Dürftig, kläglich, mager: Mit solchen Adjektiven fiel (in seltener Einhelligkeit) die deutsche Filmkritik über das offizielle Programm der 30. Berliner Filmfestspiele her. Nun muß nicht jeder Aufschrei ernst genommen werden (die vereinigte Springer-Presse schäumte vor, allem deshalb, weil Reiner Kunzes in der Tat sehr dürftige „Wunderbare Jahre“ nicht vorgeführt wurden), doch bei allem Verständnis für die Anfangsschwierigkeiten eines neuen Festival-Leiters bleibt der Eindruck einer Beinahe-Katastrophe. Zwölf Tage dauerte die Jubiläums-Berlinale: nach halbwegs seriösen Maßstäben hätte sie spätestens nach einer Woche zu Ende sein müssen. Dem Programm im Zoo-Palast mangelte es arg an festivalwürdigen Filmen, an künstlerischen Herausforderungen. Erst die drei letzten Tage (als alle Welt schon recht apathisch wirkte oder sich in den exzellenten Retrospektiven – Billy Wilder und dreidimensionale Filme – vergnügte) sorgten noch für einen gewissen Aufschwung: viel zu spät.

Die amerikanischen Major Companies hatten es vorgezogen, dem Einstand von Moritz de Hadeln fernzubleiben, und so sah sich das noch immer wichtigste Film-Land vor allem durch Avantgarde- und Dokumentarfilme im Forum-Programm vertreten (darunter ein Drei-Stunden-Werk über Geschichte und Methoden der CIA: „On Company Business“). Im Wettbewerb lief nur ein einziger amerikanischer Film, die unabhängige Produktion „Heartland“ des Fernseh-Regisseurs Richard Pierce: eine durchaus genaue, leider auch sehr betuliche Rekonstruktion des rauhen, entbehrungsreichen Farmer-Lebens in Wyoming 1910.

Man kann wenig sagen gegen diesen hübschen, sorgfältig inszenierten Film, aber zu den Höhepunkten der amerikanischen Produktion gehört er gewiß nicht. Daß die Jury ihm einen halben „Goldenen Bären“ anhängte, mag mit Festival-Politik zu tun haben. Moritz de Hadeln, der Direktor des Wettbewerbsprogramms, nahm an der entscheidenden Jurysitzung teil, und die Verbeugung gen Westen war ihm mit Sicherheit nicht unwillkommen: Vielleicht lassen sich die Amerikaner auf diese Weise überreden, im nächsten Jahr wieder stärker in Berlin aufzutreten.

Es ist müßig, die Jury zu prügeln (der unter anderen Ingrid Thulin, Matthieu Carrière, Peter Kern und der große Filmarchitekt Alexandre Trauner angehörten), denn immerhin rang sie sich zu einer bemerkenswerten Entscheidung durch und zeichnete auch Werner Schroeters „Palermo oder Wolfsburg“ mit einem Hauptpreis aus: eine epische, drei Stunden lange Reise aus einem heiteren, armen Süden in einen kalten, reichen Norden, die Geschichte eines jungen Sizilianers, der in Wolfsburg Arbeit sucht, zwei Menschen tötet und erst vor Gericht seine Identität wiederfindet. Schroeters Film, der sich von einem pathetischen Realismus (der Visconti nicht fern ist) im letzten Drittel zu einer stilisierten Groteske entwickelt, gehörte zu den wenigen herausragenden Ereignissen dieser Berlinale: ein Werk von gewaltsamer Schönheit, zu der auch der umstrittene Stilbruch der Erzählung gehört. „Palermo oder Wolfsburg“ kommt schon in wenigen Wochen in unsere Kinos.

Zumindest thematisch ungewöhnlich war ein amerikanischer Film, der außerhalb der Konkurrenz (die man wirklich eines Tag es abschaffen sollte) lief: „Cruising“ von William Friedkin, ein Blick in die sadomasochistische homosexuelle Lederszene in New York. Auf der Suche nach einem Lustmörder dringt ein Polizeibeamter (Al Pacino) so tief in diese Welt merkwürdiger grausamer Rituale ein, daß er selber dem Reiz des Milieus zu verfallen droht. Zwar gelingt es Friedkin nicht immer, die komplexe Faszination seiner Hauptfigur deutlich zu machen, aber als schwarzer Großstadtkrimi in der Tradition des ebenfalls von Friedkin inszenierten „French Connection“ besitzt der Film eine beachtliche Qualität.

Besonders stark vertreten war in Berlin in den letzten Jahren das osteuropäische Kino (nur 1979 reisten die Sowjets und ihre Verbündeten wegen „The Deer Hunter“ vorzeitig ab). Konrad Wolfs „Solo Sunny“, dessen Hauptdarstellerin Renate Krößner zu Recht einen „Bären“ bekam, wird demnächst auch in unseren Kinos zu sehen sein. Gekauft hat den Film ein amerikanischer Konzern.

Der beste Film der Berlinale kam aus Polen: Andrzej Wajdas „Der Dirigent“, nach dem „Mann aus Marmor“ und „Ohne Betäubung“ noch eine Untersuchung über das Verhältnis von kreativem Impuls und administrativer Kontrolle, von Geist und Macht. Nachdem er in New York der Tochter seiner Jugendgeliebten begegnet ist, entschließt sich der berühmte Dirigent Jan Lasocki (mit gelassener Autorität gespielt von dem Engländer Sir John Gielgud) zu einem Besuch in seiner polnischen Heimatstadt. Dort probt er, von den Funktionären umschmeichelt, mit dem einheimischen Provinzorchester Beethovens Fünfte Symphonie.