Von Andreas Kohlschütter

Kabul, im Januar

Während im Kabuler Außenministerium die letzten, diskret in alte Zeitungen eingepackten Porträts des gestürzten Hafisullah Amin weggeschafft werden, gräbt sich die Rote Armee im hartgefrorenen Boden Afghanistans für den Winter ein. Mit 85 000 Soldaten, 1750 Panzern, 2100 Schützenpanzern, 400 Jagdflugzeugen, Kampfbombern und 200 Hubschraubern wurde die historische Barriere an der über tausend Kilometer langen Grenze mit Rußland niedergerissen, an der einst die gen Süden gerichtete Expansion des Zarenreichs zum Halten kam. Militärisch hat der Kreml das „große Spiel“ – wie Rudyard Kipling das russisch-britische Jahrhundertduell um den afghanischen Puffer nannte – für sich entschieden. Doch politisch verdaut ist der schwere Brocken noch lange nicht.

„Jetzt, da unsere Armeen im Besitz von Kandahar und Kabul sind, stellt sich die Frage, was wir mit dem Lande tun sollen“, schrieb der um das Wohl des Empires besorgte Kolonialoffizier Major Bellew im Jahre 1908. Kurz zuvor war Afghanistan durch das Abkommen von Petersburg der britischen Interessensphäre zugeschlagen worden. Vor die Wahl „interner Anarchie“ oder einer „Restauration der zerstörten Emir-Herrschaft“ oder der englischen Machtausübung „mittels einer einheimischen Agentur unter unserer Aufsicht“ gestellt, empfahl der Major das letztere. Vor demselben Zwang befindet sich heute Moskau.

Den sowjetischen Besatzern macht nicht so sehr der punktuell immer wieder aufflackernde Widerstand der Muslim-Rebellen zu schaffen, deren Heckenschützen russische Soldaten erschießen oder in todesmutigen Raids aus dem Hinterhalt den Verkehr auf den wichtigen Verbindungsstraßen vorübergehend lahmlegen. Die Aufständischen sind eindeutig in der Defensive, zu schwach, um die sowjetischen Truppen ernsthaft zu gefährden oder gar zu vertreiben. Die Kremlherren ringen vielmehr um die politische Krönung ihres Gewaltaktes, um das Ziel ihrer Invasion: den Aufbau eines von afghanischen Kräften getragenen, „populären“ Protektorats-Regimes.

Babrak Karmal, von Sowjetpanzern aus dem Exil nach Kabul zurückeskortiert und als Statthalter eingesetzt, soll das schier Unmögliche möglich machen. Der untersetzt-bullige 50jährige Jurist und Linksintellektuelle ist auf der politischen Bühne Afghanistans kein Unbekannter. Zusammen mit den ihm vorangegangenen und liquidierten Revolutions-Präsidenten Taraki und Amin gehörte der Generalssohn aristokratischer Abstammung 1965 zu den Gründungsmigliedern der marxistischen „Demokratischen Volkspartei“ (PDPA). Als Jurastudent agierte er gegen den König und verbrachte fünf Jahre im Gefängnis. Im Planungsministerium holte er sich von 1957 bis 1965 administrative Erfahrung. Im Parlament, in das er zweimal gewählt wurde und dem er von 1965 bis 1973 bis zur Auflösung durch den Republik-Diktator Daud angehörte, gewann er politisches Profil. Unter dem aufbegehrenden, sozial emanzipierten, politisch zugleich frustrierten Bürgertum schuf er sich Namen und Gefolgschaft als Publizist und Volkstribun. Nach dem Revolutionsputsch vom April 1978 machte ihn Taraki zum Vizepräsidenten und zur Nummer zwei des neuen Regimes.

Doch schon im Juni begann sein Abstieg. Amin setzte sich durch, Babrak Karmal wurde als Botschafter nach Prag abgeschoben, dann der Mittäterschaft in einer „Offiziersverschwörung“ angeklagt und vollends kaltgestellt. Aus dem Gästehaus der CSSR-Regierung in Marienbad zog er Anfang 1979 nach Moskau um, bis ihm mit der sowjetischen Invasion eine neue Stunde in Afghanistan schlug.