreten waren, mußten vor der Tür bleiben und das Geschehen im Kinosaal auf einem Fernsehmonitor verfolgen. Dann begann die andere endlose Auseinandersetzung – um die Präambel der Satzung. Zäh und unermüdlich wurde um jeden Satz gekämpft: Die Linken, die den Grünen formell beigetreten sind, wollten „Revolution“ nicht „verwerfen“, die Bereitschaft zur „Evolution“ streichen. Die Versammlung zerflatterte, das Präsidium war überfordert, Chaos machte sich breit. Von Ökologie wurde wenig geredet, viel dagegen von Widerstandsrecht. Ein Wunder, daß um 18.25 Uhr am Samstag – Stunden hinter dem Fahrplan – immerhin Präambel und Paragraph 1 der Satzung verabschiedet werden konnten.

Plötzlich kehrte halbwegs wieder Ruhe ein. Paragraph 2 stand an, das Verbot der Doppelmitgliedschaft. Jedermann wußte: Jetzt muß die Entscheidung fallen. Die einen plädierten für eine säuberliche Trennung: „Man kann nicht auf zwei Hochzeiten tanzen.“ Beinahe rührend war der Appell einer Lüneburger Delegierten: „Wir sind doch die Alternative zu allen Parteien. Warum dann überhaupt eine Doppelmitgliedschaft?“ Rudolf Bahro meldete sich zu Wort, entgegen früheren Absprachen: Grün ist „der historische Kompromiß“, sie sollten keine sozialistische Aushilfspartei werden; „Links und rechts, das wird noch andauern, grün ist das Bindeglied zwischen beiden Richtungen“. Darauf tosender Beifall. Daraufhin: „Hiermit erkläre ich meinen Beitritt zu den Grünen. Ich will kein Chefideologe sein, sondern ein einfaches, engagiertes Mitglied.“

Olaf Dinné, erfolgreicher Grüner aus Bremen, brachte es auf die Kurzformel: „Die Stunde der Wahrheit ist gekommen.“ Und sie schlug gegen die Linken: Nach endlosen Abstimmungen wurde mit 548 gegen 414 Stimmen eine Doppelmitgliedschaft bei den Grünen und anderen Parteien (gemeint sind nur K-Verbände) abgelehnt. Erleichtert verließen die Grünen am späten Samstagabend die Halle. Knapper als erwartet hatten sie gesiegt, aber es reichte aus.

Doch die Hoffnung trog. Die Alternativen und Bunten begannen zu rechnen. Nach der Satzung brauchte die „Sonstige Politische Vereinigung ‚Die Grünen‘“ zwei Drittel, um sich in die neue Bundespartei „Die Grünen“ umzugründen (und die Wahlkampferstattung aus der Europawahl mitzunehmen); zehn Prozent fehlten ihr, wie die Abstimmung gezeigt hatte. Am Sonntag hielten sie einen Gegenkongreß im Kleinen Festsaal ab. Bahro redete mit Engelszungen: „Denkt doch an den antikapitalistischen Grundgedanken der Grünen ... Ihr laßt euch selber an den Beschluß (Paragraph 2) scheitern ... Ihr müßt jetzt etwas opfern.“ Es war vergebliche Liebesmüh’, der KB setzte sich durch: Entweder Doppelmitgliedschaft oder Verhinderung der Gründung.

Die neue Taktik war sichtbar, die linken Delegierten spielten auf Zeit. Der Kongreß mußte um 17.00 Uhr, spätestens 17.30 Uhr, schließen: „Der letzte Zug nach Norddeutschland geht um 17.56 Uhr. Unsere Körperbehinderten brauchen wenigstens zwanzig Minuten bis zum Bahnhof.“ Und sie schafften es tatsächlich. In der Hektik des Aufbruchs, im Toben und Durcheinander der letzten Minuten („Wir müssen unbedingt gründen“) stimmte eine Mehrheit dafür, daß die Landesverbände „autonom“ die Übergangsregelungen für Doppelmitgliedschaften regeln; eine zeitliche Begrenzung existiert nicht, und der schon gefaßte Beschluß, daß die Landesregelungen sich der Bundessatzung „anzunähern“ haben (also Doppelmitgliedschaften verbieten), rutschte – wie so vieles auf diesem Bundestreffen – durch Mauscheln, Manipulation oder Kopflosigkeit unter den Tisch. Die Linken waren drin. Und Punkt 17.25 Uhr erschien auf dem Bildwerfer: „Hurra, die Grünen sind da!“ Man fiel sich in die Arme, brüllte vor Erleichterung und raste los zur Bahn. Programm, Wahlen, Vorstand waren verschoben. Hauptsache, die Bundespartei existiert.

„Damit kann man leben“, sagte Herbert Gruhl in diesem Moment, ein Musterbeispiel für die Macht der Selbsttäuschung. Damit können die „Grünen“, oder wie die Linken höhnen: die „Alt-Grünen“ oder „Europagrünlinge“ oder „grünen Typen“ – die Doppeldeutigkeit ist gewollt – nicht leben. In Karlsruhe ist eine sozialistische Partei mit ökologischem Anstrich entstanden, deren Fürsprecherin das Argument, man müsse doch an die Wähler denken, unter heulendem Beifall abqualifizieren kann: „Was sagen denn die Wähler? Das Argument ist doch ein Skandal für eine alternative Partei.“ Mindestens drei Landesverbände – Nordrhein-Westfalen, Berlin und Hamburg – werden die Doppelmitgliedschaft, die „unbegrenzte Übergangsfrist“, beschließen und damit die Bewegung spalten.

Sie hat ohnehin wenig Aussichten. Karlsruhe als Visitenkarte hat die Untauglichkeit und Unverantwortlichkeit der grünen Bewegung bewiesen. Von den vier Grundsäulen „ökologisch, sozial, basisdemokratisch und gewaltfrei“ finden sich die beiden ersten auch in anderen Parteiprogrammen; „basisdemokratisch“ kann sich, wie Karlsruhe demonstriert, nur vor Ort bewähren, und „gewaltfrei“ wird von zu vielen angezweifelt, um noch glaubwürdig zu bleiben. Die unpolitischen Protestler träumen zwar davon, die FDP aus dem Bundestag zu kippen, aber verschwenden keinen Gedanken daran, daß sie damit dem gefürchteten und verhaßten Franz Josef Strauß an die Macht verhelfen können.

„Die Grünen sind nicht nur grün, weil sie zu oft rot sehen“, seufzte eine ältere Delegierte aus Baden-Württemberg. Das ist eine richtige, doch unzulängliche Erklärung. Die Energie und Taktik der Linken hätte nicht ausgereich, sie zu überfahren, wären sie sich vorher darüber einig gewesen, was sie wollen. „Wir haben uns durch die Bundestagswahl unter Zeitdruck setzen lassen“, klagte ein niedersächsischer Vertreter. Die einhellige Abneigung der Basisdemokraten, sich von „Prominenten etwas vordenken zu lassen“, hat sie denen ausgeliefert, die schon lange ein festes Programm haben. Deren Zielrichtung erscheint den grünen Gegnern der Kapitalismus- und Industriefolgen nicht verwerflich; doch „grün“ ist es nicht. Die lobenswerte Bereitschaft, die demokratisch-gutwilligen Linken zu integrieren, bezahlen sie mit dem totalen Verlust einer grünen Identität. Die Entwicklung ist über einen Mann wie Gruhl hinweggegangen; über seinen Spruch: „Wir stehen nicht links und nicht rechts, wir stehen vorne“, wurde gelacht.

Nur einmal machte sich gemeinsames Entsetzen über die geforderte totale Freiheit breit. Das war, als sich eine jugendliche Kommune mit lärmender Gewalt des Mikrophons bemächtigt hatte und hineinschrie: „Wir verlangen das Recht, mit zwölf Jahren von daheim auszuziehen und mit unseren Freunden zu leben. Unsere Rechte werden mißachtet. Schafft endlich die Schulpflicht ab!“