Von Aloys Behler

In vorolympischen Tagen ist immer Hochbetrieb in den Räumen des Nationalen Olympischen Komitees. Doch in der letzten Woche kamen die Mitarbeiter im „Haus des deutschen Sports“ in Frankfurt regelrecht ins Schwitzen: Die Vorbereitung der Expedition zu den Winterspielen geriet in den Wellenschlag der Boykott-Diskussion. Und ewig klingelte das Telephon. Generalsekretär Walther Tröger, Streß in der Stimme, bat in der Rolle eines schon halb automatischen Anrufbeantworters Auskunftheischende händeringend um Verständnis: „Alles dreht sich um Moskau und um Boykott – wir müssen doch nächste Woche schon nach Lake Placid!“

„Lake Placid, Lake Placid – da war doch was...“ Man ist versucht, einen alten Schnack aufzuwärmen, doch der Grund dafür, daß wenige Tage vor der Eröffnung der Olympischen Winterspiele in den Adirondack-Bergen fast ausschließlich von den Sommerspielen in Moskau geredet wird, stimmt ja nicht heiter. Der russische Griff nach Afghanistan hat nicht nur die Spiele in der Sowjetunion fragwürdig gemacht, er hat die ganze olympische Landschaft verändert. Lake Placid ist selbstverständlich mitbetroffen. Daß Präsident Carter darauf verzichtet, die Spiele am 13. Februar persönlich zu eröffnen, ist nur ein Indiz dafür: Die Wintersportler der Welt treten in Lake Placid an mit Moskau im Sinn.

Die Bereitschaft und die Fähigkeit, Olympia als ein fröhliches Fest zu feiern und zu akzeptieren, muß unter diesen Umständen weiter verkümmern. Das ist schade, denn der Spaß an der Sache ist im Grunde ihre einzige Legitimation. Sogar das harmlose Vergnügen, über Gold, Silber und Bronze zu spekulieren, scheint verpönt; über Medaillen spricht man nicht oder – angesichts des bewölkten politischen und olympischen Himmels – nur mit beinahe schlechtem Gewissen. Spiele der Trübsal stehen bevor.

Es wird Zeit, daran zu erinnern, daß es sich hier um Sport handelt. Gewiß um einen in vielfacher Hinsicht mißbrauchten, korrumpierten, kommerzialisierten Sport. Doch bevor man sich endgültig alle Freude daran verderben läßt, sollte man bedenken, daß es nicht die Sportler sind, die das in erster Linie zu verantworten haben.

Etwa 1400 Wintersportler aus 36 Ländern werden nach Lake Placid kommen, 84 davon (19 Frauen, 65 Männer) aus der Bundesrepublik Deutschland. In ihrer überwiegenden Mehrheit sind sie keine „Amateure“, jedenfalls nicht in dem Sinne, wie es ein heuchlerisches Statut jahrelang gefordert hat. Man mag die unbestreitbare „Gewinnorientierung“ der Athleten von heute beklagen ein bißchen ehrlicher und offener sind die Spiele dadurch geworden. Keiner, der mit einiger Aussicht auf Erfolg nach den Medaillen greifen will, kann darauf verzichten, den Sport wenigstens vorübergehend zu seinem Beruf zu machen. Das wird auch kaum noch geleugnet. „Beruf: Skirennläufer“ steht im Taschenbuch des Deutschen Skiverbandes unter dem Bild der Olympiateilnehmerin Maria Epple. Sie ist soviel und so wenig Profi wie alle anderen, seien sie nun Schüler oder Heizungsmonteure.

Den Sportlern gegenüber wäre es ungerecht, eine sportliche Leistung und das Vergnügen an einer gewonnenen Medaille allein deshalb gering zu schätzen, weil Sport heutzutage unvermeidlich mit Politik und Geschäft verknüpft ist. Der Ruhm, wenn er denn zu gewinnen ist, muß mit persönlichen Opfern über Jahre hinweg, teuer erkauft werden. Gewiß treiben viele Hochleistungssport auch im Hinblick auf materielle Vorteile, doch wer es nur deshalb täte, brächte es nicht weit.