Ein Ingenieur behauptet: Schäden an Brücken sind durch falsche Vorschriften programmiert

Nur wenige Betrachter finden das Bauwerk besonders schön. Doch die meisten würden ihre ästhetischen und landschaftsgestalterischen Vorbehalte wahrscheinlich unterdrücken können, wäre die Aggertalbrücke der Autobahn zwischen Köln und dem sauerländischen Olpe wenigstens technisch in Ordnung. Doch nicht einmal das scheint der Fall zu sein. Die Brücke wird gerade repariert, Risse im Beton werden zugestopft, und die Autofahrer, die derweil darüberbrausen, merken von alldem nichts – sie wiegen sich in Sicherheit.

Nun wäre es wohl auch zu früh und übertrieben, die nahe dem Handballer-Städtchen Gummersbach gelegene Brücke schon als unsicher zu bezeichnen; da hat es in deutschen Landen schon Schlimmeres gegeben. Noch liegt der Reparaturpreis sehr niedrig, bei vergleichsweise fast lächerlichen 136 000 Mark, und noch mögen sich die Straßenbauer der Hoffnung hingeben, das Kunstharz, das jetzt in die Risse eingefugt wird, werde nicht nur die Optik wieder schönen, sondern vor allem auch die im Beton liegende stählerne Bewehrung vor Korrosion schützen – was indes von manchen Fachleuten bezweifelt wird.

Für ein breiteres Publikum interessant sind, im Zusammenhang mit dieser Reparatur, drei Fragen:

  • An wievielen anderen Brücken müssen Risse repariert und Schäden zugekleistert werden – und wie hoch ist demnach der Gesamtschaden?
  • Was sind die Ursachen dieser Schäden – sind sie durch Pfusch entstanden oder gar systembedingt?
  • Welche Konsequenzen ziehen die Bauverwaltungen und die mit der Kontrolle dieser Bürokratien beauftragten Parlamente?

Was die mutmaßlichen Schadenskosten anlangt, so gelangt die mit der Sanierung der Aggertalbrücke befaßte Darmstädter Firma Zeiss-Chemie zu einer besonders bescheidenen Schätzung – jeweils rund zehn Millionen Mark für die nächsten drei bis fünf Jahre, meint ihr Geschäftsführer Klaus Sinewe. Dagegen hat eine vom Bundesverkehrsministerium eingesetzte. Gruppe von Fachleuten festgestellt, daß etwa ein Drittel der 6800 deutschen Autobahnbrücken schadhaft sei. Schon bei Sanierungskosten von jeweils nur hunderttausend Mark machte das zweihundert Millionen; Pessimisten aber rechnen mit annähernd dem Zehnfachen.

Die Schadenskosten wären gewiß noch zu ertragen, wären sie unvermeidlich, eine Art vor. Tribut an den Zahn der Zeit. Doch es scheint schlimmer zu sein. Der vorsichtige Brückensanierer Sinewe hat als Schadensursache bislang vor allem Pfusch festgestellt: etwa dadurch, daß Beton und Verarbeitung nicht gut oder daß die Bewehrungen beim Bau nicht genügend abgedeckt worden seien. Schon diese eher harmlos, da gewohnt klingende Begründung ließe allerdings fragen, ob denn die öffentlich-rechtliche Bauaufsicht ihre Aufgabe ernst genug nimmt. Schließlich hat man ihr ja eine Kontrollaufgabe übertragen, auf daß sie den Bürgern Sicherheit gebe und ihnen vermeidbare Kosten erspare.