Das Geschichtsbild des Franz Josef Strauß: Gleichnisse für unheilschwangere Visionen und grimmige Prophezeiungen

Eine Untersuchung von Karl-Heinz Janßen

Eigentlich wollte er Geschichtsprofessor werden. Die Nationalsozialisten und die Kriegsläufte hinderten ihn daran. Wie wir aus seiner neuesten, autorisierten Biographie erfahren, hängt Franz Josef Strauß diesem Traum noch heute nach. Sein Parteifreund Friedrich Zimmermann präsentiert ihn den Wählern als Intellektuellen, als Denker, als Historiker – in dieser Reihenfolge. Während des Weltkrieges hat Strauß in Geschichte und alten Sprachen sein Staatsexamen abgelegt (übrigens mit Traumnoten); er ist es gewohnt, in großen Zeiträumen zu denken; er kann gar nicht anders, als sein historisches Bildungsgut, das er durch Lektüre stetig angereichert hat, in seine politischen Überlegungen, Pläne und Entwürfe einzubeziehen. Er hat einen Sinn für die Bruchpunkte der Geschichte. Aufstieg und Verfall der antiken Reiche sind ihm ebenso vertraut wie die Tragödien der europäischen Geschichte seit dem Mittelalter.

Umgang mit der Geschichte kann ein intellektuelles Vergnügen sein – für Strauß ist sie eine Herausforderung. Beinahe möchte man sagen: eine seelische Belastung. Aus der Geschichte strömen ihm die Gleichnisse zu für seine unheilschwangeren Zukunftsbilder, aus ihr schöpft er seine grimmigen Prophezeiungen. Nacht muß es sein, daß Straußens Sterne leuchten. Er sieht sich in der Rolle des Propheten im eigenen Lande, auf den niemand hören will – ein Churchill ohne Dünkirchen, wie ihn Rolf Zundel einmal genannt hat.

Die Befragung zur Geschichte, der sich Strauß vorige Woche im ZDF-Magazin stellte, mündete rasch in eine Diskussion über Teilbarkeit oder Unteilbarkeit von Spannung und Entspannung in der Welt. Sie entpuppte sich als Rahmenveranstaltung für einen einzigen Satz, den der Kanzlerkandidat an den Wähler bringen wollte: Sein Gegenspieler Helmut Schmidt sei "unfähig, geschichtlich zu denken, geschichtliche Konsequenzen zu ziehen", folglich "auch unfähig, eine Nation in Zeiten der Krise zu führen". Dieser Vorwurf ist keineswegs neu. Nie hat sich Strauß eine Gelegenheit entgehen lassen, den Kanzlern Brandt und Schmidt historisches Banausentum anzukreiden. Die Geschichte ist ein so bestimmendes Element in den Konzeptionen und Konklusionen des bayerischen Kanzlerkandidaten, daß dem Wähler das Geschichtsbewußtsein des Franz Josef Strauß nicht gleichgültig sein sollte.

Stolz auf Bayern

Das Geshichtsbild eines Menschen setzt sich ganz varshiden Faktron zusammen: Herkunft, Elternhaus, Schulbildung, geistigen Anregungen, persönlichen Lebenserfahrungen.

Strauß ist stolz auf seine bayerische Herkunft. Bayern ist nicht nur die Plattform, von der aus er die Macht im übrigen Deutschland erobern will, es ist auch Ansatzpunkt und Ausgangspunkt seiner Geschichtsbetrachtung. Diesem ältesten deutschen Staate fiel in der neuen Republik ein Teil jener nationalen Aufgaben zu, die normalerweise Preußen übernommen hätte.

Das beginnt schon 1947 mit der ersten und bisher einzigen gesamtdeutschen Konferenz der Ministerpräsidenten in München. Jenes vielbelächelte Wort von den "letzten Preußen" hat hier seine Wurzel. Aber als einstige Mittelmacht im Heiligen Römischen Reich besann sich Bayern auch auf seine europäische Tradition. "Bayerische Politik" im Weltmaßstab – für Strauß ist das gelebte Geschichte.

Mit diesem landsmännischen Selbstbewußtsein paart sich die Volksverbundenheit des gebürtigen Schwabingers, die von den Sozialdemokraten leicht unterschätzt wird. Dieser Intellektuelle hat nie verhehlt, daß er "aus der Tiefe des Volkes" aufgestiegen ist, Sohn eines Metzgermeisters und einer Köchin. Von seinem strengkatholischen Elternhaus erbte er ein festgefügtes Weltbild; es feite ihn gegen den Ungeist des Nationalsozialismus. Der Vater war Gründungsmitglied der Bayerischen Volkspartei von 1919, der Nachfolgerin des Zentrums und Vorläuferin der CSU. Die Abneigung und das Mißtrauen des aufstrebenden Kleinbürgertums gegen die Sozialdemokratie hat Strauß schon in der Kinderstube in sich aufgenommen. Seine Kindheitserinnerungen reichen bis in die turbulenten Tage der Münchner Räterepublik, als Revolutionsangst und Kommunistenfurcht sich der Bürger bemächtigten.

Strauß hat öfters beschrieben, wie er nach dem Zweiten Weltkrieg durch die Trümmerlandschaft seiner Heimatstadt ging und über die Zukunft des Vaterlandes nachdachte, das in seiner Not nur zu leicht dem Kommunismus hätte anheimfallen können. Sich für die neue bayerische Volkspartei, die Christlich-Soziale Union, zu entscheiden, fiel ihm nicht schwer. Seinem ganzen Milieu nach hätte er weder Nationalsozialist noch Sozialist werden können. Das macht: Der Historiker Strauß leugnet leidenschaftlich jene gewisse Affinität zum Faschismus, die in der Weimarer Republik in rechtsbürgerlichen Kreisen anzutreffen war, und er hegt einen Widerwillen gegen jene von Bundespräsident Gustav Heinemann ermunterte Geschichtsschreibung, die in erster Linie den freiheitlichen (sprich: jakobinischen) Tendenzen in der deutschen Geschichte nachspürt.

Den eigentlichen Zugang zur abendländischen Geschichte vermittelte dem jungen Strauß das humanistische Gymnasium und die Universität. Er eignete sich eine fundierte klassische Bildung an, um die ihn Helmut Schmidt im stillen beneidet. Dafür zeigt sich Strauß nicht so sattelfest in der Geschichte der Arbeiterbewegung – zum Beispiel wenn er Wilhelm und Karl Liebknecht verwechselt. Das immense Wissen des CSU-Vorsitzenden, das bei Reden und Diskussionen nur so aus ihm hervorsprudelt, läßt Laien leicht in Ehrfurcht verstummen. Wer die Äußerungen dieses Politikers zur Geschichte durch die Jahre verfolgt, wird indes bald feststellen, daß sich Strauß gewisser Stereotypen bedient, die er zu verschiedenen Gelegenheiten immer wieder wirkungsvoll einsetzt. Das Wort "historisch" benutzt er als politische Waffe, die den Gegner einschüchtern oder außer Gefecht setzen soll.

Sobald sich Strauß der Zeitgeschichte und der neueren Geschichte etwa seit Bismarck zuwendet, fällt auf, wie einseitig, wie zeitgebunden, wie klischeehaft seine Urteile sind. Seine Darstellung der deutschen Nationalgeschichte von 1870 bis 1933 entspricht dem wissenschaftlichen Stand der Zwischenkriegszeit, Da man diesem Politiker mit seiner Gabe, sich in kürzester Zeit neue Fakten anzueignen, Lernfähigkeit nicht absprechen kann, verschließt er sich offensichtlich bewußt allen Erkenntnissen, die sich in sein parteipolitisch motiviertes Geschichtsbild nicht einfügen.

Über die wilhelminische Zeit pflegt Strauß jene Vorurteile, mit denen sich das deutsche Bildungsbürgertum nach dem Ersten Weltkrieg die Niederlage des Reiches zu erklären suchte: Die Nachfolger Bismarcks hatten kein Format. Überhaupt können nur wenige Staatsmänner vor dem gestrengen Urteil des Kanzlerkandidaten bestehen – allenfalls für Perikles bringt er noch Bewunderung auf. Zur Vorgeschichte des Ersten Weltkrieges hält sich Strauß an die für alle Beteiligten bequeme Formel Lloyd Georges vom "Hineinschlittern", oder er tischt den Lesern der Welt die deutschnationale Mär wieder auf, wonach der Kriegsausbruch von 1914 dem Intrigenspiel des französischen Präsidenten Poincaré, des russischen Botschafters Iswolskij und des britischen Botschafters Sir Francis Bertie zuzuschreiben ist.

Im Dienst der Ostpropaganda?

Strauß verkennt zwar nicht das Verfehlte der kaiserlichen Weltpolitik, sperrt sich jedoch gegen die These Fritz Fischers von der Hauptschuld Deutschlands auch am Ersten Weltkrieg, obschon sie längst von der Mehrzahl der deutschen und der internationalen Forscher akzeptiert wird. Seine Reaktion ist unverhältnismäßig scharf: Er unterstellt dem Hamburger Professor und seinen Schülern nicht nur Geschichtsfälschung und Geschichtsklitterei, er verdächtigt sie sogar, sie stünden wissentlich oder unwissentlich im Dienste der Ostpropaganda. Diese unqualifizierten Verleumdungen lassen sich nicht anders erklären als durch die Betroffenheit eines nationalbewußten Deutschen, der es nicht dulden möchte, daß unser eigenes Nest beschmutzt wird, der seine tiefsten Empfindungen verletzt fühlt. (Auch der Historiker Gerhard Ritter, ein eher nationalliberaler Mann, sprach damals, auf Fischer gemünzt, von Flagellantentum.)

In der Tat stürzte Anfang der sechziger Jahre für das deutsche Bürgertum ein sorgsam konserviertes Weltbild zusammen. Aller Gelehrtenfleiß, der in der Weimarer Zeit gegen die sogenannte Kriegsschuldlüge mobilisiert worden war, schien umsonst gewesen. Dahin war der schwache Trost, mit dem man sich über die unleugbare Schuld Hitlers am Zweiten Weltkrieg hinweghalf: daß die Deutschen doch wenigstens für den August 1914 kein schlechteres Gewissen als andere zu haben brauchten. Hatten also die angelsächsischen Simplifikateure unter den Historikern und Journalisten doch recht, die eine gerade Linie von Friedrich dem Großen über Bismarck und Kaiser Wilhelm II. bis zu Hitler zogen?

Seither hat sich unter jüngeren Historikern mehr und mehr die Ansicht durchgesetzt, daß sich sehr wohl eine Kontinuität deutschen Großmachtstrebens von der Kaiserzeit bis zum Dritten Reich nachzeichnen läßt, die vornehmlich bei den Eliten der Gesellschaft – unter Schwerindustriellen und Großagrariern, in der Beamtenschaft und beim Militär – angesiedelt war. Strauß ist noch vor einem halben Jahr vehement gegen diese Betrachtungsweise zu Felde gezogen:

"Jene Deutung, daß die obrigkeitsstaatliche Struktur des Deutschen Reiches, das Versagen des Bürgertums, die Schuld der ,Rechten‘, die Schwäche des Liberalismus, seine mangelnde Zusammenarbeit mit der Arbeiterbewegung, der administrative Zwang gegen die Sozialdemokratie durch die Sozialistengesetze diesen Ablauf zwangsläufig herbeigeführt habe, ist unsinnig, ist eine entweder auf Unwissenheit oder auf Absicht beruhende Geschichtsklitterung."

Und noch deutlicher: "Ihre Anhänger glauben, in den Konservativen, die sie irrtümlich mit der politischen Rechten schlechthin gleichsetzen, den Bösewicht der deutschen Geschichte dingfest gemacht zu haben, der für alle Versäumnisse, Fehler, auch Verbrechen der deutschen Geschichte verantwortlich gemacht werden könne."

Spätestens hier wird deutlich, daß es Strauß nicht allein um die historische Wahrheit, sondern um seine eigene parteipolitische Sache zu tun ist. Daran ist nichts Außergewöhnliches. Politiker haben allemal Argumente für den politischen Tageskampf dem Arsenal der Geschichte entnommen. Natürlich haben Anhänger der sozial-liberalen Koalition nicht ungern auf neue wissenschaftliche Publikationen zurückgegriffen, in denen über die bürgerlichen Vorgänger der Unionsparteien Peinliches zu lesen stand; sie haben es dabei an der nötigen Differenzierung fehlen lassen. Unleugbar hat die von Strauß bekämpfte historische Schule in der zeitgeschichtlichen Forschung ein Übergewicht. Er übersieht nur, daß es sich dabei um einen normalen Pendelausschlag handelt: In den Jahrzehnten zuvor wurde deutsche Zeitgeschichte vornehmlich aus der Sicht von rechts geschrieben.

Strauß führt an dieser Front als Historiker seit Jahren einen verbissenen Kampf. Er muß sich gegen die Unterstellung wehren, er sei ein verkappter Nazi (ein Vorwurf, der ihn, den Unbelasteten, besonders erbittert). Auch gegen die Behauptung, seine Partei befinde sich auf dem äußersten rechten Rand des politischen Spektrums. Nie haben die Unionsfraktionen im Bundestag nach 1969 so wutentbrannt, so unbeherrscht reagiert, wie wenn ein Redner der Koalition sie oder ihre politischen Vorfahren in die geistige Nähe des Nationalsozialismus oder der antidemokratischen Harzburger Front rückte.

Kein Blatt vor den Mund

Es muß darum für Franz Josef Strauß eine Erleuchtung gewesen sein, als er auf die Schriften des liberalen britischen Ökonomen und Nobelpreisträgers Friedrich August Hayek stieß, der bereits 1944 totalitär-kollektivistische Parallelen zwischen marxistischen und nationalsozialistischen oder faschistischen Parteien aufgedeckt hatte. 1971, als der Neomarxismus unter der europäischen Jugend Platz griff, hat Hayek sein Buch "Der Weg zur Knechtschaft" unverändert wieder aufgelegt, im Vorwort allerdings angemerkt, er habe seinerzeit jenen älteren Sozialismus vor Augen gehabt, der eine zentrale Planwirtschaft anstrebte, eine Form, die inzwischen von den meisten sozialistischen Parteien des Westens aufgegeben worden sei. Gleichwohl hält er immer noch – und mit ihm Strauß – den Sozialismus für eine Illusion, auch den demokratischen Sozialismus.

Auf Hayek stützten sich Strauß und seine Jünger, als sie im vorigen Herbst den Nationalsozialismus als eine Variante des Sozialismus bezeichneten. Strauß verstieg sich sogar zu der Behauptung, die Schwungmasse der Hitler-Wähler sei von den verzweifelten Sozialisten gekommen, die der Sozialdemokratie davongelaufen seien. In der ZEIT hat ihm daraufhin der Freiburger Historiker Heinrich August Winkler einen "eigenwilligen Umgang mit der historischen Wahrheit" bescheinigt. Denn von 1928 bis zum Juli 1932, als Hitler seine größten Wahlerfolge erzielte, sind nach neuesten amerikanischen Berechnungen allenfalls 600 000 frühere SPD-Wähler zu den Nationalsozialisten übergelaufen, die bürgerlichen Parteien aber haben in dieser Zeit 8,7 Millionen Stimmen eingebüßt.

Vor gut einem Monat beteuerte Strauß im Bundestag, niemand habe jemals die deutsche Sozialdemokratie in die Nähe des Nationalsozialismus gebracht. Der Schein sprach gegen ihn.

Strauß hat seine eigene Art, die Vergangenheit des Dritten Reiches zu bewältigen. Er nimmt kein Blatt vor den Mund, unbekümmert um den Aufschrei seiner politischen Gegner oder der öffentlichen Meinung im Ausland. Er scheint sich sicher zu sein, daß er ein Ohr für die Gefühle der schweigenden Mehrheit hat. So wie Strauß über die deutsche Schuld spricht, so redeten die ehemaligen Frontkämpfer des Zweiten Weltkrieges, als sie aus der Gefangenschaft und aus den Schützengräben an den Stammtisch zurückkehrten.

Niemand durfte es wagen, so zu reden, wie man es normalerweise eher von Rechtsradikalen oder von der National-Zeitung erwartet hätte, niemand außer Strauß, dem jungen Nicht-Nazi, dem Angehörigen der Frontgeneration, den die Amerikaner schon nach wenigen Wochen eines Amtes für würdig erachtet hatten und der, noch nicht einmal vierzig, in Adenauers Kabinett aufrückte. Neuerdings läßt er durch seine Partei dementieren, daß der Ausspruch: "Ein Volk, das diese wirtschaftlichen Leistungen vollbracht hat, hat ein Recht darauf, von Auschwitz nichts mehr hören zu wollen", von ihm stamme. Aber sinngemäß hat er doch wohl das gleiche gemeint (und mit ihm die applaudierenden Parteifreunde), als er um die Jahreswende 1968/69 vor der CSU-Landesversammlung ausrief: "Wir können nicht dauernd in der Gestaltung unserer Zukunft durch die Schatten der Vergangenheit belästigt werden."

Aufrechnen der Verbrechen

In einem Gespräch mit dem damaligen Welt-Chefredakteur Herbert Kremp hat Strauß 1975 durchblicken lassen, warum er und seinesgleichen sich so schwer taten in den Chor der allgemeinen Verdammung gegen das Deutschland von Anno 33/45 einzustimmen: "Die Komplikation unsererDeutschland gerettet werden mußte. Niemand kann doch wünschen, daß das eigene Land den Krieg mit allen Konsequenzen verliert." Millionen ehemaliger Frontkämpfer werden sich in diesem nationalbewußten Satz wiedererkennen, obschon doch jedem von ihnen bewußt gewesen sein müßte, daß ihre soldatische Pflichterfüllung, wie immer ehrenhaft, einem verbrecherischen Regime das Leben verlängern half. "Nicht gerade eine bußfertige Darstellung", befand sogar der Strauß wohlgesonnene Interviewer Kremp.

Kein Wort des Bundeskanzlers Willy Brandt hat Strauß so aufgebracht wie jenes, das angeblich 1969 auf einer Siegesparty gefallen sein soll: Erst mit der Wahl Brandts habe Hitler den Zweiten Weltkrieg verloren. Unvorstellbar, daß ein Bundeskanzler Strauß vor dem Ehrenmal im einstigen Warschauer Getto auf die Knie gefallen wäre.

Viele Deutsche, die sich begeistert oder widerwillig von Hitler hatten mißbrauchen lassen, haben nach 1945 zunächst instinktiv das Kollektivschuld-Urteil der Außenwelt abgewälzt, um nicht den Glauben an sich und ihr Volk zu verlieren. Die bequemste Ausflucht war es, den eigenen Verbrechen die der anderen gegenüberzustellen. Nach dieser Devise ist Strauß immer verfahren. Zwar macht er den Vorbehalt, man könne nicht eins gegen das andere aufrechnen, aber dann unterläuft ihm, dem Latiner, doch jedesmal die Form des non modo, sed etiam, des "Nicht nur, sondern auch", was auf dasselbe hinausläuft. Noch vorige Woche im Fernsehen wiederholte er, was er unter einem normalen Geschichtsbewußtsein versteht: Man dürfe kein Jota von der deutschen Schuld wegstreichen, aber auch kein Jota von der Schuld anderer.

So gibt er dann nicht Hitler allein die Schuld am Zweiten Weltkrieg, sondern ebenso der Komplizenschaft Stalins und der Beschwichtigungspolitik Chamberlains. Und so wertet er die Fernsehserie "Holocaust" als einen "Beitrag zur Geschichtsverfälschung", solange man nicht auch die Greuel der Vertreibung, die Greuel in gewissen Kriegsgefangenenlagern Rußlands und Jugoslawiens und die Erschießung der polnischen Offiziere im Wald von Katyn zeige (als könne man den fabrikmäßigen Völkermord von Auschwitz mit Kriegsverbrechen gleichsetzen). Bei alledem schwingt immer das nationale Ressentiment mit, das Ausland, vor allem die Sowjetunion, wolle die deutsche Schuld kultivieren, um unser Volk für immer im Zustand der Erpreßbarkeit zu halten ein Argument, über das sich ja reden ließe, hinterließen nicht alle Einlassungen des Kanzlerkandidaten zum Thema Vergangenheit den fatalen Beigeschmack, hier erwarte einer nicht nur eine Generalamnestie, sondern den totalen Freispruch der Geschichte.

Franz Josef Strauß mag für sich zu Recht beanspruchen, daß er historische Zusammenhänge, historische Parallelen besser zu erkennen vermöge, auch konsequenter die richtigen Lehren daraus zu ziehen befähigt sei, als die sozialdemokratischen Kanzler seit 1969. Aber es fragt sich, ob nicht die Reden Brandts und Schmidts, Heinemanns und Scheels zur neuesten deutschen Geschichte etwas bezeugen, wovon bei Strauß wenig zu spüren ist: ein Gefühl für historisch-moralische Verantwortung.