In dem hessischen Städtchen Hersfeld wohnen unter diesen Bedingungen rund 200 Zigeuner. Die meisten von ihnen leben im „Kistnersgrund“, in städtischen „Einfachwohnungen“ am Rande des Müllplatzes: keine Heizung, kein Herd, keine Toiletten, keine Dusche, nur eine Wasserstelle und genug Ratten. „Mit neun Personen haust die Landfahrer-Familie Wagner in einer knapp 40 Quadratmeter großen Wohnung. In den Zimmerecken hat sich die Feuchtigkeit in großen dunklen Flecken niedergeschlagen, Tapeten blättern von den Wänden und hinter den Möbeln wuchert der Pilz... Bei dem jüngsten Kind, einem fünf Monate alten Jungen, habe der Arzt Anfänge von Bronchitis festgestellt“ – so beschreibt die örtliche Zeitung die menschenunwürdigen Lebensbedingungen.

Nachdem die Stadt, mit den Worten ihres früheren Bürgermeisters, „1945 gezwungen worden ist, die Zigeuner als .Verfolgte des Naziregimes aufzunehmen“, dauert ihr Elend nun schon beinahe vierzig Jahre. Eine Veränderung der Wohnverhältnisse scheint unmöglich. Jeder Versuch der Stadtverwaltung, den Zigeunern eine angemessene Unterbringung zu verschaffen, scheitert an den Einsprüchen der ansässigen Bürger.

Jüngstes Beispiel: die Hersfelder „Haunewiesen“, ein Gelände im Überschwemmungsgebiet zwischen Autobahn, Bundesstraße und Gewerbeflächen. Kaum wurde dieser Platz als Standort für moderne Wohnungen ins Auge gefaßt, überreichte eine Bürgerinitiative der Geschäftsleute ihren Protest: „Wir werden uns mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln gegen die Ansiedlung der Landfahrer in unmittelbarer Nähe unserer Wohnungen und Gewerbebetriebe wehren“.

Wer kann sich dann noch darüber wundern, wenn diese Zigeuner allmählich resignieren und es nicht mehr für möglich halten, daß sie in diesem Land als Deutsche und Bürger wie andere auch ihr Recht finden können?

Zwei Zigeuner sprechen für die übrigen. Ein Schrotthändler: „... man bekommt überall Knüppel zwischen die Beine geschmissen. Ich komme zu den Leuten, frage, ‚Habt ihr Alteisen?‘, da gucken sie mich an und sagen, nee, und in Wirklichkeit haben sie welches; die sind voreingenommen! ... Gehn Sie mal in die Stadt, man schämt sich ja wirklich, das ist doch keine Menschenwürdigkeit! Wo kommen Sie denn her, wo wohnen Sie denn? Im Kistnersgrund. Wenn sie Kistnersgrund hören, dann klappen sie schon zu und ab!“

Und eine Mutter, vor der Tür einer Gaststätte, die sie nicht betreten darf, denn der Eintritt ist „für Landfahrer verboten“: „Wenn ein Schild draußen hängt, das geht noch, dann wissen wir wenigstens, daß wir net reindürfen. Aber manche habe ja gar keins und wir kommen rein und sitzen da und werden gar net bedient, oder man bekommt gesagt, ‚Tut mir leid, ich kann Sie nicht bedienen, weil Sie Landfahrer sind, Landfahrer haben hier Lokalverbot‘, vor allen Leuten, das glauben Sie gar net, wie man sich da fühlt! Wie ein Verbrecher! Wir haben doch nichts gemacht, ist nur, weil wir Zigeuner sind.“

Die erste deutsche Urkunde über umherziehende Zigeuner findet sich im Rechnungsbuch der Stadt Hildesheim aus dem Jahr 1407. Sie werden „Tatern“ genannt. Doch warum, auf welchem Wege und woher diese dunkelhäutigen und geheimnisvollen „Tatern“ ins Deutsche Reich gekommen sind, ist nirgends überzeugend belegt. Es bleibt Raum für Legenden: Nach Erzählungen arabischer und persischer Dichter soll der persische Fürst Bahram-Gor im Jahr 420 n. Chr. an seinen Kollegen Shankal, einen indischen Maharadscha, die Bitte gerichtet haben, ihm freundlicherweise doch einige Musikanten zu überlassen. Dieser hätte ihm dann nach und nach zwölftausend Spielleute geschickt, Angehörige der Stämme der Luri und Dom aus dem Industal, die er als Nomaden ohnehin gern loswerden wollte. Die Fremden seien dann später auch aus Persien wieder vertrieben worden, weil sie das Wandern angeblich nicht bleiben lassen wollten.