Die Österreicher sind ein unglückliches, benachteiligtes und verkanntes Volk. Bis heute weiß niemand, daß sie 1859 bei Solferino – welche Schlacht die Italiener als einen grandiosen Sieg feiern – in Wirklichkeit am linken Flügel gewonnen haben. Wenigen ist bekannt, daß Schnitzler, nicht Joyce, den inneren Monolog erfunden hat. Kaum ein Hamburger weiß, daß einstens auch Altona, wie fast alles auf der Welt, einmal österreichisch war. So könnte man lange fortfahren. Jedenfalls: Österreich und speziell Wien werden immer noch unterschätzt. Das kommt auch davon, daß es sich selbst unterschätzt. Seit Maria Theresias Zeiten gewohnt, von einer Niederlage in die andere zu taumeln, von „Furcht vor der Größe“ ergriffen, weiß es selbst nicht, daß es bedeutend ist und wundert sich aber, daß es andere um so weniger wissen. Es döst scheinbar vor sich hin, beklagt, daß sich außer dem Älterwerden seiner Fassaden nichts in ihm ereigne, beneidet angeblich viel aufgewecktere Metropolen im Norden und Westen und wird sogar bei in Mode stehenden Nordlichtern bittlich, sie möchten das indolent dahindämmernde Wien erleuchten und in ein neues perikleisches Zeitalter führen.

Jeweils nach vielen Jahren stellt sich dann immer heraus, daß hinter den abbröckelnden Fassaden einige Nebensachen wie die Psycho-Fassaden die Zwölftonmusik, das Wittgensteinsche Gedankengebäude, ein Chimborasso der Literatur wie „der Mann ohne Eigenschaften“ und noch viel dergleichen mehr erfunden wurde, während man anderswo womöglich nur einige bedeutende Handelsgesellschaften gründete. Vielleicht werden wir einstens merken, daß Wien auch jener mystische Ort ist, in dem man den esoterischen Anti-Comic-Strip erdachte, ein allen Regeln der Spezies hohnlachendes Produkt, womit wir beim GOKS wären.

GOKS ist ein Wiener Dialektausdruck für Unsinn, und GOKS als Person ist der Held einer Comic-Serie, die Rudolf Schönwald, als Zeichenprofessor an der Technischen Hochschule in Aachen im Exil lebend, ansonsten aber ein österreichischer (und auch preisgekrönter und überhaupt viel zu wenig bekannter) Meister der freien Graphik und der freien Rede, einstens für Günther Nennings Neues Forum in Wien erfunden hat.

Schönwald beschäftigte sich als Zeichner, Holzschneider und Radierer in Zyklen mit Voltaire, mit Defoes „Captain Singleton“ und vor allem auch mit Père Ubu. Ja, er kann geradezu als Ubu-Spezialist bezeichnet werden.

GOKS ist ein Wiener, ein Ubu also, aber eher ein Ubu in der Phantasie, ein theoretischer Wüstling und Übermensch, ein Stadt-Monstrum und andererseits ein Nichts, eine Maus. In die „Abgründe seines Weinglases“ blickend, schlägt er sich mit den Tücken des Ehelebens, des Haschgenusses und des Gruppensex herum und genießt auch weidlich die geheimen Wonnen seiner grausligen Seelenwinkel. Er kämpft mit seiner Umwelt, mit der Gegenwart und der Vergangenheit Wiens, mit seiner Dummheit und Trägheit und sehnt sich nach einer Welt ohne Ehrgeiz, Dämonie und Neurosen. Also ringt er als ein echter Wiener mit sich selbst nach dem Nestroyschen Motto: Wer ist stärker, ich oder ich? Am Ende sind beide schwach, und alle großmächtig beginnenden Geschichten enden kläglich.

Ich fürchte, um GOKS ganz zu begreifen, müßte man öfters mit einem Wiener Taxichauffeur durch den dortigen Stadtverkehr gefahren sein und dessen Flüchen und Morddrohungen gelauscht haben, müßte wohl auch, wie es der Rezensent in müßigen Stunden gern tut, an Wiener Straßenecken gestanden sein, um die Vorübergehenden zu mustern, unter denen ihm Launen und Irrtümer der Natur häufiger zu sein scheinen als anderwärts, und er müßte versuchen, Gesprächen an Caféhaus- und Beiseltischen unbemerkt zu lauschen.

Man müßte vieles tun, aber vor allem müßte man das höchst geistreiche, amüsante und aufklärende Vorwort lesen, das Gilli Schönwald der GOKS-Sammlung vorangestellt hat,

Wie in intellektuellen Menagen so häufig, hat sie als Gattin des Autors sein Geschöpf wohl als erste völlig begriffen. Den Lesern des Neuen Forum scheint es dagegen noch längere Zeit unverständlich geblieben zu sein, was bei avantgardistischen Unternehmungen ja ein durchaus ehrbarer Zustand ist. GOKS lebte im Schöße dieser damals (1968!) teilweise verwirrten Zeitschrift dann sechs Jahre lang „in der Stille eines Schwanenteichs“, und die Zahl seiner Schätzer wuchs langsam, jedoch stetig. Dann ließ Schönwald sein Kind in der Blüte seiner jungen Jahre plötzlich sterben.

Nun hat es Peter Bloch unternommen, das geheimnisvolle Forum-Monster wieder zu erwecken in kleiner Auflage und ästhetischbibliophiler Ausstattung, was ökonomisch gewiß ein waghalsiges Unternehmen ist. Aber vielleicht doch nicht, denn dieser Mini-Auflage wegen und überhaupt dürfte GOKS bald ein Rarissimum innerhalb der Comic-Literatur werden. Für jene, denen dieses Bilderrätsel ein böhmisches Dorf bleiben dürfte, wird er ein exotischer Wiener Fremdling in ihrem Bücherschrank sein, für die happy few aber, die ihn begreifen, ein intellektuelles und graphisches Vergnügen. Wie immer man’s nimmt, GOKS bleibt ein Pflichtstück für jeden Comic-Freund und Comic-Sammler.

Paul Flora

Rudolf Schönwald: GOKS, herausgegeben von Peter Bloch und gestaltet von Franz-Merlicek; Edition Galerie Bloch, Boznerplatz 5, A-6020 Innsbruck; 119 Seiten, 49,– Mark.