Von Dietrich Strothmann

Der Ajatollah geht, der Präsident kommt. Doch so einfach ist es im Iran nicht, gerade dort nicht. Zwar mußte der bald 80jährige Ruhollah Chomeini wegen akuter Herzschwäche in die Intensivstation eines Spezialkrankenhauses, ehe zur Überraschung fast aller Eingeweihten der 47jährige Abdul Hassan Bani-Sadr mit überwältigender Mehrheit (75,7 Prozent, vor seinem Rivalen Admiral Madam mit kümmerlichen 14,6 Prozent) zum ersten Präsidenten des Iran gewählt wurde – aber noch wird der Greis aus Ghom den Ton angeben. Was mit den 50 Geiseln in der seit drei Monaten besetzten amerikanischen Botschaft geschieht, wie die Wirtschaft angekurbelt und die Verwaltung auf Vordermann gebracht wird, wie die empörten ethnischen und religiösen Minderheiten besänftigt, wie Beziehungen zum "teuflischen" Westen erneuert werden können, hängt nicht allein von der klugen Einsicht und dem guten Willen des frischen, im Herrschen und Walten weithin noch unerfahrenen Jung-Präsidenten ab. Wie lange Bani-Sadr noch im Schatten des geistigen und geistlichen Über-Vaters Chomeini ausharren muß, hat allein mit dessen Wohlbefinden zu tun. Er kann als Präsident französischen Musters – also mit aller Macht ausgestattet – dennoch vom Ajatollah gemäß der Verfassung jederzeit vor die Tür gesetzt werden.

Auch für eine andere bildhafte Umschreibung, die nach Bani-Sadrs strahlendem Sieg über seine Rivalen sogleich benutzt wurde und ebenso schnell abgenutzt war, fehlt vorläufig jeder stichhaltige Beweis: daß in Teheran eine "Taube" aufgestiegen sei und die "Falken" – als da sind die beiden abgeschlagenen Kandidaten Mandant und der Ghom-Vertraute Hassan Habibi sowie der noch amtierende Außenminister Sadegh Ghotbzadeh – nun das Nachsehen haben. Nach seinem Wahltriumph, soviel ist richtig, gab sich Bani-Sadr leutselig, vernünftig, verständnisvoll. Gerade die Amerikaner, die ihn früher als einen "kleingestrickten Ideologen" und "gefährlichen religiösen Fanatiker" eingestuft, ihre Blockadevorbereitungen indessen eingestellt hatten, können aus seinen jüngsten Ankündigungen neue Hoffnungen schöpfen.

Von einer Auslieferung des Schah vor einer "Auslieferung" der amerikanischen Geiseln ist nicht mehr die Rede. Dafür will sich der persische Präsident mit einer Erklärung Washingtons bescheiden, in der Verbrechen, begangen durch "Vermittlung des kaiserlichen Regimes", ebenso anerkannt werden wie "unser Recht auf Verfolgung des Schah und seiner Anhänger". Danach könnte die Geiselfrage "leicht gelöst" werden. Sodann wandte er sich an die Geiselnehmer vor der US-Botschaft: "Wenn wir diesen Weg nicht beschreiten, werden. die Geiseln an uns kleben, und wir werden nicht wissen, was wir mit ihnen machen sollen." Schließlich redete er den rachedurstigen Revolutionären gut zu, die sich nicht mit einem Anti-Schah-Tribunal vor den Vereinten Nationen zufrieden geben wollen: "Er ist jetzt ein armseliger Mensch. Wenn wir ihn aus Panama zurückholen, vor Gericht stellen und bestrafen, dann wird die Geschichtsschreibung das nicht in dieser Form festhalten: ‚Sie haben einen starken Machthaber zurückgeholt und bestraft!‘"

Verglichen mit dem, was derselbe Bani-Sadr noch vor wenigen Monaten erklärt hatte – "Wir wollen den Schah lebend. Wenn er in den USA stirbt, richten wir die Amerikaner" –, muß er heute tatsächlich als so sanft und sensibel erscheinen, wie er bereits höheren Ortes in Washington beschrieben wird. Oder sind dieser politische Pragmatismus und moderate Moralismus nur zur Schau gestellt? Trifft die Charakterisierung, die eine iranische Zeitung dieser Tage benutzte, doch auf Bani-Sadr zu: "Stalin plus Abraham Lincoln plus Don Quichotte"? Und ist er demnach, um sich gleich bei den Amerikanern lieb Kind machen zu wollen, in die Rolle des gütigen, rechtschaffenen Abraham Lincoln geschlüpft?

Sein Leben, sein Wollen und Trachten als zweiter Mann im Staate nach dem Imam Chomeini ähneln – trotz mancher Bücher aus seiner Feder und einiger aktueller Ankündigungen – noch immer eher einem leeren Blatt Papier. Unbekannt ist der Geburtsort des aus einer Ajatollah-Familie stammenden Abdul Hassan Bani-Sadr, bekannt ist das Geburtsjahr nur aus seinem eigenen Munde. Als Student beteiligte er sich an den Demonstrationen gegen die "Weiße Revolution" Reza Pahlevis, kam für fünf Monate ins Gefängnis und entwich 1963 nach Frankreich, wo er als "ewiger Student" sein Wirtschaftsstudium fortsetzte und an der Sorbonne mit einer Diplomarbeit über die iranische Bodenreform abschloß. Danach betrieb er, inzwischen Vater zweier Kinder, von einer kleinen Wohnung in einem südlichen Pariser Vorort aus Propaganda für den nach dem Irak exilierten Chomeini. Und als der Kopf der Anti-Schah-Fronde 1978 nach Frankreich weiterziehen mußte, wurde der Jungakademiker mit dem weichen Gesicht und dem Chaplin-Bärtchen einer seiner engsten Ratgeber.

Er ist es noch heute. Bani-Sadr, der nach der Revolution schon einmal Außenminister, zuletzt Ressortchef für Wirtschaft und Finanzen war, gehörte nicht nur zu den zwanzig Mitgliedern des Planungsgremiums, das Irans Wirtschaft reformieren sollte; er ist einer der fünf Laien im Geheimen Revolutionsrat. Bis jetzt war Bani-Sadr stets zur rechten Zeit zur rechten Stelle.

Gelegentlich freilich schoß er auch, zum Unwillen des iranischen Weltenlenkers von Ghom, über sein Ziel hinaus: als er kurzerhand iranische Guthaben im Ausland abziehen wollte und die Schuldentilgung verweigerte, als er in einem forschen Alleingang die Banken verstaatlichte, zuletzt, als er in der Geiselaffäre einen Kompromiß anstrebte. Deshalb mußte er den Ministersessel im Außenamt räumen und seinem ärgsten Widersacher, dem bis dahin als Oberzensor unrühmlich bekanntgewordenen Ghotbzadeh, Platz machen. Zum Praktiker, der notwendige Reformen maßvoll durchsetzt, hat sich der einzelgängerische Theoretiker, der jahrelang fleißig publizierte, noch nicht gemausert. Wird ihm der Wandel nun, ausgestattet mit den Insignien eines Präsidenten, gelingen?

Er könnte, fuhrwerkte ihm der wiedergenesene Ajatollah erneut dazwischen, auf das klare Votum des Volkes verweisen. Er könnte, wenn ihm nicht Minister und Beamte in den Arm fielen, Korruption und Kumpanei, Bürokratie und Bazar-Mentalität den Kampf ansagen. Er könnte, vertraute er nicht weiterhin allein dem Koran als Kodex zur globalen Problemlösung, das Wirtschaftschaos steuern, eine Agrarreform durchsetzen, den Analphabetismus (70 Prozent der Bevölkerung) wirksam bekämpfen, die Zentralgewalt über die drangsalierten Kurden und Turkmenen lockern und in Teheran für Ordnung sorgen, diesem "schmarotzenden Ungeheuer, das die Hälfte des nationalen Konsums verzehrt". Der wendige Intellektuelle muß erst demonstrieren, ob er das Zeug auch zum vermittelnden, versöhnenden Praktiker hat, der durchsetzt, was er denkt.

Noch hält Bani-Sadr daran fest, daß die Wirtschaft ein "Werkzeug ist, um die Menschen näher zu Gott zu bringen", daß Kapital, Produktionsmittel und der Boden "Eigentum Gottes" sind. Der diplomierte Ökonom bewahrt in Holzschachteln Mikrofilme auf, die wohlgeordnet passende Koranverse für alle Bereiche des öffentlichen Lebens enthalten.

Noch bleibt er den Beweis für seine jüngsten wortreichen Ankündigungen schuldig, Außenpolitik nicht mit "Schimpfen und Parolen" zu betreiben und künftig die "Gewehre beiseite zu lassen, weil man auch in einer revolutionären Gesellschaft Probleme nicht mit Kugeln lösen kann". Freunde von früher sagen ihm nach, er schieße häufig schnell aus der Hüfte und hantiere gern mit Slogans.

Jetzt ist es an Abdul Hassan Bani-Sadr wahrzumachen, wozu er sich einmal bekannte: "Zwei Dinge kann man tun – kämpfen oder verdorren. Ich ziehe es vor zu kämpfen." Oder ist da, wenn es hart auf hart geht, der Ajatollah vor? Zur Wahl hatte Chomeini von seinem Krankenlager aus prophezeit: "Wenn der Präsident gut ist, wird er der Nation dienen. Wenn er schlecht ist, wird er den Weg in die Hölle gehen."