Von Karl-Heinz Janßen

Auch Historiker, selbst die angesehensten, können auf den Holzweg geraten: Seit beinahe dreißig Jahren, genau seit der Erstauflage von „Hitlers Tischgesprächen im Führerhauptquartier 1941–1942“ im Jahre 1951 wähnte sich die deutsche Geschichtswissenschaft im Besitz originärer Äußerungen, geheimster Gedanken des Diktators aus jenen Tagen, als der Stern seiner Macht den Zenit erreicht hatte. Nunmehr stellt sich heraus, daß sie allzu leichtgläubig für Originalstenogramme gehalten haben, was tatsächlich nur Gedächtnisprotokolle eines Ohrenzeugen gewesen sind. Der Quellenwert dieser Aufzeichnungen, die der Adjutant des Reichsleiters Martin Bormann, Ministerialrat Heinrich Heim, angefertigt hat, muß also künftig anders beurteilt werden. Nichtsdestoweniger bleiben sie ein einzigartiges historisches Dokument.

Wer die vollständige und wortgetreue Fassung kennenlernen wollte, war bislang auf ausländische Editionen angewiesen – unsere Historiker mußten sich mit unzulänglichen Rückübersetzungen begnügen. In diesem Frühjahr sollen die Heimschen Niederschriften der Hitlerschen Monologe erstmals im Originaltext auf den Markt kommen:

„Adolf Hitler-Monologe im Führer-Hauptquartier 1941–1944“; deutsche Erstveröffentlichung der Aufzeichnungen Heinrich Heims; herausgegeben von Werner Jochmann; Albrecht Knaus Verlag, Hamburg 1980; 480 S., 39,80 DM.

An Umfang und Bedeutung übertreffen sie die mehrmals veröffentlichten „Tischgespräche“, die der Landrat a. D. Dr. Henry Picker überliefert hat. Picker war im Frühjahr 1942 für ein paar Monate ins Führerhauptquartier beordert worden, um Bormanns Adjutanten Heim während dessen Abwesenheit zu vertreten. Wenn Hitler nach dem Mittag-oder Abendessen vor einer andächtig lauschenden Tischrunde seine Monologe über Gott und die Welt hielt, notierte sich Picker, damals ein dreißigjähriger forscher Anwalt, möglichst unauffällig Stichworte auf Korrespondenzkarten, die man bequem in den Ärmelaufschlag der Uniform stecken konnte. Hinterher, schrieb er dann, in indirekter Rede, seine Berichte, die er über den Krieg hinwegzuretten verstand. Ihnen fügte er 36 Niederschriften seines Vorgängers Heim hinzu, der als „alter Kämpfer“ und Vertrauter Bormanns den Vorzug hatte, auch zu den nächtlichen Teestunden im engsten Kreise gebeten zu werden, wo Hitler mehr aus sich herausging als bei der größeren Tafelrunde.

Der Anwalt Heim, aus angesehener bayerischer Gelehrtenfamilie, ein feinsinniger und kunstverständiger Mann, Nationalsozialist mit der Mitgliedsnummer 1782, war durch seine Bekanntschaft mit Rudolf Heß, dem späteren „Stellvertreter des Führers“, zur Partei gestoßen. In der Parteikanzlei wurde er zum juristischen Mitarbeiter Martin Bormanns, jenes Mannes, der als Nachfolger von Rudolf Heß in den Kriegsjahren Hitlers unentbehrliche rechte Hand gewesen ist. Warum Bormann durch seinen Adjutanten heimlich die Gedanken seines „Führers“ aufzeichnen ließ und sie als Geheimpapiere im Panzerschrank aufbewahrte, ist nicht mehr bis ins letzte Motiv zu ergründen. Wollte er Herrschaftswissen sammeln, wollte er sich, für spätere Diadochenkämpfe, die Autorität des Testamentsvollstreckers sichern?

Zutreffend ist jedenfalls auch die Deutung, die Heims Herausgeber, Professor Werner Jochmann, Leiter der „Forschungsstelle für die Geschichte des Nationalsozialismus in Hamburg“, gegeben hat; Bormann wollte, um der Partei ihren Vorrang zu sichern, Hitlers Gedanken und Kommentare in politische Praxis umsetzen. Nachweislich ist dies auch mehrmals geschehen. Hitlers Richterschelte zum Beispiel wurde via Bormann dem Reichsjustizminister übermittelt, der sich beeilte, in seiner nächsten Ansprache an die höchsten Juristen im Reich die Worte des Führers weiterzugeben,

Für die Rolle des Chronisten brauchte Bormann einen unbedingt zuverlässigen und vertrauenswürdigen Mitarbeiter. Heim verhehlt noch heute nicht seine Bewunderung für „A. H.“ – er hat sich, mit erstaunlicher geistiger tion, bemüht, die Äußerungen des Diktators, zu verschiedenen Themen so getreu und detailliert wie möglich festzuhalten – Bormann hat die Niederschrift überprüft und nur gelegentlich korrigiert. Da Heim Hitlers Monologe in direkter Rede wiedergab, konnten die Forscher annehmen, hier habe jemand alles unmittelbar zu Papiergebracht. Dieser Eindruck verstärkt sich noch, wenn Heim seitenlang seinen Führer Jugenderinnerungen erzählen läßt, in einer munteren, österreichisch eingefärbten Sprache, als hätte ein Jünger Peter Roseggers die Feder geführt. Freilich handelt es sich da um Geschichten, die Hitler vor seinen Spezis und Vertrauten ungezählte Male wiedergekäut hatte – man kannte sie auswendig. In seiner Gewissenhaftigkeit vergaß Heim niemals, jede Zusammenfassung mit einem einschränkenden Anfangssatz zu versehen; Der „Chef“ (so wurde Hitler von seinen täglichen Mitarbeitern genannt) habe sich sinngemäß oder ungefähr „wie folgt“ geäußert.

Jene Dokumente, die Henry Picker schon vorher dem deutschen Publikum unterbreitet hatte, enthielten diesen Vorspann nicht; statt dessen trugen sie den Vermerk „Für die Richtigkeit – Picker“, was wohl besagen soll, er habe sie richtig abgeschrieben. Wie er in ihren Besitz gelangt ist, darüber hat er eine Auskunft gegeben, die sich nicht mit der Darstellung Heims deckt: Während dieser überzeugend darlegt, Hitler habe nicht gewußt, daß seine Worte für die Nachwelt festgehalten wurden, behauptet Picker, Bormann habe bei Hitler die Genehmigung erwirkt, daß Picker seine eigenen Aufzeichnungen „einschließlich der 36 Original-Stenogramme Heims“ und zweier Geheimreden nach dem Kriege publizieren dürfe.

Warum Hitler den jungen Mann eines solchen Vertrauens gewürdigt haben soll, wird dem Leser der Pickerschen Ausgabe nicht ganz klar. Zwar erfährt man, daß Pickers Vater, ein Senator aus Wilhelmshaven, schon vor 1933 den Nationalsozialismus gefördert hat und Hitler mehrmals Gast in seinem Hause war, aber leider nicht, daß der junge Picker bereits 1930, unmittelbar nach dem Abitur, in die Partei eingetreten ist. 1935, nun schon juristischer Mitarbeiter im Stabe des Reichsjugendführers, widmete er seine Dissertation dem oldenburgischen Reichsstatthalter Carl Röver, dem Gauleiter von Weser-Ems. Röver verdankte er denn auch die Empfehlung für das Führerhauptquartier. Hatte sich Picker nach dem Krieg bei den ersten Auflagen der „Tischgespräche“ noch zurückgehalten – er ließ die Edition durch die renommierten Professoren Gerhard Ritter (1951) und Percy Ernst Schramm (1963) besorgen –, so kam er 1976 mit einer von ihm selber kommentierten Neuausgabe heraus, die sich unter anderem dadurch auszeichnete, daß er nur notdürftig camoufliert – versucht, Hitler von der Verantwortung für Auschwitz zu entlasten.

Auch wenn sich Picker als „Jurist, Historiker und Augenzeuge“ einführt, so ist zumindest seine Wiedergabe der Heimschen Niederschriften nach wissenschaftlichen Maßstäben fragwürdig. Wir können zwar nicht nachprüfen, ob es stimmt, daß Bormann ihm diese 36 Abschriften überlassen und er dann anhand der „Original-Stenogramme“ Heims die Urfassung wiederhergestellt habe – die Stenogramme, so sagt er, lagen in der Schublade seines Schreibtisches, eine Sekretärin habe sie übertragen. Da steht vorläufig Aussage gegen Aussage. Aber wie will Picker die vielen Ungereimtheiten (falsche Worte, andere Satzstellung, Auslassungen, Ergänzungen, Namensverwechslungen, sogar substantielle Veränderungen des Textes) erklären? Sie waren übrigens schon den Herausgebern der zweiten Auflage, bei einem Vergleich mit den ausländischen Editionen, aufgefallen.

Die internationale Forschung wird gut daran tun, sich künftig an die Heimischen Originale zu halten, die ein Schweizer Geschäftsmann aus dem Nachlaß Bormanns erworben hatte. Notwendig wäre nun eine historisch-kritische Ausgabe aller Aufzeichnungen aus dem Führer-Hauptquartier, doch wird sie auf sich warten lassen, solange Pieper auf seinem Copyright beharrt.

Unser Hitler-Bild ändert sich durch dieses neue Buch nicht. Anders ist es mit der Bewertung der Tischgespräche. Herausgeber Jochmann hat als erster das Augenmerk auf die Umstände und den Hintergrund dieser Monologe gelenkt. Der intellektuelle Hochmut, mit dem Professoren und Publizisten aus dem Bildungsbürgertum der fünfziger und sechziger Jahre und jüngst noch Rudolf Augstein Hitlers Worte rezensiert haben, zielt an der Wirklichkeit vorbei, erschwert nur das ohnehin heikle Unterfangen, die Persönlichkeit Hitlers zu entschlüsseln. Man stelle sich einmal vor, alles und jedes, was Konrad Adenauer oder Helmut Schmidt im intimen Kreise von sich geben, würde mitstenographiert oder auf Band aufgenommen. Das Entsetzen wäre ähnlich groß wie, bei der Veröffentlichung der Nixon-Tonbänder.

Hitler, Tag und Nacht mit den Operationen in Rußland befaßt – im Winter 1941/42 entkommt er nur haarscharf der Katastrophe –, aber auch mit vielen anderen Problemen, nicht zuletzt mit der Deportation und Ermordung der Juden, dieser Selbstherrscher hatte das Bedürfnis, sich bei Tisch zu entspannen. Man weiß von vielen Augenzeugen, daß er am liebsten sich selber reden hörte, aber es ist in der Tafelrunde auch diskutiert, worden, es wurden Zwischenfragen gestellt, oder man versuchte ihn durch Stichworte aus der Reserve zu locken. Nur ist davon in den Heimsehen Niederschriften wenig geblieben. Gelegentlich hält er Dialoge fest, so wenn Hitler zu scherzen beliebt und doch nur seine Humorlosigkeit demonstriert – sein gallebitterer Witz geht zumeist auf anderer Leute Kosten. Besonders die Jäger haben es ihm angetan, mehr noch die Italiener-, über die zu lästern auch heute noch in höchsten Kreisen als schick gilt. Protokollant Heim, wohl in Absprache mit Bormann, hat nicht alle Themen erwähnt, die aufkamen; er gibt selber zu, bei militärischen und technischen Dingen, in denen Hitler mit seinen Kenntnissen brillierte, habe er sich nicht für kompetent gehalten.

Am wohlsten fühlte sich Hitler nach Mitternacht, wenn die letzte Lagebesprechung mit den Militärs vorbei war. Eingestimmt zuweilen durch eine Bruckner-Symphonie oder das Tristan-Vorspiel, sozusagen mit aufgeknöpfter Weste, räkelte er sich in seinem Sessel, umgeben von höchstens sechs oder acht Leuten, alten Kämpfern und Vertrauten. Immer dabei waren – und das ist wichtig zu wissen – seine Sekretärinnen. Hier konnte er seinen Gedanken, seinen Vorurteilen, seinen Sympathien und seinem Haß freien Lauf lassen, hier mußte er nicht jedes Wort auf die Goldwaage legen, konnte kühne Zukunftsvisionen vom germanischen Weltreich deutscher Nation von Stapel lassen, in Erinnerungen an die Jugend schwelgen oder an die Kampfzeit der Partei. Was er ansonsten – auch in der Tafelrunde – unter der Pose des Staatsmannes und Feldherrn verdeckte, lag nun offen zutage: seine Herkunft aus dem Plebejertum, sein spießbürgerlicher Zuschnitt, seine Stammtisch-Philosophie, immer vorgetragen im raunzigen Stil des berühmten „Herrn Karl“.

Dies ist Hitler in der Volksausgabe, ein Hitler für Bild-Leser, wenn es sie damals schon gegeben hätte. Warum er bis zu seiner Todesstunde Millionen in seinem Bann halten, in den Tod schicken konnte, warum ihm vor. 1933 die Wählermassen zuliefen und warum er nach 1933 mehr und mehr auch die Arbeiter für sich eingenommen hat – es ist eigentlich gar nicht mehr so rätselhaft, wenn man ihn hier, fast im Originalton, vernimmt: ein Ausbund an „laut and order“-Gesinnung, ein Verächter der Pfaffen und Advokaten, der Bürokraten und der Pauker, voreingenommen gegen alle Neunmalklugen und Hochgebildeten (ein Recht, daß er sich als Autodidakt herausnahm), ein Anwalt des „gesunden Volksempfindens“.

Jochmann hat durchaus richtig beobachtet, daß Hitler in diesem Kreise auch Stimmungen, Meinungen erfühlen, eigene verwegene oder verbrecherische Gedanken einer ersten Probe aussetzen konnte. Staats- und Kriegsgeheimnisse hat er nicht ausgeplaudert (oder Heim hat sie absichtlich unterschlagen). Doch was er, fünf Tage nach der berüchtigten Wannsee-Konferenz, über die Juden sagt – ebenso im Oktober 1941 vor den Ohren Himmlers und Heydrichs war überdeutlich, für alle, die hören wollten.

Gewiß: Hitler ist ein Halbgebildeter, ein Alles- und Besserwisser, bar jeder Selbstkritik, doch ist er bei seiner frappierenden Belesenheit zu überraschend vernünftigen Einsichten fähig. Zuweilen läßt er den Durchschnitt oder die Mehrheit der deutschen Intelligenz jener Jahre weit hinter sich (anders wäre auch nicht zu begreifen, warum immer wieder Militärs, Intellektuelle, Gelehrte von ihm fasziniert waren oder sich wider ihre Absicht seinen Argumenten beugten). Manchmal redet er wie ein „Grüner“, dann wieder marschiert er an der Spitze des Fortschritts, ein Wegbereiter der klassenlosen Gesellschaft, in der jeder seine Chance bekommt (Juden und Zeugen Jehovas ausgenommen).

Es wäre reizvoll einmal Äußerungen Tse-tungs zu Erziehungsfragen oder über den Parteiaufbau mit Hitlers Monologen zu vergleichen – es böten sich verblüffende Parallelen. Beiden gemein ist die Gabe der Vereinfachung; das Talent, sofort das Wesentliche eines Problems zu erkennen; der Glaube an die Berge versetzende Kraft menschlichen Willens; die realitätsferne Romantik; das Mißtrauen gegen Federfuchser und Paragraphenreiter; die Rücksichtslosigkeit, mit der Millionen Menschen auf dem Altar einer fragwürdigen Zukunft geopfert werden. Was Hitler allerdings in erschreckendem Maße fehlt, ist der Edelmut, gegenüber dem Gegner, ist der Demut, ist – Erbarmen, Seine Menschenverachtung kennt keine Grenzen. Auffallend oft beruft er sich auf Friedrich den Großen; dieser Leitfigur scheint er alle schlechten Eigenschaften abgesehen zu haben.

Damit stellt sich die Frage nach dem Platz Hitlers in der preußisch-deutschen Nationalgeschichte, wohl auch in der österreichisch, katholischen Reichstradition. Wer, wie Rudolf Augstein bei der Betrachtung dieser „Monologe“, Hitler zum „ungeheuerlichsten Monstrum aller uns bekannten Zeiten“ stilisiert, offenbart nur seine Hilflosigkeit. Er dämonisiert Hitler, statt ihn historisch zu erklären. Unvoreingenommen gelesen (was, zugegeben, immer noch schwerfällt), entpuppen sich diese „Monologe“ als wichtiger Baustein zu einer Phänomenologie – der Selbstherrschaft. Was schwerer wiegt: Sie sind ein Spiegelbild deutschen Lebens.