Von Dietrich Strothmann

Düsseldorf‚ im Januar

In diesem Prozeß ist alles schon passiert: Der Vorsitzende der 17. Großen Strafkammer am Düsseldorfer Landgericht brach zusammen (Kreislaufkollaps), ein Ersatzrichter lag mit Bandscheibenschaden wochenlang im Krankenhaus, eine Angeklagte und ein Ersatzschöffe sind inzwischen verstorben, ein Verteidiger legte sein Mandat nieder, weil ihm der Ausschluß drohte, Angeklagte und Zeugen kollabierten, aus dem Hauptverfahren mußten Einzelverfahren wegen Erkrankung abgetrennt werden, manchmal hatte das Gericht nach Ablehnungsanträgen der Anwälte stundenlang über sich selber zu verhandeln.

Nichts, so scheint es, ist in diesem Verfahren wegen Mord und Mordbeihilfe im Vernichtungslager Maidanek/Lublin unmöglich – nicht einmal die quälende Prognose, daß in diesem seit vier Jahren geführten und daher bisher längsten NS-Prozeß vielleicht keine Urteile mehr gefällt, zumindest die doch noch Verurteilten ihres Alters oder ihrer Gebrechen wegen die Strafe nicht antreten oder verbüßen können. Dieser Monsterprozeß ist auch ein Musterprozeß: Wie kann, über dreißig Jahre nach verbrecherischen Taten, Recht gefunden und Recht gesprochen werden? Gibt es vielleicht sogar eine Gerechtigkeit, die ungewollt ungerecht ist?

Das Verfahren „gegen Hackmann und andere“, der Maidanek-Prozeß, wird auch in seinem fünften Jahr fortgesetzt, auch nach jenem 380. Verhandlungstag, an dem sich dieses zutrug:

Seit zwanzig Minuten liest der historische Sachverständige – er ist zum drittenmal im Gerichtssaal – aus dem Schlußteil seines Gutachtens vor. Da hebt der Verteidiger der Angeklagten Hildegard Lächert den Finger. Seiner Mandantin sei unwohl. Landesmedizinaldirektor Hindringer, der wichtigste Prozeßbeteiligte, stellt fest: Die Angeklagte sei vorläufig nicht mehr verhandlungsfähig. Der Vorsitzende Richter unterbricht das Verfahren für eine Stunde.

Nach Ablauf der Pause wird dem Gericht mitgeteilt: Die Angeklagte Lächert mußte eilends ins Krankenhaus transportiert werden; sie habe Symptome eines Herzinfarktes und könne mehrere Tage nicht am Prozeß teilnehmen. Die Ankläger stellen den Antrag, das Verfahren gegen die Erkrankte abzutrennen, um mit dem historischen Gutachten und der Zeugenbefragung fortfahren zu können. Das Gericht legt eine weitere Pause ein, um zu beraten. Dann lehnt es den Antrag ab. Der Haftbefehl gegen Hildegard Lächert indessen wird auf Vorschlag der Staatsanwälte für die Zeit des Krankenhausaufenthaltes „außer Vollzug gesetzt“.

Es ist inzwischen kurz vor elf. Für diesen Zeitpunkt ist die Fortsetzung der Befragung von Helena Kurcusz vorgesehen, einer 65jährigen polnischen Zeugin. Sie war jahrelang Opfer in Maidanek, überlebte als Architektin, die für den Bau von Wegen und Kanälen zuständig war, hat viel gesehen, war schon einmal: vergeblich in Düsseldorf gewesen – die Protokolle ihrer Aussagen vor einem polnischen Gericht waren nicht rechtzeitig eingetroffen – und hatte einen Tag zuvor bei der Gegenüberstellung mit den Angeklagten im Gerichtssaal einen Nervenzusammenbruch erlitten. Über Hildegard Lächert, die im Lager den Schreckensnamen „blutige Brigida“ trug, hatte sie ausgesagt: „Sie ist immer erst zufrieden gewesen, wenn bei ihren Schlägen und Tritten (mit ihren eisenbeschlagenen Stiefeln) Blut floß.“ Ein weibliches Opfer sei von ihr blutig geschlagen worden, Weil es sich gegen die Kälte Zeitungspapier unter das dünne Häftlingskleid gesteckt hatte. An diesem 380. Verhandlungstag sollte die Zeugin weiter über Hildegard Lächert aussagen.

Der Vorsitzende Richter erklärt ihr, was in der Zwischenzeit vorgefallen war und fragt Helena Kurcusz, ob sie bereit wäre, zu einem anderen Termin ein drittes Mal nach Düsseldorf zu kommen. Sie nickt zustimmend mit dem Kopf. Die Ankläger stellen daraufhin den Antrag, die Zeugin beim nächsten Befragungstermin des Gerichts in Polen vorzuladen, um ihr die Strapazen einer neuen Reise zu ersparen. Wieder zieht sich das Gericht zur Beratung zurück, wieder wird der Vorschlag abgewiesen. Und wieder wird der Prozeß vertagt Die Zahl der Unterbrechungen und Vertagungen dieses Prozesses läßt sich nur noch schätzen.

Die eine Gruppe der Angeklagten fährt nach Hause, die andere wird in die Untersuchungshaftanstalt gebracht. Die Schöffen eilen zum Mittagessen, die Verteidiger in ihre Kanzleien. Als die Staatsanwälte das Gerichtsgebäude verlassen, trauen sie ihren Augen nicht: Über den Hof geht, in Begleitung von zwei Wachtmeistern, Hildegard Lächert. Die Ärzte im Krankenhaus wollten sie nicht weiter behandeln; ihre Symptome seien nicht bedrohlich, hieß es. Sofort wird der Haftbefehl erneuert. Der Prozeß indessen kann an diesem Tag nicht fortgeführt werden. Die Angeklagte wird in das Bochumer Gefängnishospital eingeliefert.

Schon wenige Tage nach Beginn dieses Prozesses hatte Simon Wiesenthal von einem „Zirkus“ gesprochen. Ein anderer Kritiker hatte das umständliche, zeitraubende Verfahren als „Tragofarce“ bezeichnet.

Hat die Angeklagte Hildegard Lächert ihren Schwächeanfall simuliert? Dafür fehlen die Indizien, Hat sie sich in den Zustand eines nahenden Kollapses hineingesteigert? Dafür spräche ihre berechtigte Furcht, von der polnischen Zeugin noch stärker belastet zu werden. Es war nicht das erstemal, daß eine der Angeklagten in diesem Verfahren unter der Last der Beschuldigungen zusammenbrach, es war auch bei Hildegard Lächert nicht das erstemal.

Sie ist eine der Hauptangeklagten und muß mit „Lebenslänglich“ rechnen. Die heute 59jährige Hilfsarbeiterin aus Heidelberg, die in einem Bordell auch als Putzfrau angestellt gewesen war, zwei uneheliche Kinder hat und letztes Jahr von ihren Gesinnungsfreunden der „Aktionsgemeinschaft Nationales Europa“ auf Platz 4 der Liste dieser rechtsradikalen Gruppe zur Europawahl gesetzt worden war, ist verdächtig, in mindestens 1196 Fällen Mordbeihilfe geleistet zu haben. Sie war bei Selektionen aktiv, führte Opfer zur Vergasung, beteiligte sich an „Kinderaktionen“ (wobei sie die Kinder mit Zuckerstücken auf Lastwagen gelockt haben soll, die zu den Gaskammern fuhren). Jeder kannte die „blutige’ Brigida“, jeder hatte Todesangst vor dieser damals „stattlichen jungen Frau“, deren Hände, Stiefel und Augen bis heute keiner der Überlebenden vergessen konnte. „Sie liebte Blut“, erinnerte sich eine Zeugin; eine andere sagte über sie mit zitternder Stimme: „Auf der ganzen Welt gab es keinen schlimmeren Menschen.“ Am 7. März 1978, dem 243. Verhandlungstag, gab Lore Schadur aus Tel Aviv zu Protokoll: „Sie war eine schlimme Frau. Die Peitsche war ihr in die Hand gewachsen.“ Heute beklagt diese Frau, die eine Furie war, ihr Schicksal: „Ich konnte doch damals nicht anders.“

Wenn das so weiter geht vor der 17. Großen Strafkammer des Düsseldorfer Landgerichts, dann kann vielleicht 1981 mit den Urteilen gerechnet werden, dann ist die „blutige Brigida“ Hildegard Lächert, eine der Jüngsten unter den Angeklagten, sechzig Jahre alt – dann ist sie vielleicht so schwach und krank, daß sie in keiner Zelle mehr büßen muß. War das dann der Sinn dieses aufwendigen, zeit- und kraftraubenden Prozesses? War sonst nichts gewesen, außer Pausen und Prozeduren? Es war dann, trotz allem, ein Stück grausamer Geschichte geschrieben worden. Es war versucht worden, Gerechtigkeit zu üben. Es war versucht worden –