Von Richard Gaul

Anfang der siebziger Jahre griffen einige deutsche Unternehmensführer massiv in den Wahlkampf ein: Die Wirtschaftspolitik der sozial-liberalen Koalition unter Willy Brandt schien ihnen die Ursache allen Übels, für die Zukunft sahen sie schwarz. Heute ist von diesem Mißtrauen so gut wie nichts mehr zu spüren. Helmut Schmidt gilt in der Industrie sogar als der geeignetere Mann, der die Bundesrepublik sicher in die 80er Jahre führen kann.

Wir können nicht länger schweigen" hatten 62 Industrielle Ende 1971 eine Anzeige überschrieben, in der sie die Wirtschaftspolitik der Regierung Brandt hart attackierten. Einen "strukturellen Wandel, der die gesamte Volkswirtschaft weit zurückwirft und die Arbeitsplätze bedroht", befürchteten die Manager und Unternehmer aus den höchsten Etagen der deutschen Industrie damals als Folge des Kurses der sozial-liberalen Koalition. "Schwerwiegende wirtschaftliche und soziale Auswirkungen" sahen sie kommen.

Die Voraussage war für die Brandt-Ära falsch. In der Bundesrepublik ging es in den folgenden Jahren weiter aufwärts, obwohl Willy Brandt am Ruder blieb. Erst nach der Ölkrise zum Jahresende 1973 kam es zu einem tiefen Einbruch, der jedoch mit der Farbe der Regierung nur sehr wenig zu tun hatte.

Heute, knapp neun Jahre nach den Kassandra-Rufen aus großen deutschen Firmen, regiert in Bonn immer noch eine sozial-liberale Koalition. Und viele Kritiker von damals gehören immer noch zur Crème der deutschen Wirtschaft: Eberhard von Kuenheim leitet nach wie vor die Bayerischen Motorenwerke (BMW) in München; Hans L. Merkle ist, wie seinerzeit, Vorsitzender der Geschäftsführer bei Bosch in Stuttgart; Rolf Rodenstock, Brillenfabrikant aus München, übernahm inzwischen auch noch das Präsidentenamt im Bundesverband der Deutschen Industrie (BDI); Toni Schmücker wechselte von Rheinstahl auf den Vorstandsvorsitz des Volkswagen-Konzerns, und Otto Wolff von Amerongen teilt seine Arbeitskraft heute wie damals zwischen der Wolff-Gruppe und dem Deutschen Industrie- und Handelstag (DIHT).

Den gleichen Managern, die 1971 hart mit der Regierung ins Gericht gingen, "um von unserem Land schweren Schaden abzuwenden", steht aber heute in Bonn ein anderer Regierungschef gegenüber: Helmut Schmidt. Und mit dem haben sie nicht nur inzwischen ihren Frieden gemacht, sie liegen sogar mit dem Nachfolger des ungeliebten Willy Brandt auf derselben Wellenlänge; Kanzler und Unternehmer wissen sich einig in der Beurteilung der Lage. Regelmäßige Treffen dienen dem Gedankenaustausch und der gemeinsamen Suche nach Lösungen für die Probleme der achtziger Jahre.

Die Initiative geht dabei von Schmidt aus. Die Frankfurter Allgemeine Zeitung, einer übertriebenen Zuneigung zur SPD/FDP-Regierung gewiß unverdächtig, nannte es "einen Glücksfall", daß der Kanzler das Gespräch nicht nur mit den Gewerkschaften, sondern auch mit den Unternehmern sucht. Weder in Frankreich noch in Großbritannien oder Italien ist es bisher gelungen, dieses deutsche Beispiel des Sozialdialogs nachzuahmen.