Als ich sehr jung war und den "Steppenwolf" zum erstenmal las, war ich so betreffen und aufgewühlt von dieser Lektüre, daß ich mich hinsetzte und viele Seiten vollschrieb über das Buch und mich und Gott und die Welt. Jetzt bin ich sehr viel älter und habe wiederum den "Steppenwolf" gelesen und bin wiederum sehr betroffen – diesesmal allerdings weniger von der Lektüre als vielmehr von der Erinnerung meiner früheren Reaktion.

Was habe ich damals eigentlich gelesen? Gewiß, so finde ich heute, kein Meisterwerk der Weltliteratur. Aber wenn ich auch damals solche Etiketten eher für einen Etikettenschwindel hielt, so hätte mich doch irgendein ästhetisch kritischer Sinn über die gelegentlich peinliche Diskrepanz zwischen dem Anspruch dieses Buchs und Themas und seiner Umsetzung stolpern lassen müssen.

Private Verwirrung über eine abhanden gekommene Jugend-Lese-Liebe? Vielleicht nicht nur, denn zwischen meiner ersten und meiner zweiten Begegnung mit diesem Buch liegt die Annektierung des "Steppenwolf" durch eine ganze Generation amerikanischer Hippies und Flower-Power-Jugendlicher in den späten sechziger und frühen siebziger Jahren, liegt die Verfilmung des Buches und die Gründung einer Rockband namens "Steppenwolf".

Die Produzenten des (schlechten) Films und die Gründer der Band haben sich nicht auf ein Nichts eingelassen, waren andererseits aber auch wohl kaum angetreten, den Ruhm von Hermann Hesse oder die Vertiefung des Verständnisses für ihn voranzutreiben. Sie haben eine Mode teils aufgegriffen und teils bestätigt, eine Trademark teils mitgeprägt, teils kühl benutzt. Ich glaube, der "Steppenwolf" ist das einzige in der Liste der "100 Bücher", dem eine so hohe, so fragwürdige Ehre zuteil geworden ist.

Die Geschichte von Harry Haller, dem mit sich selber und der bürgerlichen Umwelt zerfallenen Intellektuellen mittleren Alters, der sich in dem ihm unter mysteriösen Umständen zugespielten "Traktat vom Steppenwolf" wiedererkennt, der von der schönen, geheimnisvoll planmäßig sein Leben umkehrenden Hermine zurückgeführt wird zu seiner Sinnlichkeit und dadurch vorbereitet auf den Eintritt ins "Magische Theater", wo er neben Goethe und unter Mozarts göttlichem Gelächter das Figurenspiel der Unsterblichen lernen soll – was eigentlich hat mich damals so betört und bewegt an dieser Geschichte? Gewiß nicht die mir teils unbekannten und teils suspekten literaturgeschichtlichen Wurzeln dieses Romans oder seine eigene Zeitbedingtheit (als das Buch 1927 erschien, lehnte es die Hesse-Gemeinde zunächst entsetzt ab): der Rückgriff auf den "Faust" also und den deutschen Bildungsroman, die literarische Nutzung der Erkenntnisse Freuds und der Psychoanalyse. Eher schon die Entdeckung, daß hier in leidenschaftlicher, verzweifelter Offenheit, aber ohne Brutalität oder Zynismus ein Konflikt dargestellt wird, den ich, durchaus nicht originell, als meine eigene erste Krise beim Versuch des Erwachsenwerdens erlebte: den Zusammenstoß des eigenen, langsam Ecken und Kanten ansetzenden Ichs mit der Welt der die Spielregeln des Lebens monopolisierenden Erwachsenen. Aber, was mehr war und dieses Thema erst wirklich brisant machte, war die Tatsache, daß Harry Haller, dessen "Aufzeichnungen" samt dem im Druck anders abgesetzten "Traktat vom Steppenwolf" nach seinem Verschwinden in den Gefilden des "Magischen Theaters" von Hesse ediert wurden (eine doppelte Verschlüsselung und Verschränkung, die die irreal romantische Komponente des Buches erhöht), kein Jugendlicher war, kein "Werther" oder "Demian", sondern ein Erwachsener, der es sich leistete zuzugeben, daß seine Existenz nichts als die "schmale, gefährliche Brücke zwischen Natur und Geist" sei, ein Mensch also, dessen Sieg schließlich im Scheitern lag.

Harry Haller, der wohl erste, der gewiß erste weltweit bekannte Dropout der bürgerlichen Literatur, und Hermann Hesse, der in diesem Buch und in anderen Schriften das östliche Angebot der meditativen Rückkehr zu sich selbst und des Paradieses der Opiate anbietet: das waren, beginnend in den sechziger Jahren, und sind die Anknüpfungspunkte für eine Jugend, die andere Bücher liest, andere Freundschaften pflegt, andere Kartoffeln ißt als ihre Eltern, die sich in einer Gegenkultur einrichtet und ihre Teilnahme an der Weltgeschichte verweigert. "Wir sind aus der Natur herausgehalten und hängen im Leeren", diese Lagebeschreibung Harry Hallers würden sie unterschreiben, und nicht nur sie.

Und wer die im "Magischen Theater" stattfindende "Hochjagd auf Automobile" liest, der stellt fest, daß Hesse, ob nun ein Großer unter den Klassikern oder nicht, ein furchterregend genauer Visionär ist: "Da riß es mich in eine laute und aufgeregte Welt. Auf den Straßen jagten Automobile, zum Teil gepanzerte, und machten Jagd auf die Fußgänger, überfuhren sie zu Brei, drückten sie an den Mauern der Häuser zuschanden. Ich begriff sofort: Es war der Kampf zwischen Menschen und Maschinen, lang vorbereitet, lang erwartete, lang gefürchtet, nun endlich zum Ausbruch gekommen. Überall lagen Tote und Zerfetzte herum, überall auch zerschmissene, verbogene, halbverbrannte Automobile, über dem wüsten Durcheinander kreisten Flugzeuge, und auch auf sie wurde von vielen Dächern und Fenstern aus mit Büchsen und Maschinengewehren geschossen. Wilde, prachtvoll aufreizende Plakate an allen Wänden forderten in Riesenbuchstaben, die wie Fackeln brannten, die Nation auf, endlich sich einzusetzen für die Menschen gegen die Maschinen, endlich die fetten, schöngekleideten, duftenden Reichen, die mit Hilfe der Maschinen das Fett aus den andern preßten, samt ihren großen, hustenden, böse knurrenden, teuflisch schnurrenden Automobilen totzuschlagen, endlich die Fabriken anzuzünden und die geschändete Erde ein wenig auszuräumen und zu entvölkern, damit wieder Gras wachsen, wieder aus der verstaubten Zementwelt etwas wie Wald, Wiese, Heide, Bach und Moor werden könne."