Die biologische Revolution marschiert. Letzte Woche erreichte die sich explosiv ausbreitende Anwendung genetischer Manipulationen – von den beteiligten Forschern heute mit sprachlichem Spürsinn lieber schlicht als Gentechnik bezeichnet – einen neuen Höhepunkt. In Genf verkündete der Präsident der international operierenden Biotechnikfirma Biogen, Robert Cawthorn, einem Mitglied des wissenschaftlichen Beirats dieses von führenden Genforschern, Pharmafirmen und kapitalkräftigen Investoren getranenen Unternehmens sei erstmals die Produktion von menschlichem Interferon mit Hilfe genetisch gezielt veränderter Bakterien gelungen – jenes körpereigenen Abwehrstoffes also, der vielen Fachleuten als wirksamste Waffe gegen Krebs gilt.

Das genetische Galastück gelang Dr. Charles Weissmann vom Institut für Molekularbiologie der Universität Zürich. Weissmann arbeitete mit drei Forschern des finnischen Roten Kreuzes in Helsinki zusammen, das bislang die meiste Erfahrung in der mühsamen und deshalb ungemein kostspieligen Produktion von menschlichem Interferon aus Spenderblut besitzt. Weitere Einzelheiten wollten weder Weissmann noch Cawthorn verraten – außer, daß Anträge für weltweite Patentrechte gestellt worden sind.

Die Nachricht aus Genf macht zwei Dinge deutlich. Erstens haben sich damit zwei der heißesten Gebiete der biomedizinischen Wissenschaften – die gezielten Eingriffe ins Erbgut und die Krebsforschung – ganz offiziell verbunden. Zweitens wirft Weissmanns Tat ein grelles Licht auf die innige Verquickung von wissenschaftlichen und kommerziellen Interessen, die bei der Genetik inzwischen gang und gäbe geworden ist – eine Verquickung, die vielen Kritikern eines allzu ungestümen Feldzuges in die sensitive Region der Vererbungsbiochemie nicht geheuer ist: Wie glaubhaft kann zum Beispiel die Diskussion um die biologische Sicherheit der Experimente mit genetisch manipulierten Mikroorganismen von einem Forscher geführt werden, der entscheidende Details seiner Arbeit nicht, wie sonst in der Wissenschaft üblich, offenlegen will, weil er durch seine Beteiligung an einer Gentechnikfirma handfeste finanzielle Interessen hat?

Die Jagd nach künstlich hergestelltem und damit vermutlich preiswerterem Interferon kann als eine Art "Großer Preis" der rasch wachsenden, hart konkurrierenden Biotechnik-Industrie gelten. Interferon (von Interferenz = Hemmung) ist eine vom Körper produzierte Eiweißsubstanz, die 1957 entdeckt wurde und die in den letzten Jahren immer mehr als potente "Hemmsubstanz" bei der Bekämpfung verschiedener Infektionskrankheiten und vor allem bei Krebs ins Gespräch kam.

Heute kennen die Wissenschaftler drei Formen menschlichen Interferons, die sie wiederum in zwei generelle Typen einteilen: Fibroblasten-(Bindegewebszellen-)Interferon und Leukozyten- (weiße Blutkörperchen-)Interferon produziert der Körper als Abwehrsubstanzen bei viralen Infektionen; beide Formen zählen zum Interferon-"Typ I".Die dritte Form und damit auch "Typ II" ist das Immun-Interferon, das sogenannte T-Lymphozyten – weiße Blutkörperchen mit körnigem Zellplasma – als Antwort auf das Eindringen artfremder Eiweißstoffe herstellen. Alle drei Formen scheinen die gleichen biologischen Eigenschaften zu besitzen, trotz unterschiedlicher chemischer Struktur.

Wie das Journal der Amerikanischen Medizinischen Gesellschaft (JAMA) unlängst meldete, konnten Biochemiker einen Teil der Aminosäuren-Sequenz von zwei Interferon-Arten entschlüsseln. Alle Eiweißstoffe, also auch Interferon, setzen sich aus zwanzig verschiedenen Aminosäuren zusammen, die gleichsam die Buchstaben des Aminosäuren-"Alphabets" bilden. Ist die Reihenfolge der Aminosäuren bekannt, kann der jeweilige Eiweißstoff synthetisiert oder aber – wie jetzt durch Biogen – mit Hilfe genetisch manipulierter Bakterien produziert werden.

Der Boom der Interferon-Forschung begann 1978, als die Amerikanische Krebsgesellschaft sich entschloß, Interferon im Wert von zwei Millionen Dollar zu kaufen. Die Gesellschaft wollte in klinischen Tests herausfinden, ob und wie die gelobte Substanz bei verschiedenen bösartigen Tumoren – etwa Melanom und Brustkrebs – wirkt. Der kostbare Stoff wurde 150 Krebspatienten an zehn Forschungszentren verabreicht. Ende letzten Jahres trafen sich die Interferon-Forscher zu einem ersten Erfahrungsaustausch im texanischen Dallas – und lösten dabei, allen immer wieder vorgebrachten Mahnungen zur Vorsicht zum Trotz, eine Art Interferon-Euphorie aus.