Von Harald Steffahn

General Eisenhower an General Marshall, 18. März 1945: „Bisher habe ich den Grund des Todes der deutschen Kriegsgefangenen, der mir kürzlich berichtet wurde, nicht herausfinden können, noch weiß ich, wer verantwortlich ist. Es ist mir zuwider, daß solche Dinge geschehen, denn ich hasse es, mich bei den Deutschen zu entschuldigen. Es scheint aber, daß ich diesmal keine andere Wahl habe.“ Und tatsächlich, in einer Note vom 24. März, übermittelt von der amerikanischen Gesandtschaft in Bern, erklärte der alliierte Oberbefehlshaber gegenüber dem Oberkommando der Wehrmacht sein Bedauern, daß 130 deutsche Kriegsgefangene bei Eisenbahntransporten in Frankreich erstickt waren, er versprach Bestrafung der Schuldigen.

Die nationalsozialistische Schreckensherrschaft in Europa hat eine Fülle von Untaten der Gegenseite zur Folge gehabt, und sie sind zum Teil breit dokumentiert, vor allem der Luftkrieg und die Vertreibungsverbrechen. Merkwürdigerweise dauerte es aber vierunddreißig Jahre, bis die erste Arbeit über eine deutsche Institution erschien, die sich von 1939 bis 1945 mit alliierten Völkerrechts-Verletzungen befaßt hatte. Das um und um gepflügte Forschungsfeld Zweiter Weltkrieg hält also auch heute noch unausgewertete Sachkomplexe für Findige parat.

Obwohl von den Juristen, die für die Wehrmacht-Untersuchungsstelle (WUSt) tätig waren, noch einige leben, hat sich doch bisher keiner, sei es in der historiographischen oder Erinnerungsliteratur, mit seinem einstigen Tätigkeitsgebiet beschäftigt; vielleicht, weil das Thema für Deutsche wegen des naheliegenden Verdachts, aufrechnen zu wollen, eine Gefühlsbarriere darstellt. Erst ein Amerikaner, ein New Yorker Anwalt mit dem juristischen Doktor von Harvard und dem philosophischen des Fachbereichs Geschichte der Universität Göttingen, wagte sich an den heiklen Stoff:

Alfred M. de Zayas: „Die Wehrmacht-Untersuchungsstelle. Unveröffentlichte Akten über alliierte Völkerrechts-Verletzungen im Zweiten Weltkrieg“; Verlag Universitas/Langen-Müller, München 1979; 479 S., 38,– DM.

An den Gegenstand war de Zayas geraten, als er über die Aussiedlung der Ostdeutschen arbeitete. Schon mit jenem Buch („Nemesis at Potsdam“, 1977) hat er seine wissenschaftliche Zuneigung zu schwierigen Themen bewiesen, ohne dabei das Gespür für Ursache und Wirkung zu verlieren. So auch hier nicht: „Daß eine bürokratische Tötungsmaschinerie die Vernichtung von Millionen Menschen ins Werk setzte, ... dürfte in der Geschichte wohl einmalig sein... Unter keinen Umständen darf der Leser diesen zeitgeschichtlichen Rahmen vergessen.“

Nach solchem Verhaltensgebot wird ein auf weiten Strecken harter Lesestoff präsentiert, in seinem nüchternen Protokollcharakter noch immer das Spiegelbild einer gnadenlosen Kriegführung auch der anderen Seite. Damit ist vor allem die sowjetische gemeint. So viele Einzelübergriffe bei den Westalliierten vorkamen und bei der WUSt aktenkundig wurden, es blieben Einzelfälle. In Rußland dagegen waren Verstöße gegen das Völkerrecht an der Tagesordnung, besonders Gefangenen-Erschießungen.

„Hält man sich das Material, das auf diese Weise im Laufe der Jahre zusammengetragen wurde, vor Augen, so ergibt sich daraus die Erkenntnis, daß die berichtete Praxis sowjetischer Soldaten, keine Kriegsgefangenen zu machen oder diese nach der Vernehmung sofort zu erschießen, keine Einzelerscheinung war.“ So der disziplinierte, emotionsfreie Forscher, der darum um so überzeugender schreibt. Schreckliche Quälereien kamen vor. Die Grenzen zwischen dem, was aus Rache geschah, und dem, was einem Regime anzulasten ist, das dem Genfer Kriegsgefangenen-Abkommen von 1929 nicht beigetreten war und die Haager Landkriegsordnung von 1907 gekündigt hatte, waren im Rußlandfeldzug fließend.

Die Beispielsammlungen sind nur die chronikartige Hülle einer im Grunde systematischen Studie. Sie setzt sich zum Ziel, Organisation, Arbeitsweise und Zuständigkeit der Wehrmacht-Untersuchungsstelle darzulegen. Wichtiger noch: Sie will prüfen, ob die dem OKW unterstellte Behörde unter Kriegsbedingungen unabhängig ermitteln konnte.

Der Autor kommt zu dem Ergebnis, „daß die Wehrmacht-Untersuchungsstelle eine gewissenhafte, justizkonforme Dokumentation betrieben“, also-ihre Erkenntnisse nicht unter irgendwelchem Druck verfälscht wiedergegeben hat. Aus den 226 erhaltenen Bänden, die seit 1968 aus den Vereinigten Staaten nach Deutschland zurückgebracht wurden, sind Beispiele penibler Wahrheitssuche zitiert, bei denen man nur über das Mißverhältnis der Rechtsanschauung in ein und demselben Machtbereich staunen kann: einerseits die Tötung Zehntausender auf Grund bloßen Verdachts oder als Geiseln; andererseits die Prüfung jedes Einzelschicksals etwa eines mordverdächtigen russischen Gefangenen – nach herkömmlichen juristischen Grundsätzen.

Das Amt war mit erfahrenen Juristen besetzt, die der NS-Ideologie fernstanden. Inmitten korrumpierten Rechtsdenkens erhielt sich hier eine Oase traditioneller Justiz. Übrigens hatte ihr Leiter Johannes Goldsche schon bei der Vorläufer-Institution (1916–1919) als stellvertretender Chef fungiert. Bei der neuen Behörde gab es also so etwas wie Amtsimmunität aus Anciennität.

Ihre Befugnisse erlaubten ihr nicht, gegen Schuldige tätig zu werden, sondern nur Material zu sammeln, und zu dokumentieren. Daraus gewann das Auswärtige Amt Unterlagen für diplomatische Proteste über die Schutzmacht-Vertretungen (die Schweiz vor allem) und fertigte Weißbücher.

Das Gewicht der Ermittlungsarbeit lag bei Unrechtshandlungen gegen deutsches Militär. Untersucht wurden aber auch Verbrechen an der deutschen Zivilbevölkerung (wie der „Blutsonntag in Bromberg“ 1939) oder an Zivilisten anderer Staaten (Roheitsdelikte abziehender Engländer 1940 in Belgien). Das Heeres-Verordnungsblatt vom 4. September 1939, das die Aufgaben der Dienststelle umreißt, nennt als weitere Aufgabe eigens, „die vom Auslande gegen die deutsche Wehrmacht... erhobenen Anschuldigungen aufzuklären“. Hier gab es wenig zu tun, hier stieß die Untersuchungsstelle freilich auch bald an ihre Kompetenzgrenzen: indem sie all das auszuklammern hatte, was nicht der Wehrmacht anzulasten war, sondern dem Sicherheitsdienst und der SS – und das war das meiste.

Dieses Buch, das wissenschaftliches Neuland erschließt, ist im Beweisgang sorgfältig abgestützt; es formuliert und wertet behutsam. Die erdrückende Geschichtslast organisierten deutschen Völkermordes wird nicht umverteilt; gezeigt wird nur, „daß Streitkräfte (aller Länder) der Versuchung erliegen, sich über völkerrechtliche Schranken hinwegzusetzen und die Regeln der Menschlichkeit zu mißachten, wenn erst einmal der Krieg entfesselt ist“.