Wie ein seltenes Talent Herrn Wendland zum wohlhabenden Mann machte

Von Hans c. Blumenberg

Manchmal wird es gefährlich, aber nur bei den Chinesen. Die beäugen den Schreck besonders mißtrauisch, wenn er die Gurke fegt. Da muß der Monarch auf der Hut sein und schon mal unauffällig die Flitze machen: Den Chinesen, das weiß jeder Schreck, sitzt das Messer locker.

Klartext? Chinesen sind Südländer jeglicher Nationalität, Schrecks sind Zeitgenossen, die von Berufs wegen Glücksspielautomaten leeren („Gurken fegen“ im Jargon der Profis), und, der Monarch ist einer der besten Schrecks im Geschäft. Er wird so genannt, weil er seine Fertigkeit, jene Apparate zu beherrschen, die im Volksmund nicht zu Unrecht „Groschengräber“ heißen, an einem Gerät der Marke „Monarch“ erprobte. Die Herstellerfirmen scheinen eine Vorliebe für aristokratische Bezeichnungen zu besitzen: Auch die Automaten King, Rex, Lord und Senator hängen in Spielhallen, Kneipen und Imbißbuden. Mit 30 Pfennig kann man dabei sein, wenn sich die mechanischen Walzen zum Roulette des kleinen Mannes, drehen, und wie im Casino von Deauville oder Neuenahr gibt es erheblich mehr Verlierer als Gewinner.

Der Monarch verliert nie. Mit einer Sicherheit, die man nur traumwandlerisch nennen kann, drückt er die Bremstasten des Gerätes just in jenem entscheidenden Moment, wo die Zahlen- oder Symbol-Kombination der Walzen einen Gewinn annonciert. Mit Zauberei hat das nichts zu tun (obwohl es so aussieht), mit krimineller Manipulation schon gar nichts: Der Monarch ist ein ehrbarer Schreck, und auf jene windigen Amateure, die den Automaten mit Feilen und Magneten zu Leibe rücken, blickt er mit der milden Verachtung eines begnadeten Virtuosen herab.

Gründlich wie ein Oberbuchhalter

Der Monarch ist ein Künstler. Die Maschinen seines bevorzugten Typs – „Mint“ und „Super-Mint“ – plündert er mit der beiläufigen Grazie eines Rastelli aus. Blitzschnell stößt sein rechter Daumen zu, der längst von einer dicken Hornhaut überzogen ist. Innerhalb des Bruchteils einer Sekunde entscheidet sich das Spiel, doch der Monarch verliert nie seine Gelassenheit Könner wie ihn gibt es nur ein halbes Dutzend in der Bundesrepublik.

Der Monarch ist ein Profi. Er lebt vom Spiel, seit gut zwei Jahren inzwischen. Vorher, als er noch Verlagskaufmann war, hat er trainiert, zehn Jahre lang am Feierabend. Dann wußte er, daß er für seine neue Karriere ausreichend gerüstet war: Herr Wendland, der Angestellte, verwandelte sich in Monarch, den Schreck. Als solcher reist er seitdem durchs Land, von Stadt zu Stadt, Kneipe zu Kneipe, Spielhalle zu Spielhalle: ein diskreter Nomade der Vergnügungs-Industrie.

Der Monarch lebt gut von seinem seltenen Talent. Zwei- bis dreihundert Mark stecken gewöhnlich in einer „Gurke“, und die wandern innerhalb einer Stunde in die speziell verstärkten Taschen des Spielers. Nur „die Seele“ läßt der Monarch dem Gerät: So nennt er die Markstücke, die erst dann ausgespuckt werden, wenn die Fünfer ausgegangen sind. Mit Kleingeld mag der Monarch sich nicht plagen.

Auch auf den dritten oder vierten Blick sieht der Monarch nicht aus wie ein Spieler. Romantische Attitüden sind ihm fremd. Er betreibt sein Geschäft mit der Gründlichkeit eines gewissenhaften Chefbuchhalters, bevorzugt auf seinen Reisen Hotels der mittleren Preisklasse und leistet sich als einzigen Luxus einen Mercedes 350 SE. Kein Typ für einen Gangsterfilm, kein einsamer Samurai auf den Straßen der Nacht: Der Monarch pflegt, in seinem Auftreten, seiner Kleidung, seiner Frisur, eine gewisse Durchschnittlichkeit. Er mag nicht auffallen. Das gehört zum Beruf, der Anpassungsfähigkeit verlangt. Wenn er eine Gaststätte betritt und mit routiniertem Charme die ältliche Bedienung in einen Flirt verwickelt, kommt niemand auf den Gedanken, daß hier ein großer Spieler umgeht: eher der nette Herr aus dem Büro nebenan, der nur in Ruhe sein Bier trinken will und ganz nebenbei auch ein paar Groschen in den Spielautomaten steckt.

In einer kleinbürgerlichen Kneipe am Rande von Hamburg-St. Pauli nimmt der Monarch zwischen dreizehn und fünfzehn Uhr drei große „Alsterwasser“ (halb Bier, halb Limonade) und zwei heiße Würstchen zu sich. In dieser Zeit holt er 280 Mark aus dem „Super-Mint“ neben dem Eingang. Am Anfang verliert er mit Absicht ein paar Spiele. Niemand achtet auf ihn, auch dann nicht, als er eine Gewinn-Serie nach der anderen drückt. Das ist nicht immer so. Gelegentlich reagieren die Wirte (die am Profit der Automaten-Aufsteller beteiligt sind) mit unverhohlener Aggressivität auf die vermeintliche Glückssträhne des fremden Gastes, ziehen den Stecker des Gerätes heraus oder werfen den erfolgreichen Spieler gar aus dem Lokal. Da nützen auch die Runden nichts mehr, die der Monarch ausgibt, um Stimmung für sich zu machen.

Doch an dieser Stätte nicht unbedingt sehr gepflegter Gastlichkeit ist weit und breit kein Wirt zu sehen, nur eine welke Kellnerin, die sich arglos mit den wenigen Stammgästen unterhält, während der Monarch leise sein Handwerk ausübt. Ein schlechtes Gewissen plagt ihn nicht. Er bricht kein Gesetz, ganz im Gegensatz zu vielen Automaten-Aufstellern und Wirten übrigens, die ihre Automaten auf eine Weise manipulieren, daß nie eine Gewinn-Serie kommen kann. Das ist verboten, aber nicht einfach nachzuweisen. Der Monarch hat schon ein paar Wirte angezeigt.

Oberhaupt, ist sein Beruf kein ungetrübtes Vergnügen. Die fetten Jahre der Mint-Zeit neigen sich dem Ende zu, und für den Monarchen wird es immer schwieriger, spielbare Maschinen zu finden. Nach dem Coup in St. Pauli fährt der Monarch an diesem trüben Hamburger Winter-Nachmittag zu einer Imbißbude im Stadtteil Eimsbüttel. Dort hängt ein Super-Mint, den er schon im letzten Herbst geleert hat.

Doch der Besuch erweist sich als Fehlschlag. Der Besitzer hat inzwischen einen Unterbrecher eingebaut, der ein präzises Spiel unmöglich macht. Der Monarch braucht nicht mehr als eine Mark und fünf Minuten, tun diesen Betrug zu merken, aber er muß zuvor etwas verzehren, um als normaler Gast zu gelten. Leider, erfüllt die Gulaschsuppe wieder einmal den Tatbestand der schweren Körperverletzung, und so ist der Monarch – „Am meisten leide ich unter dem schlechten Essen“ – nicht in der allerbesten Stimmung, als er seinen außerhalb der Sichtweite des Lokals geparkten Mercedes besteigt. Der teure Wagen würde die Leute nur mißtrauisch machen.

Kleine Rückschläge indessen verkraftet der Monarch leicht. Wer über eine robuste Gesundheit und ein monatliches Einkommen von über 20 000 Mark verfügt, kann es sich leisten, dem Leben überwiegend positive Seiten abzugewinnen. Der Monarch ist vierzig Jahre alt, unverheiratet und denkt daran, sich demnächst, wenn die Mint-Automaten aus dem Verkehr gezogen worden sind, in ein sorgenfreies Pensionärs-Dasein zurückzuziehen. Von der herrlichen Mint-Zeit schwärmt er schon heute so wehmütig wie ein alter Landser vom Polen-Feldzug. Dann merkt man, daß das Spiel gegen die ausgetüftelte Mechanik ihn einmal fasziniert haben muß.

Ende der Mint-Zeit

Doch solche offenkundigen Sentimentalitäten unterlaufen ihm nur selten. Andererseits ist er natürlich stolz auf seine Kunst. So ließ er sich überreden, in einem Dokumentarfilm über seine Spieler-Existenz mitzuwirken, auch auf die Gefahr hin, daß er in Zukunft als Zelebrität kaum noch eine Chance hat, unerkannt und ungestört die Gurken zwischen Hamburg und München zu fegen. Der Film „Monarch“, gedreht von dem Dokumentaristen-Team Flütsch/Stelzer, kommt Ende Februar in die Kinos. Der Monarch ist zufrieden, mit der Arbeit der Filmer, er genießt auch sichtlich seinen Ruhm (Talkshow-Auftritte sind bereits geplant) und signiert einer Spielhallen-Aufseherin im Neubauviertel Steilshoop bereitwillig ein druckfrisches Film-Plakat.

In dem gemütlichen Etablissement beschäftigt er sich morgens um zehn mit einem Apparat der Marke „Merkur“, vielleicht nicht ohne Hintersinn so getauft nach dem römischen Gott der Händler und Diebe. Dieser Merkur trotzt sogar den Fertigkeiten des Monarchen: Die Bremsen sind offensichtlich nicht in Ordnung, gleichwohl spielt der Monarch eine Stunde lang, verliert nicht ganz klaglos 36 Mark und zieht dennoch als Gewinner von dannen. Die Besitzerin versorgt ihn. mit Informationen über das Treiben eines anderen professionellen Schrecks, und ganz beiläufig erfährt der Monarch, welche Tour sich in nächster Zeit mit Sicherheit nicht lohnen wird.

Informationen dieser Art sind lebenswichtig für den Monarchen. Er selbst beschäftigt eine kleine Truppe von Kundschaftern, die, für ein Salär für hundert Mark pro Tag und Kopf, die Kneipen nach geeigneten Automaten abziehen. „Geier“ nennt er diese Leute, die ihn gelegentlich auch beim Spielen begleiten: als Aufpasser und zur Not sogar als Leibwächter. Der Monarch ist nicht eben von kräftiger Statur und besitzt eine normale Abneigung gegen physische Gewalt. Sein Hamburger Geier, der für ganz Norddeutschland zuständig ist, studiert an der Bundeswehrhochschule.

Manchmal geht der Monarch selber „geiern“, denn den meisten seiner Helfer, sagt er, fehlt es an der rechten Sorgfalt. Noch findet er genügend Automaten der Mint-Dynastie, auch solche, die nicht manipuliert worden sind. „Kämpfer“ meidet er: So heißen jene Apparate, an denen er mehrere Stunden spielen muß, bis er ihren Rhythmus, ihre Brems-Wege durchschaut hat. Der Merkur in Steilshoop war so ein Kämpfer, aber auch den hätte er wohl schließlich gepackt. Denn wirklich verloren, wie gesagt, hat der Monarch noch nie.

Jetzt also geht die Mint-Zeit zu Ende, kommt der Film, ist es vorbei mit der schönen Anonymität. Fast scheint es, als sei der Monarch erleichtert, als heiße er die Gelegenheit willkommen, seine Spieler-Existenz glanzvoll zu beenden. Denn Spaß macht ihm die ganze Sache schon längst nicht mehr, dem ehemaligen Herrn Wendland, der die Angewohnheiten seines Angestellten-Lebens (morgens früh raus, abends zeitig ins Bett, zwischendurch rund acht Stunden Arbeit) nie abgelegt hat. „Sonst würde ich verkommen“, sagt er.

Er wird nicht verkommen, so oder so. Der Monarch ist kein Abenteurer, er ist ein Mann fast ohne Geheimnisse. Bis auf das eine, entscheidende: wie er es macht, das Spiel, wie er die Maschinen überlistet. Doch vielleicht ist selbst das kein Geheimnis. Jedem, sagt der Monarch, könnte er das innerhalb einer Woche beibringen. Nur tut er’s nicht. Sein Lieblingsspruch heißt: „Das Geld liegt auf der Straße.“ Da soll es gefälligst liegenbleiben.