„Dokumentation“ als rechte Propaganda

Von Gisela Ullrich

An der Wende der dreißiger Jahre hofften die Deutschen – nach den Erfolgen des „Blitzkrieges“ gegen Polen – auf baldigen Frieden. Was ihnen in den vierziger Jahren noch alles bevorstand, wissen wir heute. Mit dem zeitlichen Abstand von 40 Jahren sehen wir den Zweiten Weltkrieg als historisches Ereignis, dessen Ausgang uns bekannt ist, dessen Folgen wir erlebt haben und nach dessen Voraussetzungen wir fragen.

Ein Abstand von 40 Jahren bedeutet Aufarbeitung von Quellenmaterial und Untersuchung der Kriegsursachen und -ziele, aber auch größere Freiheit in der Darstellung, die in der Nachkriegszeit den Besiegten verboten war und sich zugleich, angesichts der aufgedeckten Untaten, von selbst verbot. Unbemerkt von den Medien, die ihre Aufmerksamkeit den wissenschaftlichen Publikationen des In- und Auslandes über die Nazi-Zeit schenken, gedeiht die „hautnahe Berichterstattung“ über den Zweiten Weltkrieg. Kriegsbücher erfreuen sich wieder großer Beliebtheit. Sie werden viel gekauft und noch mehr in Büchereien entliehen. Auf den zugkräftigen Titelphotos stürzen Kampfflugzeuge ihrem Ziel zu, rollen Panzer dem Feind entgegen und versprechen spannende Abenteuer. Im Kontext aggressiver und regressiver Tendenzen, neonazistischer Aktivitäten und der allgemeinen Gleichgültigkeit gegenüber den Gefahren des Wettrüstens wäre es leichtfertig, die Wirkungen solchen Lesestoffes zu unterschätzen.

Krieg als Sport

Der Stuttgarter Motorbuch-Verlag, dessen Produktion sich in erster Linie an den Motorsport-Freund richtet, hat als Fachverlag für Auto-, Motorrad-, Luftfahrt- und Eisenbahn-Technik eine Brücke zur Kriegstechnik geschlagen. Von Reparaturanleitungen, Hand- und Jahrbüchern („Die schnellsten Flugzeuge der Welt“, „Schußwaffen-Werkbuch für Waffenfreunde“, „So wird man Spitzenfahrer“) ist kein weiter Weg zu einer Reihe, die sich „Lebendige Zeitgeschichte“ nennt und Titel enthält wie „Deutsche Artillerie-Waffen“, „Prien gegen Scapa Flow“, „Zweikampf am Himmel“ oder „Die Leibstandarte“. Der Bestseller „Holt Hartmann vom Himmel. Die Geschichte des erfolgreichsten Jagdfliegers der Welt“ erscheint in der 33. Auflage.

Obwohl die Beziehungen zwischen Sport und Krieg (bei beiden geht es um „Technik“ und „Höchstleistung“) auf der Hand liegen, wurde mir erst nach der Lektüre einiger Kriegsbücher aus diesem Verlag klar, wie mühelos die Verbindung herzustellen ist. Der Kampf wird zum Sport, wenn man Krieg und Politik trennt, das Militär von Mitverantwortung freispricht, im Soldaten den Befehlsempfänger sieht und den Schauplatz von Raum und Zeit loslöst.