Es kommt mir so vor, als erlebten wir in El Salvador einen Rückfall in das Jahr 1170." Das sagte, in Anspielung auf den Mord im Dom an Erzbischof Thomas Becket, vor einigen Jahren der Rektor der Washingtoner Georgetown Universität. Er sagte es, als er einem anderen Erzbischof, Oscar Arnulfo Romero, in der Kathedrale von San Salvador die Ehrendoktorwürde verlieh. Nun hat sich 1170 wiederholt: Als er in der Kapelle des "Krankenhauses der Göttlichen Versöhnung" für seine verstorbene Mutter eine Sterbemesse hielt, wurde der Bischof von einem Unbekannten erschossen.

Was ist dieses eine Leben, gemessen an den über 1 500, die in El Salvador seit einem Jahr von linken wie rechten Mordkommandos umgebracht wurden? Nicht, weil der höchste Geistliche des mittelamerikanischen Landes das Opfer ist, gebührt ihm ein besonderer Nachruf. Hier wurde der Fürsprecher all jener Erschossenen, Erschlagenen selber umgebracht. Die Ängstlichen, die Hungernden, die Leidenden haben jetzt keine Stimme mehr, auf die eine sonst abgestumpfte Welt doch gelegentlich hörte, die auch ein gleichgültiger Papst zur Kenntnis nehmen mußte.

Romero, der die Gewalt jeglicher Herkunft brandmarkte, die mordende Junta ebenso verurteilte wie die mordenden Revolutionäre, war in ihren Augen zum "Verräter" geworden – weil er nicht schwieg, weil er nur den einen Unterschied machte: den zwischen Unterdrückten und Unterdrückern. Er hat einfach sein Christentum beim Wort genommen. Darum ist er zum Märtyrer geworden.

Wird sein Tod die Unbeherrschten zur Vernunft, die Unbesonnenen zur Einsicht bringen? Kann in dem zerrissenen, dem Bürgerkrieg zutreibenden Land dieses eine Opfer zur Umkehr führen, wo Opfer sonst nicht zählen? Oder kann, wer Romero auf seinem Gewissen hat, nun noch schonungsloser, noch mörderischer vorgehen? Wo kein Ankläger, da kein Angeklagter?

Der Kirchenmann wußte, daß "wer die Wahrheit sagt, sein Leben aufs Spiel setzt". Er hoffte, daß "niemand die Stimme der Gerechtigkeit umbringen kann", daß "Blut und Schmerz nicht vergeblich sein werden". Ist mit ihm auch diese Hoffnung gemordet worden? Es wäre ein unerträglicher Verlust. Es wäre mehr als nur der Verlust dieses einen Gerechten.

Die Armen in El Salvador klagen um ihren Bischof, der für sie lebte. Die Kirche trauert um ihren Sohn, auf den sie nicht hörte. Die Schuldigen, die Mächtigen, die Welt aber werden ihn bald vergessen haben. Der Rückfall in die Barbarei ist kein Rückfall: Er ist eher der Normalfall.

D. St.