Als Hašek um 1910 – wahrscheinlich nach einer Zechtour – eine jener zahllosen Geschichten verfaßte, mit denen er das Geld für seine Zechtouren verdiente, diesmal zur Abwechslung über einen einfältigen Soldaten, dessen Einfälle seine Vorgesetzten zur Verzweiflung und in Gefahr bringen, hatte selbst der Autor – von der Welt ganz zu schweigen – keine Ahnung, daß der tschechische Urfaust entstanden war, der Keim eines Werkes, das siebzig Jahre später auch die Redaktion der ZEIT unter "die 100 Bücher der Weltliteratur, die man lesen sollte", aufnehmen würde.

Hasek mußte allerdings noch ein weiteres Dutzend Jahre, einen Weltkrieg und eine welterschütternde Revolution durchleben, damit die gängige Humoreske zu jenem einzigartigen Roman heranreifte, der sowohl die elementaren Zeichen seiner Zeit als auch die Situationen und Gestalten einfing, die immer wieder auf der Turmuhr der Geschichte vorüberziehen, nur in neuen Kostümen und mit neuen Accessoirs.

In Böhmen gibt es indes neben den unzähligen Lesern, die den Schwejk zitieren wie ein Pater die Bibel, auch zahlreiche, die ihn nach wenigen Seiten weggelegt haben. Denn der Schwejk ist eines der Bücher, die gleichsam nicht geschrieben, sondern herausgeschleudert wurden; deshalb wirken sie eher wie lebendige Organismen denn wie Kunst: Dieses endlose Konglomerat von Anekdoten, dessen Handlung von Episode zu Episode schweift, aus dem Gestalten geheimnisvoll verschwinden, in dem das Genre von obszöner Possenreißerei ins sittenbildhafte Traktat hinüberschillert, fasziniert den Leser entweder immer wieder aufs neue, oder es stößt ihn ein für allemal ab. Ich habe nicht die Absicht, diese irrationale Begegnung zu beeinflussen, ich schreibe keinen Werbetext, sondern einen Brief an jene, die dem braven Soldaten Schwejk verfallen sind.

Der Roman ist ein Handbuch der unbewaffneten Selbstverteidigung des Bürgers, der gleich zweimal ausgepreßt wird: durch die Presse eines totalitären Regimes und durch die einer Besatzungsmacht. Sich gegen beides aufzulehnen, dazu fehlt es ihm an Kraft. Sich nicht aufzulehnen, bedeutet entweder, physisch ausgepreßt zu werden, als Bestandteil einer anonymen Menschenmasse, die für fremde Interessen als Kanonenfutter in die Schlacht geworfen wird, oder psychisch, wenn er aus Angst oder Bequemlichkeit anfängt, mit dem Regime und der Macht entgegen den Interessen seiner Gemeinschaft zu kollaborieren. Schwejk, Angehöriger eines Volkes, dem seine Aristokratie gewaltsam genommen wurde und dessen Intelligenz sich daher unmittelbar aus dem Volk rekrutiert, findet eine geniale Lösung, zu der wohl Intellekt als auch Instinkt beitragen: Er beginnt hohle Phrasen, die das totalitäre Regime und die Besatzungsmacht wie Reklameballons hochsteigen lassen, mit nimmermüder Aktivität zu füllen, bis dieser Ballast sie in Klötze verwandelt, die den Urhebern in den Weg und auf den Kopf fallen.

Die moderne Zeit kennt Streiks, bei denen ganze Industrie- und Verkehrszweige dadurch lahmgelegt werden, daß die Arbeitnehmer sich buchstabengetreu nach den Vorschriften richten. Schwejk ist ihnen im Bereich der Ideologie zuvorgekommen. Seine aufreibende staatsbürgerliche Loyalität, die selbst die Polizei entwaffnet, seine gefährliche kriegerische Ungeduld, mit der er seine Offiziere aus der sicheren Etappe an die unsichere Front treibt, und vor allem sein unausgesetztes Glaubensbekenntnis für den Sieg des Hauses Habsburg – desto unerschütterlicher, ja weniger berechtigt –, all dies lähmt und deprimiert die Repräsentanten der Macht, schließlich verstört es sie. Da haben sie sich jahrzehntelang viribus unitis bemüht, den Musterbürger zu erschaffen. Nun steht er vor ihnen, und es gelingt ihnen nicht, zu unterscheiden: Ist er so durchtrieben oder so blöd? Wäre wenigstens eines dieser beiden Übel das kleinere! Doch das eine ist noch schlimmer als das andere: Falls Schwejks Unbefangenheit nur die Maske der Durchtriebenheit ist, woher dann die Gewißheit nehmen, daß er nicht gleich mit dem ersten Schuß den Vorgesetzten fällt? Und ist sie Ausdruck der Blödheit, wer garantiert dann dem Vorgesetzten, daß er nicht ins Verderben gerissen wird? So oder so bleibt ihm nichts anderes übrig, als seine gesamte Energie aufzubieten, um die Energie des Untergebenen in sicheren Grenzen zu halten. Auf diese Weise wirken zwei Energien, die vereint gegen den Feind wirken sollten, gegeneinander und stören sich gegenseitig.

Schwejk ist ein Antiheld, der eine Antikraft produziert, die geplante Situationen in ihr Gegenteil verkehrt. Dieser Effekt, in der konkreten historischen Situation, da Österreich den Krieg zu verlieren beginnt, durch die hämische passive Resistenz des besetzten Volkes vervielfacht, trug zweifellos zur Beschleunigung des Debakels bei. Dieses hatte freilich auch anderes und ernstere Ursachen. Trotzdem wurde Schwejk in Böhmen zu seinem Symbol. Der Antiheld wurde von eben jener Mehrheit zum Helden gekürt, die mit der Besatzungsmacht generationenlang aktiv zusammengearbeitet hatte. Ein nur scheinbares Paradoxon. Schwejk als Widerstandskämpfer besitzt eine erstaunliche Eigenschaft: Er hinterläßt keine sichtbare Spur, und deshalb kann jeder sich für Schwejk halten. Masaryk? Gut, er hat den Widerstand außer Landes organisiert und die Alliierten dahingehend überzeugt, aus einem Teil der österreichisch-ungarischen Trümmer den tschechoslowakischen Staat zusammenzuleimen. Doch wo wäre Masaryk geblieben, hätte nicht zuvor Schwejk Österreich zerstört (sprich: wir!).

Darin liegt die Erklärung, warum auf der böhmischen Turmuhr der brave Soldat Schwejk den Präsidenten Masaryk bis heute überlebt hat, warum er Massenauflagen erlebt, während Masaryk längst eingestampft worden ist. Das gegenwärtige Regime und die dahinterstehende Macht wissen inzwischen sehr wohl, daß die Entstehung und jede weitere Inkarnation eines echten, gefährlichen Schwejk von zwei Faktoren bedingt werden: Die Macht muß müde sein, der Bürger bei Kräften. Deshalb ist Brechts "Schwejk im Zweiten Weltkrieg" ein naives Stück, das höchstens beweist, wie die Zeit die Erfahrungen des Autors überholt hat: Der Nazismus auf der Höhe seiner Kraft hat den Schwejk verscheucht, weil er zwischen "Schwejkismus" und Sabotage keinen Unterschied gemacht, sondern für beides das Beil bereitgehalten hat. Deshalb darf der brave Soldat Schwejk auch heute noch in jedem tschechischen Lokal hängen; er reflektiert nichts anderes als einen harmlosen frommen Wunsch der Bürger, die vom Dahintrudeln des nationalen Geschicks im Augenblick so erschöpft sind, daß sie alles tun, was das Regime verlangt, ohne auch nur zu versuchen, es in Verlegenheit zu bringen. Und sollte vielleicht ein unverhoffter Ruck das nationale Geschick wieder einmal zu einer besseren Zukunft wenden, wird Schwejk auch ihr Selbstbewußtsein steigern. Die Charta? Gut, sie hat die Kontinuität der nationalen Moral gerettet und somit auch die Voraussetzung der Staatlichkeit, aber wo wäre die Charta geblieben, hätten nicht zuvor wir den Hintergrund des Volkshumors, als die Schwejks, aufrechterhalten?

Darin ist freilich keine Schuld der Figur oder des Autors zu erblicken, sondern eher eines der Zeichen für die ungebrochene Vitalität des Werkes. Unabhängig vom nationalen Geschick oder von aktuellen Gegebenheiten wird der brave Soldat Schwejk, daheim und überall auf der Welt, immer wieder neu entdeckt und immer wieder gelesen, weil er, wie jedes große Werk, schon "an sich" funktioniert. Die Monate vor seinem Tod hat Hašek mit übermenschlicher Arbeit ausgefüllt; er schrieb oder diktierte sein Buch in einem einzigen, ununterbrochenen, hektischen Raptus – wie ein paar Gassen weiter, ebenfalls voll Todesahnungen, ein anderer Prager, Franz Kafka. Verblüfft vergleicht man, wie dieselbe historische und eine unterschiedliche existenzielle Erfahrung zur selben Zeit und am selben Ort einen tschechisch und einen deutsch schreibenden Autor zu zwei genialen Büchern inspiriert hat, die offensichtlich einen gemeinsamen Nenner haben: das Thema des Bürgers, der gerüttelt wird durch die elementaren Kräfte von Geschichte und Gesellschaft.

Verfügt er über genügend Kräfte, und stehen seine Sterne günstig, so wird er als Josef Schwejk daraus hervorschleichen. Im gegenteiligen Fall wird es ihm ergehen wie Josef K.

Pavel Kohout

Aus dem Tschechischen übersetzt von Alexandra Baumrucker

Jaroslav Hašek: "Die Abenteuer des braven Soldaten Schwejk", aus dem Tschechischen von Grete Reiner; rororo 409 u. 411, Rowohlt, Reinbek, 1960; 2 Bde., 365 u. 322 S., je Band 6,80 DM

Jaroslav Hašek: "Die Abenteuer des braven Soldaten Schwejk", aus dem Tschechischen von Grete Reiner; Rowohlt, Reinbek, 1976; 736 S., Abb., 22,– DM (Sonderausgabe)