Melodramatisch

„Das China Syndrom“ von James Bridges – so die Hauptdarstellerin Jane Fonda – „richtet sich eigentlich gegen die Habgier, nicht gegen die Atomenergie“. Aha, kein amerikanischer Beitrag zur Energiedebatte, sondern ein gefilmtes Lehrstück über den ewigen Kampf zwischen Gut und Böse? In der Tat, aber die Mythologie ist von der ersten bis zur letzten Einstellung made in Hollywood. Die Kulisse ist das südliche Kalifornien, die Helden stammen aus dem Western, das Rezept folgt dem Desaster-Melodram à la „Flammendes Inferno“, der Plot ist geschwängert von schierer Paranoia wie im Watergate-Thriller „Die Unbestechlichen“.

Die Helden haben abgesattelt, die Schurken tragen Nadelstreifen. Die einen treibt der Profit, die anderen die Verantwortung – geht es doch um einen maroden Atommeiler, dessen Reaktorkern zu schmelzen droht. Die Folge: Superheiße Uranlava fräße sich durch Edelstahl- und Betonwände ins Erdreich – eben „bis nach China“ auf der entgegengesetzten Hälfte des Globus. Bereits im ersten Teil der Apokalypse würde ein hochradioaktiver Geysir Tod über Südkalifornien ausspeien.

Genregetreu steuert die Handlung auf den shootout zu, doch die Stunde der Wahrheit schlägt nicht im O. K. Corral, sondern im Kontrollraum eines fiktiven Atomkraftwerkes: Jack Lemmon, der geläuterte Technokrat, sinkt von Kugeln durchlöchert vor der Schalttafel zu Boden, weil er das Vertuschungskomplott der Bosse nicht länger mittragen kann. Er stirbt, weil er einem höheren Gesetz gehorcht als dem Profit.

Sein weibliches Gegenstück ist Jane Fonda, die unumstößlich an ihre Reporterkarriere in der lokalen TV-Station glaubt. Zunächst. Zufällig wird sie jedoch Zeugin einer Fast-Katastrophe im Ventana-Atomkraftwerk. Die Erde bebt, die Alarmglocken schrillen, doch die tapfere Crew unter Jack Lemmons Führung verhindert in allerletzter Sekunde das Abschmelzen des Reaktorkerns.

Richtig aufgeschreckt wird Jane Fonda erst, nachdem ihr dämmert, welch schmutzig Spiel mit ihr getrieben wird. Sie soll eine Verschwörung des Schweigens decken – ausgeheckt von ihrem eigenen Boß und den Drahtziehern in der Kraftwerkindustrie. (Merke: Die Finanzelite hält immer zusammen.)

Denn im Reaktor schwelt immer noch das Verderben, und die Biedermänner sind entschlossen, eher das Leben der Bevölkerung als ihre Bilanzen aufs Spiel zu setzen. Auftritt Jack Lemmon: Er hat inzwischen entdeckt, daß die Konstruktionsfirma gepfuscht und die Unterlagen gezinkt hat. Nur: „Ich kann es einfach nicht glauben, daß jemand bewußt die Dokumente gefälscht hat.“