Das einzig sichere am technischen Fortschritt, spottete einmal ein Wissenschaftler, sei, daß er schneller als erwartet einträfe. Keine zehn Jahre brauchten die Mikroprozessor ren, um als elektronische Heinzelmännchen bis ins Alltagsleben vorzudringen und Fachbegriffe wie "Datenschutz" zu politischen Schlagworten zu machen. Vielleicht noch schneller könnten die Folgen eines anderen wissenschaftlichen Durchbruchs in unser Leben eingreifen: die Folgen der Gentechnik.

Diese neue Technik gleicht heute einer Lokomotive, die schon unter Dampf steht, obwohl sich ihre Konstrukteure noch mit dem TÜV über die Sicherheit des Vehikels streiten. Nun nahm, um beim Beispiel zu bleiben, der wichtigste Aufsichtsbeamte persönlich die Bremsklötze vor dem Gen-Expreß weg: Ende Januar hoben die Nationalen Gesundheitsinstitute der USA die vor dreieinhalb Jahren erlassenen, relativ strengen Sicherheitsrichtlinien für Manipulationen am Erbgut mit Hilfe gentechnischer Verfahren praktisch auf. Die Fahrt ins Bio-Blaue kann also losgehen.

Mitte der siebziger Jahre, als das biochemische Handwerkszeug für den gezielten Eingriff in die Erbsubstanz DNA erstmals bereitlag, hatten die Wissenschaftler noch Angst vor der eigenen Courage bekommen. Von sich aus verhängten sie einen Versuchsstopp für die gefährlichsten Experimente. Denn die Manipulationen im intimsten Bereich des Lebens versprachen nicht nur eine Fülle wünschenswerter Errungenschaften. Auch gefährliche Nebenwirkungen waren denkbar, zum Beispiel die Kreation neuartiger Krankheitserreger, gegen die es kein Mittel gäbe: eine Schreckensversion, denn – so warnte der Biochemiker Erwin Chargaff – "neue Lebensformen können nicht zurückgerufen werden".

Schon wenige Jahre später bereuten die Gentechniker ihre Vorsicht. Sie glaubten nun, die Gefahren überschätzt zu haben und begannen, für eine Lockerung der inzwischen erlassenen Sicherheitsvorschriften zu Iobbyieren – mit dem Argument, ohne Hemmschuhe schneller ins biotechnische Eldorado zu gelangen. In der Tat erzielten amerikanische und europäische Wissenschaftler in den vergangenen 13 Monaten bemerkenswerte Erfolge. Drei lebenswichtige, gewöhnlich nur von den Zellen des gesunden menschlichen Körpers produzierte Substanzen konnten mit Hilfe von Laborbakterien erzeugt werden: menschliches Insulin, das menschliche Wachstumshormon Somatostatin und menschliches Interferon, ein potenter Abwehrstoff, den Ärzte erfolgreich gegen Schnupfen, Krebs und Virusinfektionen einzusetzen hoffen.

All diese Durchbrüche wurden von den Forschern neu entstandener Gentechnik-Firmen erzielt, an denen sowohl erfolgreiche Wissenschaftler wie finanzkräftige Konzerne beteiligt sind. "Eine neue Gruppe von Biologen", so schrieb kürzlich das britische Fachblatt Nature, entdeckte dabei noch "etwas ganz anderes: das Gewinnstreben und die Methoden der Industrie".

In den USA haben die Gen-Lobbyisten jetzt erreicht, daß dank der neuen Vorschriften etwa 80 Prozent aller einschlägigen Forschungsarbeiten wesentliche sicherheitstechnische Erleichterungen erfahren, daß nun auch Behälter mit mehr als zehn Litern Inhalt (und damit industriellen Größenordnungen) für genmanipulierte Bakterienkulturen verwendet werden dürfen – und daß die Labors bestimmte Fakten aus patentrechtlichen Gründen geheimhalten dürfen (was in der Grundlagenforschung nicht üblich ist).

Diese weitgehenden Lockerungen, liefern deutschen Gentechnikern neue Munition gegen das von Forschungsminister Hauff geplante Gentechnologiegesetz, das noch in diesem Jahr dem Bundestag vorliegen soll. Die Kritiker halten das Gesetz für nun noch überflüssiger als zuvor: Sie wollen mit wissenschaftlich verbrämten Argumenten möglichst rasch und ungehindert an die Fleischtöpfe, an denen ihre amerikanischen Kollegen schon drängeln.