Wenn zwischen zwei Dutzend italienisch getaufter Gipfel plötzlich ein kleines „Törle“ auftaucht und man in einem hübschen „Ghertele“ am „Kubeleck“ oder gar in einem „Lerkental“ rasten kann, auf welche Landschaft soll man wohl tippen?

Die Richtung Südtirol stimmt. Doch die Gegend mit dieser verwirrenden geographischen Nomenklatur ist meistens als „Sette Comuni“ in der Karte der Südalpen verzeichnet. Die „Sieben Gemeinden“ liegen auf dem Altopiano d’Asiago, einer nach ihrer kleinen Hauptstadt benannten Hochebene nördlich Vicenza. Ein Kranz waldgrüner Vorberge, der aus den Obstgärten zwischen Thiene und Bassano bis auf 1500 Meter ansteigt, umschließt das Hochland im Süden. Im Westen trennt es das tiefe Tal des Astico von den Lessiner Bergen. In schwindelerregender Steile stehen die östlichen Stützmauern über der Brenta, die durch das Val Sugana schäumt. Alpin wird die Szenerie schließlich durch den Bogen der Zweitausender im Norden.

Als eine „kleine Schweiz in Italien“ pries der Schriftsteller Papini das Altopiano d’Asiago und „kleine Schweizen“ lohnen immer ein paar Urlaubstage, bestimmt aber einen Tagesausflug aus einem Südtiroler oder adriatischen Feriendomizil. Als kürzeste Zufahrt führt die Staatsstraße 349 von der Autobahnausfahrt Trento Nord durch die schönsten Nadelwälder Italiens direkt nach Asiago hinauf. Auf der Autobahn kommt man über Verona–Vicenza und Vicenza–Piovene an den Fuß des Berglandes. Dann sind es noch dreißig serpentinenreiche Kilometer bis Asiago.

Dort oben läßt man an der Zugehörigkeit zum italienischen Staat nicht den geringsten Zweifel aufkommen. Das muß betont werden, weil hin und wieder Sätze ans Ohr. klingen, die ein deutschsprachiger Tourist auch ohne Kenntnis der offiziellen Landessprache verstehen kann: „Bar sain Cimbar, bar reidan taue“ – „Wir sind Cimbern, wir reden tautsch“, erklärt man dem erstaunten Gast,

In den „siben pergen“ sind sie also abgeblieben, die Nachkommen jener rauhen Krieger aus dem Norden, nachdem ihnen Marius 101 vor Christus bei Vercellae endgültig Einhalt geboten hatte? Dr. Sergio Bonato-Kuntz und seine Freunde vom Cimbrischen Kulturinstitut in Roana erzählen die Gründungsgeschichte der „Sieben Gemeinden“ etwas anders: Im 12. Jahrhundert sollen die Veroneser Bischöfe tüchtige Bauern und Waldarbeiter, Schmiede, Wagner und auch „Zimbara“, Zimmerleute, aus Bayern und Tirol in ihre unwegsamen Berge gerufen haben. Nach letzteren nannte man die „Tautschen“ pauschal die „Cimbern“.

Die fühlten sich bei weitgehender Autonomie auf ihrer „hooga ebene“ recht wohl. Um 1200 – lange vor Rütli – beschworen sie einen Bund, der fast 600 Jahre Bestand haben sollte. „Siege un Lusan Genebe un Vüsche Ghel Rotz Robaan dise saint siben alte komeun prüdere libe.“ Die heutigen Ortsnamen eingesetzt, lautet die in die Front der alten „Reggenza“ eingemeißelte Gebietsbeschreibung: „Asiago und Lusiana, Enego und Foza, Gallio, Rotzo und Roana: das sind (die) sieben alten Gemeinden – liebe Brüder.“ Im Jahre 1405 stellten sich die Cimbern unter den Schutz Venedigs. Erst Napoleon beseitigte die Eigenstaatlichkeit der Terra Cimbra.

Die Wiederbelebung des jahrhundertealten Cimbrischen, eine dem Altbairischen ähnliche Sprachform, wurde vom Landshuter Hugo Resch fernab jeglicher Deutschtümelei vor etwa zehn Jahren angeregt und gelang erstaunlich rasch. Erstmals können heute Kinder in der Schule Cimbrisch lernen, 140 alte Lieder wurden gesammelt und mit Unterstützung der Region Venetien erschien ein cimbrisches Wörterbuch. Vier Stunden täglich sendet Radio Cimbra Altopiano in dieser Sprache.

Wer sich ernsthaft für das Cimbrische interessiert, sollte sich vor der Abreise an Maestro Rino Azzolini-Pertele, Präsident der Cassa Rurale von Roana, oder an Professore Dr. Sergio Bonato-Kuntz, Bürgermeister von Roana, wenden. Die beiden Herren betreuen – unterstützt von vielen Helfern – das 1971 gegründete „Instituto di Cultura Cimbra“. Dort sieht man Kopien der „Christlike Dottrin“ von 1602 und „Dar kloane Catechismo vor dez Beloseland“, Auszüge aus der alten Slaviero-Grammatik und dem Wörterbuch des Agostina daß Pozzo – Kostbarkeiten für Philologen und Historiker. Ein kleines Cimbern-Museum an der Via Leiten in Asiago soll eröffnet werden.

Touristisch blieb das Altopiano d’Asiago eine italienische Domäne. Die Tiefländer schätzen das auf drei Seiten zur Sonne hin geöffnete und vor dem Nordwind geschützte Hochland vor allem seines gesunden Klimas wegen. Die Höhe und die prächtigen Fichtenwälder zähmen den Südwind, so daß man die mediterrane Sonne viel besser verträgt. Kühl und klar sind die Sommernächte.

Vor den Vicentiner Bergen braucht sich ein halbwegs geübter Wandersmann nicht zu fürchten. Über die wald- und wildreiche „Marcesina“ steigt man zu den „Rifugi“ am Monte Lisser und unter der Ortigara, zum „Kubeleck“ und zum „Lerkental“. Vom Monte Verena – ganzjährig mit der Standkabinenbahn zu erreichen – sieht man weit in die Dolomiten, südwärts reicht der Blick an klaren Tagen bis zum Lido von Venedig.

Leichter noch zugänglich sind die Berge im Südteil, meist bis zum Gipfel bewaldete Zwölf-, bis Vierzehnhunderter. Die Cima Ekar, der Monte Raitertal und die Kaberlaba stehen Asiago am nächsten. Einen prachtvollen Blick in die vicentinische Ebene hat man noch von der Malga Pau bei Cesuna. Dort sollte man einmal bei Alessandra anhalten: Die Künstlerin hat sich auf cimbrische Keramik spezialisiert. Gleich noch zwei weitere Souveniradressen: der Silberschmied Sergio Botazza-Amor in Roana und Aldo Mosch, Drechsler funktionierender „Rödelle“ (Spinne räder) in Canove.

Außer Wandern und Bergsteigen bietet das Altopiano derzeit nur ein verhältnismäßig schmales Sportprogramm. Golfer loben den 18-Loch-Platz an der Cima Ekar. In Asiago findet man ein halbes Dutzend gepflegter Tennisplätze und eine Reitschule, das Flugfeld dient Segel- und Motorfliegern als Basis für Alpenflüge; fast täglich starten Lufttaxis nach Cortina und zu preiswerten Dolomiten-Rundflügen.

„Alle de Beghe vüürnt ka Sleghe“ (Alle Wege führen nach Sleghe, das heute Asiago heißt). In der schmucken Hauptstadt wird man zunächst den stattlichen „Duomo“ und die „Fontana“ sehen wollen. Unübersehbar steht auf der „Leiten“ das granitene „Ossario“ – Ruhestätte einiger Tausend italienischer Soldaten, die 1915/16 im mörderischen Gebirgskrieg um das „Verdun des Südens“ fielen. Haubitzen- und Minenwerfer säumen den mächtigen Sockel, drinnen erinnern Handfeuerwaffen, Ausrüstungsgegenstände, Karten und viele Photos an die Schlacht, die das gesamte Altopiano verwüstete.

Damals wurden fast alle typisch cimbrischen Bauten zerstört, auch die alte „Reggenza“ in Asiago und nahezu alle Kirchen. Die letzte der alten „Bauernkirchen“ – schon wegen des stimmungsvollen Kreuzweges des cimbrischen Malers Giacomo di Bassano sehenswert – steht in San Caterina di Lusiana. Geradezu in Kunst schwelgen kann man unten in der Ebene. In der Grappastadt Bassano sollte man sich die alte Brenta-Brücke, die Burg der Ezzelini und das mit frühneuhochdeutscher Schrift versehene Fresko der Mondsichel-Madonna in der Stadtkirche ansehen. Maróstica besticht mit seiner Burg und dem historischen Schachplatz. Berühmt sind die schloßartigen Villen um Thiene und das stets nach Wein duftende Breganze.

Zur Zeit sind die sieben Gemeinden noch für Individualisten reserviert. Auf der Hochebene stehen rund 1500 Hotelbetten, etwa 3000 Gäste finden Platz in Privatpensionen oder in den zahlreichen Ferienhäusern. Zwischen vierzig und sechzig Mark kostet ein Vollpensionstag in einem Haus der gehobenen Mittelklasse wie dem vorzüglich geführten „Paradiso“ in Asiago oder dem „Jok“ in Cesuna.

Die cimbrischen Wirte sind an anspruchsvolle Gäste aus den oberitalienischen Städten gewöhnt. Ihnen zuliebe setzt man venetische Spezialitäten obenan, beispielsweise „Risotto con funghi“ (Reis mit Hochgebirgspilzen), „Bigoli con l’anatra“ (Ente mit hausgemachten Fadennudeln) oder einen mit Maronen und anderen Köstlichkeiten gefüllten Kapaun. An die Stammlande der „Zimbara“ erinnern gegrillte „Ripple“ – sogar mit Sauerkraut und „Pataten“, den besten Kartoffeln Italiens, und das gemischte „Gesottene“, zu dem man gern Wildgemüse von den Hochweiden reicht. In Asiago destillieren die höchstgelegenen Brennereien Europas neben einem erstklassigen Grappa und der Wacholderspezialität Kranebet den exzellenten Kräuterlikör „Amaro Cimbro“. Der wird nach Rezepten zubereitet, die mit der gleichen Sorgfalt gehütet werden, mit der jetzt die cimbrische Sprache gepflegt wird.

Informationen: Azienda Autonoma Soggiorno, e Turismo, Piazza Carli, I-36012 Asiago.