Wenn er will, kann Eleuterio Sanchez ein paar Peseten in die Musikbox stecken und die Gruppe „Boney M.“ die englische Originalfassung eines Schlagers singen hören, der von niemand anderem handelt als von ihm selber.

Denn „El Lute“, den Hörern deutscher Zunge von Michael Holm nahegebracht, ist ein Unikum. Es handelt sich um eine verschlagene Lebensgeschichte. Ihr Held existiert (und erhielt, was nur gerecht wäre, angeblich 100 000 Mark dafür, daß er seinen Namen herlieh).

In Stichworten sieht diese Vita etwa so aus: Geboren ist Eleuterio Sanchez 1935, nach anderen Angaben 1942 in Salamanca. Seine Familie waren „Quinquis“, Kesselflicker, ein nomadisches, von mitteleuropäischen Landsknechten abstammendes Volk ganz unten auf der Sozialskala, in manchem den Zigeunern gleich. Kein Schulbesuch. Gelegenheitsarbeiten. Mit 19 wegen Hühnerdiebstahls verurteilt. 1965 ist er an einem Einbruch in einem Madrider Juweliergeschäft beteiligt; dabei wird von einem Komplizen ein Wachmann erschossen, im Verlauf der polizeilichen Verfolgung ein achtjähriges Mädchen tödlich verletzt. Sanchez wird verhaftet und zum Tode durch die Garotte verurteilt. Vornehmlich auf Grund einer Intervention des Erzbischofs von Madrid wird das Todesurteil in 30 Jahre Zucht-, haus verwandelt. Im Gefängnis lernt Sanchez schreiben und lesen. 1966 flieht er, wird gefangen, flieht wieder. In den folgenden Jahren bietet die spanische Polizei zeitweilig 30 000 Mann auf, ihn zu fassen.

Die Jagd gerät zu einem aufregenden Spektakel, an dem die Öffentlichkeit fasziniert teilnimmt; bei der Unbeliebtheit der Polizei im Franco-Staat neigen sich viele Sympathien dem Flüchtling zu. Langsam wird El Lute zu einer Legendenfigur. 1973 wird er schließlich verhaftet. Im Gefängnis studiert er Jura, beginnt Gedichte zu schreiben. Seit 1977 darf er auf Grund einer Amnestie das Gefängnis tagsüber verlassen. 1978 wird ihm wegen der Delikte während der Flucht der Prozeß gemacht. Das Urteil: Freispruch. Aber es bleiben ihm acht Jahre Haft im offenen Vollzug aus der früheren Strafe. Inzwischen hat Sanchez seine Erinnerungen geschrieben (vor kurzem erschien ihr zweiter Teil), die ein Bestseller wurden. Der Kesselflicker und Ausbrecherkönig ist heute ein angesehener Schriftsteller.

Der Schlagertext, so erkennt man, ist eine ganz erhebliche Leistung. Sie besteht darin, alles zu verwischen, ohne grob zu lügen. Wer die Lebensdaten weiß, findet einiges im Lied wieder. Wer aber nur das Lied kennt, kann sich unmöglich vorstellen, was da eigentlich vorgefallen ist.

Gut, er war jedenfalls nicht 19, als er zum Tod verurteilt wurde. Und daß er „nie das Licht der Sonne gesehen“ habe, wird auch durch die dreimalige Wiederholung nicht glaubwürdiger. Aber wichtiger ist, was das Lied verschweigt. Warum ist er zum Tode verurteilt worden? Weil er arm war. Der „Lute“ dieses Schlagers ist jemand, der verfolgt und verurteilt wurde, weil er, selber arm, gegen Armut und Rechtlosigkeit war – vielleicht ein blinder Philosoph, ein unbeugsamer Sozialrevolutionär? So einer ist dann passenderweise auch nur durch „ein Wunder“, einen „neuen Morgen“ zu retten, nicht durch Francos Tod und die folgende Liberalisierung der spanischen Justiz.

Was ist da los? Warum läßt sich der Schlager all die spannenden Details der Biographie entgehen? Darauf gibt es wohl nur eine Antwort: weil er den Leuten kein Denken zutraut und auch nicht, daß sie mehr als ein großflächiges Gefühl auf einmal haben könnten. Die Gefühle, die Sanchez’ Biographie aufkommen lassen könnte, Bewunderung, Neid, Furcht, Belustigung, Aufregung – er schränkt sie auf ein einziges ein, eine wehleidige Rührung: Nichts darf diese Gefühlseinfalt stören. Scheinbar ein Ausnahmefall in seiner Konkretheit, fast politisch, bezahlt das Lied den Preis und sprüht sogleich alles mit parfümierter Tränenflüssigkeit zu. So bietet „El Lute“ einen sonderbaren Anblick: einen Schlager, der einen kurzen Blick auf die Wirklichkeit riskiert und dann in weiten Sätzen vor ihr flieht wie sein Held vor der Polizei.

Dieter E. Zimmer