Von Reinhard Breuer

Sinnierend saß Isaac Newton im Jahre 1666 unter einem Baum, an dem die Äpfel in der Abendsonne von Cambridge glänzten, Plötzlich ergriff ein Windstoß die Zweige so heftig, daß ein Apfel Newton direkt vor die Füße fiel.

So jedenfalls berichtet die Legende über das, was man heute als das Urerlebnis oder die erste Sternstunde der Gravitationstheorie bezeichnen könnte, denn es soll Newton zur Formulierung seines Gesetzes über die Schwerkraft veranlaßt haben. Doch warum war der Apfel wirklich vom Baum gefallen? Er fällt nicht weit vom Stamm, das ist sprichwörtlich – doch warum er überhaupt seinen Ast verläßt und sich zur nahen Erde bewegt, verstand vor 1666 quantitativ noch niemand.

Solange der Apfel am Ast hängt, herrscht – so die Interpretation im Sinne Newtons – Gleichgewicht, ausdrückbar durch Newtons Gesetz "Actio gleich Reactio". Die Schwerkraft wird ausgeglichen durch die Zugkraft am Stiel, der den Apfel am Ast festhält. Erst der Windstoß stört das beschauliche Stilleben, beansprucht den Stengel über Gebühr, zerbricht ihn – und prompt fällt der Apfel herunter, da er jetzt nur noch der zum Erdmittelpunkt gerichteten Schwerkraft ausgesetzt ist,

Intellektuelle Schwellenängste

Die andere, zweite Sternstunde der Schwerkraft schlug Ende 1915, als Albert Einstein in mehreren Sitzungsberichten der Preußischen Akademie der Wissenschaften in Berlin die endgültige Fassung seiner Allgemeinen Relativitätstheorie vorlegte: eine Theorie, in der Newtons Vorstellungen von Raum und Zeit und insbesondere Newtons Begriff von der Schwere als "Kraft" aufgehoben wurden. Demnach ist Gravitation keine Kraft; denn ein Körper, der nur noch Schwerefeldern ausgesetzt ist, also "frei fällt", bewegt sich kräftefrei. Einstein beschreibt also des Apfels Fall ganz anders,

Entgegen der friedlichen Szenerie Newtons, die den Apfel am Ast in Ruhe wähnte, ist in Einsteins Welt der am Ast hängende Apfel in ununterbrochener Aktion: Er ist durch seine Entstehungsgeschichte in eine permanente, unnatürliche Zwangslage geraten, in der er durch die Zugkraft am Stengel ständig "nach oben" beschleunigt und damit dauernd am freien Fall gehindert wird. Denn Fallen ist das ungestörte Verhalten der Objekte. Erfaßt nun ein Windstoß den Zweig und bricht durch die Erschütterung den Stengel, so wird der Apfel von dessen-Zwangskraft befreit und kommt im freien Fall endlich zur ungestörten Bewegung.