Burgstädt

Es ging alles mit rechten, freilich überraschenden Dingen zu: Erst belegte das Gericht im Kölner Judenmordprozeß gegen Lischka und andere den angeklagten Advokaten und CSU-Bürgermeister Ernst Heinrichsohn mit einer höheren Strafe als die Ankläger gefordert hatten (sechs Jahre wegen Beihilfe am Mord von 70 000 französischen Juden). Dann erließ ein Oberlandesgericht Haftbefehl wegen Fluchtgefahr, was zuvor der Kölner Richter verneint hatte. Schließlich sammelten Bürgstadter Bürger für ihr inzwischen freiwillig abgetretenes Oberhaupt 200 000 Mark als Kaution. Heinrichsohn, wenngleich ohne Reisepaß und mit der Auflage, sich einmal wöchentlich bei der Polizei zu melden, ist – da der Kölner Spruch noch nicht rechtskräftig ist – wieder ein freier Mann. So weit, so gut?

Die Bürgschaft, der ein Gericht entsprach, ist in Ordnung. In Unordnung ist, daß noch immer kaum einer der Bürgstadter Bürger das Urteil gegen ihren „Ehemaligen“ akzeptieren will, Bürgstadter Mütter nicht einmal die gerichtsnotorischen Belege über Heinrichsohns brutale Aktivitäten bei dem Abtransport kleiner, elternloser Kinder in Viehwaggons nach Auschwitz.

Und in Unordnung ist vor allem dies: 200 000 Mark für den einen Schuldigen, aber keinen Pfennig auch nur für eines der Opfer, das überlebte, keine einzige Mark zum Beispiel als Spende für ein jüdisches Altersheim. Das wäre eine Bürgschaft! D. St.