Frankfurt/Main

Wenn Knut Müller demnächst Regierungspräsident wird, dann hat er zehn Jahre als Polizeipräsident in Frankfurt am Main hinter sich. Wieder ein Schritt weiter nach oben in der Karriere des sozialdemokratischen Juristen. Verwaltungslehrling in Bochum, dann Abendgymnasium und Jurastudium, Assistent am Institut für öffentliches Recht in Marburg, wissenschaftlicher Mitarbeiter beim Bundesverfassungsgericht, schließlich Regierungsdirektor im hessischen Innenministerium. Und noch eine Stufe höher: Ende 1970 oberster Polizist in Frankfurt. Als Knut Müller im Mai 1977 sein 25jähriges Jubiläum im öffentlichen Dienst feierte, lobte der Festredner „die Verdienste des Frankfurter Polizeipräsidenten, der sich insbesondere in einer Zeit, die von kritischen Phasen und Situationen gekennzeichnet war, hervorragend auf diesem Platz bewährt hat“. Im vergangenen Jahr gratulierte der CDU-Oberbürgermeister Wallmann seinem SPD-Polizeipräsidenten zum fünfzigsten Geburtstag mit der Versicherung, Müller habe seine Aufgaben und Pflichten mit Erfolg wahrgenommen.

Bei den Lobsprüchen kann beiden nicht ganz wohl gewesen sein, denn selbstverständlich wußten sie so gut wie alle anderen in der Stadt, daß der Polizeipräsident Müller im Laufe der Jahre weniger Anerkennung, dafür jedoch um so mehr Rücktrittsforderungen zu hören bekommen hatte. In den eigenen Reihen, unverhüllt ausgesprochen im hessischen SPD-Blatt Der Sozialdemokrat, war man zu dem Ergebnis gekommen, daß die Frankfurter Polizeiführung es geschafft habe, weit über „unser Land hinaus“ von sich reden zu machen. Und noch deutlicher: „Daß ein Mann, der solche Einsatzbefehle gibt, im Amt gehalten wird, ist schlimm.“ Auch die Jungsozialisten machten ihrem Ärger Luft: „Ein Polizeipräsident, der unter Nichtbeachtung jeder Verhältnismäßigkeit der Mittel demokratische Kundgebungen zu verhindern sucht, ist untragbar.“

Der Frankfurter AStA sprach von einem „paranoiden Verhältnis zu den oppositionellen Kräften in dieser Stadt“. Und wenige Monate vor der offiziellen Belobigung anläßlich des Dienstjubiläums hatte ein Antrag, Knut Müller von der Frankfurter SPD-Liste für die Kommunalwahlen zu streichen, eine beachtliche Mehrheit gefunden.

Dabei waren vor zehn Jahren, als er sein Amt antrat, die Erwartungen groß gewesen. Es war die Zeit, als die Stadt völlig aus den Fugen geraten war, als hier alle politischen Konflikte exemplarisch ausgetragen wurden und Frankfurt mit Straßenschlachten, Demonstrationen und Hausbesetzungen nicht aus den Schlagzeilen herauskam. Der damalige Polizeipräsident war an den geballten Problemen gescheitert, die SPD-Basis hatte Konsequenzen gefordert. Mit Erfolg. Und nun waren alle Hoffnungen auf den jungenhaft wirkenden Knut Müller gesetzt, der in dem Ruf stand, ein Reformer mit liberaler Grundhaltung zu sein, der nicht auf die Schlagkraft des Gummiknüppels, sondern auf Überzeugungskraft von Argumenten setzt.

Jedoch der begabte Schreibtischjurist geriet schon bei der ersten Barriere in Schwierigkeiten. Die 3000-Mann-Behörde hätte nämlich an der Spitze des Hauses lieber einen gelernten Polizisten gehabt, einen gestandenen Fachmann und nicht einen Ministerialen, der noch nie in seinem Leben „an der Front“ gestanden hatte. Eine verständliche Position. Es gab nur einen, der das nicht verstand: Knut Müller, dem es nicht gelang, die Skepsis, die ihm entgegengebracht wurde, zu begreifen und zu überwinden. Im Gegenteil: Der Polizeipräsident entwickelte eine ganz besondere Fähigkeit, sich unbeliebt zu machen. Mit der Personalvertretung gab es Dauerkrach und mit der Gewerkschaft gingen die Differenzen schließlich so weit, daß er seinen Austritt erklärte. In einer Gewerkschaft, in der Solidarität und Kollegialität nicht den Rang erhalten, den sie verdienen, wolle er nicht länger Mitglied bleiben, beschwerte er sich. Gemeint war vor allem die Pickelhaube, eine ÖTV-Betriebszeitung, die sich offen über „autoritären Führungsstil“ und „Einengung des Freiheitsspielraumes im Polizeipräsidium“ beklagt hatte.

Seine Kritiker machten ihm auch eine überdurchschnittliche Kritikempfindlichkeit zum Vorwurf. Er reagiere kleinlich und rechthaberisch, sagten sie. Tatsache ist, daß Frankfurter Richter dem Knut Müller ein dickeres Fell wünschten, weil er wegen jeder Anrempelei zum Kadi lief. Immer wieder ging es um die gekränkte Ehre des Polizeipräsidenten. Gegenüber eigenem Fehlverhalten war er jedoch derart schwerhörig, daß ihm während eines Verfahrens entgegengehalten wurde: „Wir hätten es begrüßt, wenn der Polizeipräsident in diesem Falle einen Ansatz von Bedauern gezeigt hätte.“