Vorurteile gegenüber Behinderten haben ihre Geschichte. Erstaunlich jedoch, wie lange sich Vorurteile halten können und wie sie immer weiter überliefert werden. Am 16. Februar erschien in der Wochenendbeilage der Frankfurter Allgemeinen Zeitung ein Bericht über Schüler der Rheinischen Landesschule für Körperbehinderte in Köln, die dort die Mittlere Reife oder das Abitur anstreben. Der Artikel ("Warum sollen wir denn anders sein?") beginnt wie eine Abnormitätenshow, nicht einzelne Menschen mit Behinderungen werden charakterisiert, sondern Defekte exotisch ausgemalt:

"Harter Rock aus Lautsprechern im abgedunkelten Raum. Hemmungen fallen. Armlose, Beinlose suchen im rhythmischen Durcheinander Vergessen. Ein Spastiker kniet und schlägt mit seiner Stirn im Takt auf den Boden. Der hübschen Blonden fliegen die Locken ums Gesicht; was bislang verborgen war, wird nun sichtbar: die kleinen Schulterflossen. Das Rollstuhlkind wirft den Oberkörper hin und her. Pause. Licht. Im Zuschauerraum kein Lachen. Die Tänzerin hockt auf der Rampe, mit dem Fuß führt sie eine Zigarette zum Mund. Am Knöchel die Armbanduhr. Die Luft ist schwer geworden. Der Gast wagt kaum aufzuschauen. Um ihn herum Wesen einer anderen Welt, die Privilegierten an Stöcken, die meisten im Rollstuhl. Kleine Bündel Mensch: Stiefel beginnen am Rumpf, Füße in Mondstellung. Unter Decken sind Beine, embryohaft verschränkt. Ein Unterarm, nach oben gedreht, ruht auf einem Klapptisch."

Durch alle Jahrhunderte mußten sich Behinderte als Monster und Abnormitäten zur Schau stellen. Schenck von Grafenberg schrieb bereits 1609 eine Monstrorum historia. Elend, originell präsentiert, wurde im 19. und auch im 20. Jahrhundert zu einem Verkaufsschlager. Schier unerschöpflich die Anpreisung der Abnormitäten: Da gab es Halbmenschen, Armlose, Liliputaner, Zwerge, Riesen, Löwenmenschen, Haarmenschen, Bartfrauen, die Frau ohne Unterleib, ein Bärenweib, ein Kamelmädchen, einen Froschknaben, Frauen mit Elefanten- oder Gummihaut, Kolosse, Vogel- und Doppelmenschen, womit siamesische Zwillinge gemeint sind.

Dies ist das Bild vom "Unterhaltungskrüppel", wie die Fachleute sagen, vom Behinderten, dessen Gebrechen zur Unterhaltung diente. Aber auch magische Angst spielte eine große Rolle, galten körperlich Deformierte doch im Mittelalter als Geburten des Teufels (woran, wie wir wissen, auch heute noch Bundesbürger glauben). Viele "Schaukrüppel" mußten ein Verslein aufsagen, daß sie den Frommen zur Mahnung lebten.

Die Darstellung von Schaukrüppeln ist ein Geschäft mit der Angst. "Monster", schreibt Hans Scheugl in dem Buch "Show Freaks & Monster", "sind Kulminationspunkte des Schrecklichen ... Sie sind die Produkte der Angst, sie erzeugen sie nicht, denn die Angst und das Schreckliche existieren unabhängig von ihnen. Sie sind lediglich die meist schon kulturell tradierte Form, auf die die Gesellschaft ihr eigenes Versagen projiziert."

Es gibt zwei Möglichkeiten, mit der eigenen Angst umzugehen. Man stellt das Elend zur Schau (auf Festwiesen, Jahrmärkten und Juxplätzen geschah dies), um dem verehrten Publikum Grusel-Delikatessen zu bieten, oder man macht den Betroffenen zum Sündenbock und verjagt ihn. Auf die Behinderten angewandt: Man überträgt auf sie alle negativen Eigenschaften, die man in sich selber weiß. So galten Behinderte beispielsweise immer als rachsüchtig, bösartig und triebhaft.

Die Sündenböcke werden verbannt: Sie kommen ins Asyl, ins Heim. 1876 schrieb der Göttinger Professor K. F. H. Marx: "Mitleid mit Krüppeln und Personen, die an ekelhaften Übeln laborieren, hat sich darauf zu beschränken, für deren angemessenen Aufenthalt in Siechenhäusern mit Gärten, die sie jedoch nie verlassen dürfen, zu sorgen. Der widrige Anblick solcher Unglücklichen muß dem öffentlichen Verkehr entzogen bleiben, denn der Eindruck auf Empfindsame und Schwangere ist höchst bedenklich." Der Volksmund sagte es kürzer: "Je krümmer, je schlimmer."