Es liegt eine eigentümliche Strenge in dieser so mild und mit soviel Wohlwollen vorgetragenen Geschichte des Lukas B. Hier wird mit einer Gelassenheit, einer zuweilen archaisierenden Umständlichkeit, einer Lust am Verweilen erzählt, die fast nicht mehr mitvollziehbar sind, und dennoch ist man gebannt: Nichts an diesem neuen Roman von

Willi Fährmann: „Der lange Weg des Lukas B.“; Arena-Verlag, Würzburg; 320 S., 14,80 DM

ist im landläufigen Sinne funktionell. Das Funktionelle wird ersetzt durch einspinnende Suggestivität des Tons, durch die überredende Kraft des in sich selbst versunkenen Erzählens.

Man muß die epische Masse nicht erst gliedern, um begreifen zu können: Hier wird eine Geschichte erzählt, die im Jahre 1870 spielt und die dennoch (relativiert eben) auch heute spielen könnte. Lukas B. ist vierzehn Jahre alt. Sein Vater hatte sich eines Tages auf und davon gemacht, war vor Schulden und vor der Verantwortung für seine Familie einfach weggelaufen. Der Großvater, ein Zimmermann, weiß, daß er in seinem masurischen Dorf nicht soviel Geld erarbeiten können wird, um die Schulden seines Sohnes bezahlen zu können. Er beschließt deshalb, zusammen mit seinen Zimmerleuten, in die USA auszuwandern, um dort zu verdienen, was zur Schuldentilgung in der Heimat nötig ist. Auch seinen Enkel Lukas nimmt er mit auf diese Reise.

Auf dem Schiff, unterwegs ins „Land der unbegrenzten Möglichkeiten“, entdeckt Lukas Bilder, die ihm sagen, daß auch sein Vater diesen Weg genommen hat. Er beschließt, ihn zu suchen. Sein Großvater weigert sich allerdings, ihn zu begleiten. Da macht sich Lukas B. allein auf den langen Weg.

Und Fährmann weiß zu erzählen!

Behutsam, als entfernte er eine Schutzschicht, demaskiert er Zeit, die in üblichen und üblen Erzählungen so oft als die „gute, alte“ dargestellt wird. Er kommt ohne namhafte Helden aus, berichtet von den Namenlosen, auf deren Rücken Geschichte ausgetragen wurde und wird. Namenlose, die keine Geschichte machten, die nichts, außer sich selbst, in Bewegung setzten und Sieger blieben, weil sie sich nicht selbst verloren, verliefen, verkauften.

Und wie Fährmann das erzählt! Es ist Erzählen an sich, das über den sprichwörtlichen „epischen Odem“ nicht nur verfügt, sondern diesen auch zu übertragen versteht. Die Ruhe, die Fährmann von seinem Leser verlangt, wird diesem zugleich auch wie eine Auszeichnung verliehen, obwohl dem Buch ein sorgfältigeres (Blücher bei Koblenz über den Rhein?), aber auch strafferes Lektorat zu wünschen gewesen wäre.

Und doch: Fährmanns Roman beweist, was und wie aus Geschichte Geschichten gemacht werden können. Er legt einen Roman vor, der sich wesentlich von anderen, dickbäuchig und als Jugendbuch zu teuer daherkommenden Historien unterscheidet, wie sie in letzter Zeit die Fluchtburgen erschrockener Verleger geworden zu sein scheinen. Verleger, die dem relevanten, zeitkritischen Jugendbuch abgeschworen zu haben scheinen, weil sie sich an einer Erwachsenenliteratur orientieren, deren ebenso fatale wie feige Flucht in eine entpolitisierte oder auch „neue“ Innerlichkeit dem Zeitgeist, dem Kaufverhalten der Konsumenten, nicht aber pädagogischer Zielsetzung oder politischen Notwendigkeiten Rechnung trägt. Da wurden und werden eben Geschichtsschreibungen irgendwelcher und auch der Revolutionen hergestellt, letztendlich aber nur Heile-Welt-Geschichten von gestern geliefert, in denen Gutes oder Böses keinen oder einen, oben oder unten, Platz haben. Geschichten eben von Räubern, Webern, Unterdrückten und Unterdrückern, wie sie in herkömmlichen Schulbüchern längstens Funktionen übernommen haben: Helden namhaft zu machen, die Nummern zu groß für jeden Alltag heute sind.

Da macht Fährmanns Roman, der sich auch sprachlich als beste Geschichte beweist, eine Ausnahme. Und die Frage, wie glaubwürdig denn historische Romane überhaupt sein können, wenn selbst die Gegenwart nur partiell durchdrungen, nicht aber wahrheitsgetreu abgebildet werden kann, findet eine, wenn auch nicht wissenschaftliche Antwort, sieht man bei Lesungen aus diesem Buch, wie Jugendliche zuhören und fragen gemacht werden. Wolfgang Gabel