Drüben ist er ein Star, der 73jährige Professor Friedrich Karl Kaul. Einmal, weil er regelmäßig im Fernsehen juristische Ratschläge erteilt; dann, weil er einer der wenigen Anwälte ist, der – zugelassen beim Westberliner Kammergericht – regelmäßig als Nebenkläger bei NS-Prozessen auftritt. Nebenbei gilt er noch als schreibgewandter Krimiautor. Und im übrigen weiß man, spätestens seit Ben Witters nachdenklichem Spaziergang mit ihm, daß sein Herz für andere schlägt. Kaul denkt eigentlich, will scheinen, immer zuerst an den Mitmenschen.

Seit dem letzten Sonntagabend, seit seinem im DDR-Fernsehen, 1. Programm, gesendeten Fernsehspiel "Die Vorladung", scheint es indessen nicht mehr so sonnenhell. Kaul denkt auch gern an sich selber, selbst dann, wenn er daran denkt, daß seine Schriftstellerei vor allem dem unheiligen Zweck dient, primitive Propaganda gegen uns zu machen. Jetzt weiß man, wofür und für wen sein Herz vor allem schlägt.

Kauls "Vorladung" ist ein Stück aus dem Maidanek-Prozeß, bei dem er die Nebenklage vertritt. Im Mittelpunkt steht die israelische Zeugin Rahel Leibowicz, die zur Aussage vorgeladen ist. Sie ist, wie häufig geschehen in diesem widrigen Verfahren, noch einmal das Opfer. Verteidiger verhöhnen sie, Richter und Ankläger nehmen sie nicht in Schutz. Nur der Herr Nebenkläger erbarmt sich, nennt die üblen Verteidiger beim wahren Namen (Nazigeister), stellt die vernünftigsten Anträge, sagt einfach die Wahrheit. Und dabei ist er – auch die Zeugin Leibowicz staunt – ein Kommunist.

Soweit soll es also, auch laut Kaul, mit uns gekommen sein: Eine Maidanek-Überlebende, die aus Angst erst gar nicht nach Deutschland wollte, wird von der Angeklagten Lächert im Gerichtssaal als "Lügnerin" beschimpft, und der Richter greift nicht ein – eine erfundene Geschichte. Dieselbe Zeugin verweigert, nachdem sie im Hotel von einem schwarzledernen Neonazi bedroht wurde, die Wiederholung einer belastenden Aussage – eine erfundene Geschichte.

Im Vorspann dieses "Spiels" und in einem persönlich gesprochenen Nachwort seines Autors aber heißt es ausdrücklich: "Alle Ähnlichkeiten entsprechen in jeder Beziehung der Wirklichkeit!" Da ist zu fragen: In welcher Wirklichkeit ist Friedrich Karl Kaul zu Hause? Die des Prozesses in Düsseldorf und damit die der NS-Prozesse überhaupt und also, in Kauls getrübten Augen, die der Bundesrepublik ist es jedenfalls nicht.

Der namhafte Nebenkläger und weniger bedeutende Gelegenheitsdramatiker Kaul mag meinetwegen den Vorsitzenden Richter Boden als blasierten, wenngleich braven Richter, die beiden Staatsanwälte Weber und Ambach als Hanswürste, alle Verteidiger als schlankweg zurückgeblieben einschätzen – was mit den Tatsachen ebensowenig zu tun hat. Er mag sich selber, als Kontrastfigur, für den einzigen anständigen Anwalt der Opfer einschätzen, aber, leider, ist er eben (ach so!) ein Kommunist.

Getürkt ist, wenn er daran dieses Land und seine Menschen, die Prozesse und ihre Akteure mißt. Wo es doch immer wieder gerade Journalisten waren, die mit ihrer Kritik nicht hinter dem Berge hielten. Geschmacklos aber geradezu ist es, sich selber vor dieser schauerlichen Kulisse derart in Positur zu setzen: Kaul der Große.

Dietrich Strothmann