Das Thema, die Frage dieser dreiteiligen Studie ist nicht neu: wie weit wurde de-Stil der Malerei im 15. Jahrhundert von sozialen und ökonomischen Verhältnissen nicht nur beeinflußt, sondern möglicherweise entscheidend geprägt und initiiert? In dem Buch des englischen Kunsthistorikers

Michael Baxandall: "Die Wirklichkeit der Bilder – Malerei und Erfahrung im Italien des 15. Jahrhunderts"; Syndikat-Verlag, Frankfurt, 1980; 195 S., 38,– DM.

wird es frisch und anregend behandelt. Im ersten Teil befaßt sich Baxandall mit der Malerei als "Ausdruck einer gesellschaftlichen Beziehung". Er schildert, an Hand von ausgewählten Verträgen, die Beziehungen zwischen Auftraggeber und Künstler und untersucht, wie die Bedingungen, und präzisen Vorschriften der Auftraggeber, den Stil der Malerei weitgehend bestimmten.

Im zweiten Teil beschäftigt sich Baxandall mit dem "Blick der Zeit", wie er es schlicht nennt, das heißt, mit den speziellen visuellen Erfahrungen der "zur Kirche gehenden und tanzenden Bankiers" im 15. Jahrhundert. Unser Verständnis der Bilder des Quattrocento ist verzerrt, da viele Anspielungen und Inhalte, die damals selbstverständlich waren und keiner Erklärung bedurften, inzwischen verloren gegangen sind. Baxandalls Analyse versucht zu zeigen, wie stark der malerische Stil von den "visuellen Fertigkeiten, die sich im Alltagsleben einer Gesellschaft herausbilden", beeinflußt wird.

Besonders interessant ist das Verhältnis zwischen Malerei und Predigt. Bild und Predigt dienen einander gegenseitig: die religiöse Gestik der Volksprediger spiegelt sich in religiösen Gemälden wider. Ähnlich ist es mit der weltlichen Gestik, die in der säkularen Malerei dokumentiert ist.

Weniger überzeugend ist aber die These, daß die Maler allgemeine, durchschnittliche Menschen, auswechselbare Typen" malten, um nicht mit der Individualität der privaten Vorstellung (des Betrachters) zu konkurrieren. In der Entwicklung der Malerei dieser Zeit kann man, im Gegenteil, einen Kampf gegen die Verallgemeinerung verfolgen. Was Perugino, den Baxandall als Beispiel anführt, und nach ihm Raffael darstellen wollten, waren nicht auswechselbare Typen, sondern idealisierte Figuren.

Der Zusammenhang, den Baxandall herstellt, zwischen der Perspektive in der Malerei und der "Meßkunst" der Geschäftsleute, die ihre Waren wogen, ist reizvoll, wenn auch etwas spekulativ.