Friedrich Christiansen – trotz NS-Vergangenheit hochgeehrt

Wyk/Föhr

Friedrich Christiansen, Mitglied des Volksgegerichtshofs, Fliegergeneral, und in den Niederlanden wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit zu zwölf Jahren Haft verurteilt, bleibt Ehrenbürger von Wyk auf Föhr, und auch die Hauptstraße der Stadt wird weiter seinen Namen tragen. Fünfunddreißig Jahre nach Kriegsende konnte sich die Mehrheit des Wyker Stadtrats am vergangenen Donnerstag nicht dazu durchringen, dem einst großen Sohn ihrer Stadt die Ehrungen zu entziehen, die er wegen seiner fliegerischen Leistungen bereits 1918 und 1932 erhalten hatte. Mehr noch, die schriftliche Begründung ihres Verhaltens geriet den Ratsmitgliedern von CDU, FDP und Kommunaler Gemeinschaft zu einer Ehrenerklärung für den General. Inzwischen hat das Innenministerium in Kiel die Unterlagen des Falles angefordert. Die Chance für eine späte Geste der Scham aber ist bereits vertan.

Christiansen war im Ersten Weltkrieg hochdekorierter Flugzeugführer. Als Kommandant des Flugschiffes DO X wurde er Anfang der dreißiger Jahre weltberühmt. Er setzte seine Karriere im Dritten Reich fort, wurde Reichskommissar für Luftfahrt und Führer des nationalsozialistischen Fliegerkorps im Ministerrang.

Am 20. Mai 1940 wurde Christiansen Wehrmachtsbefehlshaber in den Niederlanden. Als Vergeltung für einen Partisanenüberfall befahl er am 1. Oktober 1944, das Dorf Putten niederzubrennen und die männlichen Bewohner im Alter von 18 bis 50 Jahren zu deportieren. 660 Männer wurden aus Putten abtransportiert, 540 starben in deutschen Konzentrationslagern, allein 107 von ihnen im Arbeitslager Ladelund, keine 40 Kilometer von Wyk entfernt.

General Christiansen machte von der Möglichkeit, se in Gnadendrecht anzuwenden, keinen Gebrauch. Dies belegen Unterlagen des „Niederländischen Staatlichen Instituts für Kriegsdokumente“. So trägt ein Bittgesuch des beinamputierten Aleid van der Hal den handschriftlichen Vermerk Christiansens „Jud ist Jud, ob mit oder ohne Beine.“ Van der Hal starb am 11. Juni 1943 im Vernichtungslager Sobibor.

Weitere Gnadengesuche versah Christiansen mit ähnlichen Zusätzen und lehnte sie ab. Die Antragsteller wurden in deutschen Konzentrationslagern umgebracht. Ein Schriftgutachten hat Christiansen 1965 eindeutig als Urheber dieser tödlichen Randbemerkungen identifiziert.

Das alles ist lange bekannt und durch Dokumente belegt. Ablichtungen der Unterlagen befinden sich seit 15 Jahren bei den Akten der Stadtverwaltung von Wyk und konnten 1965 im Rathaus vier Wochen lang von den Ratsherren eingesehen werden. Doch es geschah nichts.

Zu diesem Zeitpunkt hatte der Fall Christiansen schon traurige Berühmtheit erlangt. Besonders die Holländer konnten nicht begreifen, warum 1952 die Ehrungen für Christiansen erneuert wurden, die die Engländer sogleich nach Kriegsende annulliert hatten.

Zwölf Jahre später, 1964, machte Wyk noch einmal Schlagzeilen. Eine Mehrheit von CDU und Kommunaler Wählergemeinschaft lehnte den Antrag der Sozialdemokraten ab, Christiansens Ehrungen zu widerrufen. Die ZEIT schrieb damals resigniert „In Wyk nichts Neues“, und Eugen Kogon sagte in der Fernsehsendung Panorama: „Warum wollen die Maßgebenden in Wyk auf Föhr gegen ein Stück doch wirklich beklemmender Vergangenheit nicht eindeutig Stellung beziehen? Die Leute dort haben, so scheint mir, ganz einfach Angst voreinander. Sie wollen nicht aus der ihnen gewohnten Gesellschafts- und Gesinnungsschioht herausfallen. So wird es beim alten Unheil bleiben, aus dem eines Tages das Neue werden könnte.“

Zum hundertsten Geburtstag des 1972 verstorbenen Ehrenbürgers Christiansen erinnerte der am Ort erscheinende Inselbote kürzlich an die fliegerischen Leistungen des Generals. Sein Wirken während der Naziherrschaft blieb fein sauberlich ausgeklammert. Ein knapper Leserbrief eröffnete daraufhin erneut die Auseinandersetzung: „Einer der wenigen Überlebenden des Dorfes Putten in Holland“, stand da zu lesen, „wird die jetzt angelaufene Serie „Erinnerungen an Friedrich Christiansen’ zu gegebener Zeit aus seiner Sicht sehr detailliert fortsetzen.“

Was folgte, war eine heftige Leserbriefdebatte, in der alle Einzelheiten des Falles Christiansen, der längst ein Fall Wyk geworden war, ausführlich zur Sprache kamen. Bürgermeister Peter Schlotfeldt zitierte aus den Ratsakten und förderte zutage, daß die Wyker Stadtvertreter 1964 beschlossen hatten, über Christiansens Ehrungen nach Einsicht in die Unterlagen erneut zu beraten. Der Stadtrat aber war seinem eigenen Beschluß nie gefolgt.

Unter dem Eindruck dieser öffentlichen Auseinandersetzung beschloß der Wyker Magistrat, die Angelegenheit Christiansen in einer Ratssitzung zu behandeln. Obwohl sich schon in dieser Magistratssitzung die Mitglieder der CDU der Stimme enthielten, schien eine, wenn auch knappe, Mehrheit für die Aberkennung der Ehrurgen sicher.

Die Meinung der Wyker ist geteilt. Während Kurdirektor Friedrich Winter den Namen Christiansen für untragbar hält – „dann könnten wir auch gleich die Adolf-Hitler-Straße wieder einführen“ – meint der Wyker Bürger Kurt Plötz, man solle „diese geschichtlich völlig uninteressanten Dinge endlich ruhen lassen“, und ein anderer Wyker findet es „höchst unerfreulich, wenn Deutsche Deutschen gegenüber immer vieder solche Dinge aufrühren.“

Einen Tag vor der Abstimmung melden sich in einer Anzeige im Inselboten auch 27 Wyker Lehrer zu Wort: „Als Lehrer haben wir die Aufgabe, unsere Schüler zur Demokratie zu erziehen. Will man dabei glaubwürdig bleiben, dürfen Unrechtstaten unserer jüngsten deutschen Geschichte weder verschwiegen und verdrängt noch beschönigt werden.“

Gerade das aber ist in Wyk seit Kriegsende geschehen. Auch die SPD, die jetzt im Stadtrat den Antrag gegen Christiansen eingebracht hat, tat nichts, als sie noch über eine sichere Mehrheit verfügte.

Der gelbgetünchte Kursaal ist mit rund 150 Zuhörern bis auf den letzten Platz gefüllt, als Bürgervorsteher Kurt Haase (CDU) am vergangenen Donnerstag die Ratssitzung eröffnet. Haase saß schon im Stadtrat, als 1964 zum erstenmal ein Antrag der Sozialdemokraten zum Fall Christiansen abgelehnt wurde.

Kurz nach Beginn der Sitzung zieht Bürgervorsteher Haase einen Brief aus der Tasche und erklärt, das Landesinnenministerium habe ihm mitgeteilt, daß Ehrenbürgerrechte mit dem Tod des Geehrten automatisch erlöschen. Aus diesem Grunde sei der Tagesordnungspunkt nunmehr gegenstandslos. Bürgermeister Schlotfeldt widerspricht dieser Rechtsauslegung, die SPD-Fraktion ist vor Überraschung sprachlos.

Mit den Stimmen der CDU, der Kommunalen Wählergemeinschaft und der FDP wird dieser Punkt kurzerhand von der Tagesordnung gestrichen.

Als der Tagesordnungspunkt – Tilgung des Straßennamens Christiansen – aufgerufen wird, wiederholt Bürgermeister Peter Schlotfeldt noch einmal eindringlich die Vorwürfe gegen Christiansen, belegt sie Punkt für Punkt, zitiert die antisemitischen Randnotizen. Doch ohne ein Wort der Begründung, ohne den Versuch einer Rechtfertigung lehnen die Vertreter von CDU, FDP und Kommunaler Wählergemeinschaft den Antrag der Sozialdemokraten ab.

Am folgenden Tag begründen die Nein-Sager in einer kleinen Pressekonferenz ihr Wahlverhalten. Was sie da schriftlich niedergelegt haben und mündlich erläutern, gerät zu einer Ehrenerklärung für Christiansen: „Hat sich Christiansen durch seine Heimatliebe und Heimatverbundenheit, die sich in vielen Taten zugunsten der Föhrer auswirkte, in das Bewußtsein der hiesigen Bevölkerung eingeprägt.“ Und weiter: „Danach überwiegen für uns eindeutig die Verdienste und positiven menschlichen Züge.“

Auf die Frage, wie sie denn den Lebensweg eines Emigranten im Vergleich zu dem Christiansens beurteilt, mag sich Stadträtin Ingke Drewsen zu Willy Brandt nicht äußern, „der hat soviel Mist gemacht, da bin ich nicht objektiv“. Gegenüber Christiansen kennt sie solche emotionalen Hemmungen nicht. Gestern noch hat sie die Vorzüge des Generals in einem Interview mit dem NDR hervorgehoben.

„Wir haben hier von General Christiansen nichts Nachteiliges erlebt“, sagt einer in der Runde, und Ingke Drewsen steht auf, lächelt selbstsicher und geht – sie muß zur Massage.

Die da sitzen, alle um die Fünfzig, sie sind keine Nazis. Diese ehrenwerten Geschäftsleute aus Wyk würden auch keine Steine in die Schaufensterscheiben jüdischer Geschäfte schmeißen, nein, so einfach ist das nicht. Aber sind sie nicht die Hitlerjungen und BDM-Mädchen geblieben, die sie waren, als sie mit glühenden Wangen den knurrigen Kriegshelden Christiansen anhimmelten? In ihrem Weltbild von gestern ist auch heute, 35 Jahre später, nur Platz für das Idol ihrer Jugend, den strahlenden Fliegergeneral, nicht aber für den General, der schuldig wurde.

„Mein Sohn ist 17, Gymnasiast“, sagt einer Ton ihnen beim Hinausgehen, „der kann mich nicht verstehen.“ Jörg Reckmann