Von Friedemann Bedürftig

Kurz nach dem Kriege, als die sportlichen Kontakte mit dem Ausland wieder begannen, gewann Peter Müller, genannt „de Aap“, einen wichtigen Boxkampf in Amerika. Betreten berieten die Veranstalter, mit welcher Hymne sie den Sieger ehren könnten. Da ließ sich der Kölner Faustkämpfer kurzerhand eine Mundharmonika geben und intonierte das Horst-Wessel-Lied. Die alte Nationalhymne ging nicht mehr, eine neue gab es noch nicht. Man muß sich nur zu helfen wissen.

Dem „Aap“ hat das damals kaum einer übelgenommen, und auch die Zuschauer im ZDF-Sportstudio, in dem er am 10. 5. 1975 die Geschichte zum besten gab, reagierten mit anerkennender Heiterkeit. Sie lachten vielleicht auch ein wenig ihre Beklemmungen weg. Hätte Müllers „Aap“ etwa anzweifeln sollen, was seinerzeit der Minister Goebbels empfohlen hatte und was damals alle mitgemacht hatten? Er war das späte Opfer einer Propaganda, die mit der Wessel-Legende ein Meisterstück geliefert hatte.

1926 wurde Goebbels Gauleiter von Berlin, 1926 trat Horst Wessel dort der NSDAP bei. Ein Gespann, wie gemalt für Hitlers Auftrag: Eroberung der „roten“ Reichshauptstadt. Was Wessel dann als Führer des Sturms 5 in der Hochburg der „Roten“, in Friedrichshain, im kleinen tat, praktizierte Goebbels im großen: Kommunisten provozieren und prügeln. Die Rechtsunsicherheit, die man dem „System“ ankreidete, mußte man notfalls herbeirandalieren. Doch der Durchbruch ließ auf sich warten. Drei Jahre lang suchte Goebbels vergeblich nach dem „Blutzeugen“, so seine Eindeutschung für Martyrer, den er für die halbreligiöse Verbrämung seiner Agitation, für die „Gottesdienste unserer politischen Arbeit“ so dringend brauchte. Am 14. Januar 1930 war es dann soweit: Ein kommunistisches Rollkommando rückte zwecks „proletarischer Abreibung“ Horst Wessel auf die Bude. Ein Schuß traf den Sturmführer in den Mund. Nach vierzig Tagen qualvollen Siechtums starb er. Das war vor 50 Jahren.

Der „kleine Doktor“ entfesselte einen beispiellosen Kult, der um so erstaunlicher ist, als Wessel eigentlich wenig hergab für eine Märtyrerrolle. Der Verdacht, daß er einem Mietstreit oder einem Eifersuchtsdrama zum Opfer gefallen war, ließ sich nie ganz ausräumen. Vorsätzlicher Mord, wie die Nazis schrieben, war es sicher nicht. Aber Wessel war jung und stammte aus „gutem Hause“ (Pastorensohn); die Täter waren von der „Kommune“, und das Opfer hatte „gedichtet“. Das reichte für Goebbels allemal. Sein Heldenlied auf den jungen Dichter übertraf beinahe dessen naive Zeilen, die er zur zweiten Nationalhymne des Dritten Reiches aufbauschte („Die Fahne hoch“). Bei der Beerdigung Wessels übermannte ihn sein Genie: „Der Tote, der mit uns ist, hebt seine müde Hand und weist in die dämmernde Ferne: Über Gräber vorwärts, am Ende liegt Deutschland!“

Die Karriere vom kleinen SA-Mann zum Denkmal des „tausendjährigen Reiches“ macht Horst Wessel erst zum Thema. Wo es anfängt, endet

Imre Lazar: „Der Fall Horst Wessel“; Belser Verlag, Stuttgart und Zürich, 1980; 256 S., 28,– DM.