Lange vor der Premiere war alles vorbei: das Drama hatte seine politische Arbeit getan, und es hatte eine große Debatte entfacht. Daß Rolf Hochhuths Theaterstück "Juristen" nun auch leibhaftig aufs Theater kommt, ist eher eine Peinlichkeit, kann seinem Ruhm nur schaden.

Alles war getan, noch bevor das Stück fertig war: Der Ministerpräsident und Marinestabsrichter a. D. Hans Karl Filbinger hatte sich in einen Rechtsstreit mit Hochhuth verwickeln lassen, in dessen Verlauf er auf sein Amt und auf die Aussicht, womöglich sogar Bundespräsident zu werden, verzichten mußte.

Alles war gesagt, noch bevor das Stück aufgeführt wurde; Kaum nämlich war die Buchausgabe erschienen, hatte Hellmuth Karasek, ein Profi und Veteran des Hochhuth-Verrisses, das Werk als eifernde Amateurarbeit heiter verhöhnt. "Noch nie hat ein unbeholfenerer Text einen edleren Zweck erfüllt", schrieb Karasek und hatte ja so recht.

Dies wiederum ließ den einzigen deutschen Theaterkritiker, der es mit Rolf Hochhuth an sittlichem Ernst aufnehmen kann, ließ Günther Rühle von der FAZ nicht ruhen. In einem langen, bewegenden Plädoyer verteidigte er den politischen Stückeschreiber Hochhuth gegen seine Verächter – wobei er die eigenen ästhetischen Bedenken in die unnachahmliche Formulierung kleidete, daß "die Form der Schürzung des Stoffs dem Geschürzten nicht standhalte". Und auch Rühle, bei meiner Schürze, er hat recht.

Alles war gesagt, alles getan; noch einmal verfestigt war jenes Bild vom Dramatiker Hochhuth, der mit den besten Absichten die schlechtesten Stücke schreibt und gerade damit die heftigsten Wirkungen hat. Einigkeit also, von Welt bis ZDF: die "Juristen" seien "kein ästhetisches, sondern ein moralisch-politisches Ereignis" ("Aspekte"), "ein erschütterndes spätes Requiem" (Rudolf Krämer-Badoni).

Zur Dankbarkeit entschlossen betrat ich also das Hamburger Ernst-Deutsch-Theater: was sind schon drei Stunden Hochhuth gegen womöglich zehn Jahre Filbinger? (Die uns allerdings, was meine Dankbarkeit etwas einschränkt, womöglich zehn Jahre Carstens... aber das ist wirklich ein anderes Thema). Zur Dankbarkeit entschlossen, erwartungslos milde gestimmt saß ich im Zuschauerraum. Alles zum Thema war schon gesagt, daran würde auch der selbstlose Einsatz des ZEIT-Feuilletons und seiner sämtlichen Theaterkritiker nichts mehr ändern.

Und auch die Aufführung im Ernst-Deutsch-Theater nicht. Das sonst so schnöde theaterkritische Verfahren, Kunstleistungen mit Adjektiven abzufertigen, ist hier endlich einmal gerechtfertigt: "wacker" war die Hamburger Aufführung, wirklich wacker, nicht mehr, nicht weniger, nichts sonst. Sie hatte ein paar kleinere Handicaps zu überwinden: daß von allen Beteiligten die Souffleuse am tiefsten in die Geheimnisse der Hochhuthschen Syntax eingedrungen war; daß zwei Hauptdarsteller, der wirklich gutaussehende Claus Wilcke und der rundlich-nette Peter Zilles, vermutlich jeder Rolle gewachsen sind, nur nicht der von kritischen jungen Intellektuellen. Doch mehr als aufgewogen wurden solche unbedeutenden Schwächen damit, daß Hausherr und Regisseur Friedrich Schütter selber der Hauptfigur, dem Nazi-Richter Heilmayer, Stimme und Statur verlieh, nahezu mühelos jene vom Autor gewünschte herbe Männlichkeit ("noch immer ein eindrucksvoller Mann, sehr groß, nicht dick, aber breitschultrig-raumfüllend") repräsentierte.

Meine Dankbarkeit hat die Uraufführung überdauert. Sie ist mir erst bei der anschließenden zweitägigen, quälenden Lektüre des Stücktextes samt ausschweifender Regieanweisungen vergangen. Sie ist mir (in dieser Reihenfolge) verdorben worden: durch Hochhuths Humor, Hochhuths Erotik, Hochhuths Haß. Am Ende war auch das mir. lieb gewordene Hochhuth-Bild (vom guten Menschen, der mit schlechter Kunst gute Werke tut) in Scherben gegangen.

Humor: Hochhuth hält es für komisch, daß ein deutscher Polizist und Scharfschütze bei der Ausübung seiner dienstlichen Pflichten von Durchfall geplagt wird und also (der Kollege Georg Hensel hat es nachgezählt) vierzehnmal über die Bühne zum Klosett rennen muß. Komisch oder nicht so komisch? Unerträglich, weil Hochhuth nicht begreift, daß er die tönende Moral-Debatte, die sein Stück führt, durch dergleichen Anal-Späße selber blamiert. Man kann es, wie Hochhuth, schrecklich finden, daß die Politiker Hanns-Martin Schleyer und Aldo Moro der "Staatsräson" geopfert haben. Man kann aber nicht (außer am Stammtisch) gleichzeitig moralische Reden halten und Zoten erzählen.

Eros: Es ist ein bedrückendes Schauspiel im Schauspiel, wie sich Hochhuth verkrampft das lockere Leben eines Studentenpaares ausmalt; wie er gönnerhaft und onkelhaft-lüstern durchs Schlüsselloch guckt, sich seine jungen Leute nackt, fast nackt oder in Unterwäsche vorstellt. Der Abstand zwischen Moralismus und Pornographie (schon Ludwig Thoma wußte es) ist erstaunlich gering – auch im Werke des Rolf Hochhuth. Hatte der Dichter (allzeit von männlichen Männern fasziniert) eben noch den Körper des Juristen Heilmayer andächtig beschrieben, mit gerade noch gezügelter Sinnlichkeit, so gerät er bei dessen Tochter Christiane vollends außer sich: "... so ist auch sie lang und breitschultrig; verdankt aber ihrer Mutter, einer kleinen, sehr schwarzen Pfälzerin, die früh rund wurde, obgleich sie eine halbe Generation jünger ist als ihr Mann, die bei so langen, schlaksigen Mädchen ziemlich seltenen starken Brüste". Man kann, wie Rolf Hochhuth, gegen eine ganze verderbte Welt zu Kriege ziehen, nur sollte man es nicht im Unterhemde tun.

Haß: Hochhuth (ein wahrhaft gnadenloser Richter an der Schreibmaschine) verschont auch in diesem Drama keinen mit seiner Wut, die SPD noch weniger als die CDU, Schmidt noch weniger als Strauß. Der Lärm, den er mit seinen Sätzen macht, übertönt alle Einsichten, tötet jedes politische Unterscheidungsvermögen. Wie Hochhuth, immer die Apokalypse im Auge, den Verfall der Sitten beklagt, wie er Leute, die nicht auf der Höhe seines moralischen Bewußtseins stehen, als eine Art Ungeziefer, als Untermenschen charakterisiert ("Amtslinge" nennt er sie, "Pflichtlinge", "Vorstehhunde", möchte ihnen, wenigstens mit einer Regieanweisung, in die "Fresse hauen"), wie sein Reden und Argumentieren immer wieder ins Zetern und Schreien umschlägt – das macht seinen Text auch politisch indiskutabel, zu einem linken (oder grünen) Sonthofen.

Jeder Politiker hat den Verfolger, den er verdient. Wären sie nicht seine negativen Helden, es müßte dieses überaus deutsche Drama, so moralisch, so humorig, so gehässig, auch den Filbingers gefallen. Benjamin Henrichs