Es geht beim J. G. Bläschke Verlag selten ganz termingerecht zu. Aber zum Schluß sind die Gedichtbände dann doch immer da – so wie jetzt, wo es einige neue Sammlungen anzuzeigen gibt, deren letzte, die immerhin bereits die Reihen-Nummer 68 trägt, von Bernd Jaeger stammt, einem 1948 geborenen Lyriker, den bei uns in Deutschland bisher kaum jemand beachtet hat, obwohl die Sammlung „Der späte Stein“ bereits das dritte Büchlein dieses Autors ist, der mit seinen fragilen Texten, den Arbeiten eines von der Sozietät spürbar traumatisierten jungen Mannes, weitaus eher das Prädikat „Neue Sensibilität“ verdient als mancher der groben und veräußerlichenden Wortmacher, die seit Jahren dominieren:

Kind

meine Hände trällern

an der Heizung entlang ich gehe

nur auf Strichen und niese

mir einen Hut übers Gesicht

ich drehe mich

mit meinem Springtau

zu einem Lasso das

fängt Dich jetzt

ein

Einsamkeit, verzweifelte Kommunikationsversuche – dergleichen muß sich in der Poesie durchaus nicht immer nur begrifflich, didaktisch, besserwisserisch artikulieren. Dichtung, die aus der personalen Isolation finden möchte, kann auch so aussehen: zart, hilfesuchend die Hände ausstreckend ... ein Lasso werfend, das nicht aus Phrasen besteht, sondern aus den Traumfäden einer sich sehnenden Phantasie. Kein Realismus der Fakten, wohl aber – aus seelischer Not, aus gesellschaftlicher Ungeborgenheit – ein psychischer Realismus, ein Realismus des Gefühls, das in unserer Zeit ja überall zu kurz kommt, auch in der Poesie.

Bernd Jaeger ist einer der unbekannten deutschen Dichter, die in der Reihe „Das Neueste Gedicht“ zwar keinen sicheren und von der Kritik beachteten Platz, doch immerhin ein kleines editorisches Eckchen angewiesen bekommen haben. Ihm gesellen sich andere Autoren zu, die hier, bei Bläschke, gleichfalls debütierten oder doch erste entscheidende Gehversuche machen durften.

Nur wenige Namen, die inzwischen wieder ganz untergegangen sind (nur wenige Fehlgriffe der Herausgeber, also). Die meisten Novizen haben sich mehr oder weniger durchgesetzt, oder sie haben zumindest – wenn die modische Kritik sie auch nicht immer gebührlich beachtete – ihr Niveau gehalten. Und einige haben sogar von Bläschke aus den Weg zu namhaften Verlagen gefunden: Margarete Hannsmann, Harald Härtung, Annemarie Zornack und – erster Herausgeber der Reihe – Dieter Leisegang, der jetzt, einige Jahre nach seinem Selbstmord, zum Suhrkamp-Autor avanciert ist: mit einer Werkauswahl, die den Titel „Lauter letzte Worte“ trägt und die von Karl Corino besorgt wurde.

„Das Neueste Gedicht“ folgte nie einem Trend, bediente zu keiner Zeit irgendwelche Moden. Im Gegenteil, Hier fanden – unter Herausgebern wie Dieter Leisegang, Jürgen P. Wallmann, Hans Dieter Schäfer und, seit geraumer Zeit, Karl Krolow – nicht selten gerade diejenigen Talente eine Plattform ‚die im Wechsel der Zeitläufe und bei den Launen des Kulturbetriebs anderweitig keine Chance gehabt hätten, zumindest nicht im jeweiligen Augenblick des Erscheinens ihrer Bände.

Die Reihe begann 1964 mit einem schmalen bischofslilafarbenen Heft, das ihr sogleich Reputation verschaffte. Der Titel dieses Auftaktbändchens: „Reise durch die Nacht“; der Name des Verfassers: Karl Krolow. „Gehen wir“, konnte man da etwa lesen, „im Schatten eines Hutes / Eis essen! / / Sein Geschmack beendet / die Ratlosigkeit des Gefühls.“

Krolow sollte nicht der einzige Prominente bleiben, der Texte zu Bläschke gab. Mehrere Büchner-Preisträger gehören mittlerweile zu den Autoren und, da die Reihe nicht nur deutsche Poeten, sondern auch ausländische publizierte, finden sich in dem Ensemble der Verfasser sogar einige Nobelpreisträger: Eugenio Montale (aus dem Italienischen von Hans Hinterhäuser), Odysseas Elytis (aus dem Griechischen von Günter Dietz) und T. S. Eliot (aus dem Englischen von Hans-Jürgen Heise).

Doch die Liste überragender internationaler Poeten ist weitaus umfassender. So gibt es von Dieter Leisegang zugänglich gemachte Proben aus dem Werk W. H. Audens, von Karl Dedecius übertragene Verse des „Tauwetter“-Polen Adam Wazyk, aber auch Arbeiten der Amerikaner Archibald MacLeish (deutsch: Hans-Jürgen Heise), Hart Crane (Dieter Leisegang), William Carlos Williams (Gertrude C. Schwebell) sowie, unter anderem, den von Walter Helmut Fritz vorgestellten Alain Bosquet und die von Reiner Kunze eingedeutschten Tschechen Vladimir Holan und Antonin Brousek, zu denen sich noch ein weiterer Tscheche, der aus Westmähren stammende Antonin Bartusek, gesellte, ein mit dem Surrealismus vertrauter Metaphysiker, der, bevor er 1974 in Prag starb, den technokratisch an der Freiheit der Menschen herummodellierenden Funktionären seine unorthodoxen und auf die gesamte Existenz bezogenen Einsichten entgegenhielt:

Ja, was braucht denn der Mensch, der am Postkasten der Ewigkeit lehnt und ohnmächtig der Null hinzurechnet, was ihm für die Briefmarke fehlt –

Die Reihe „Das Neueste Gedicht“ ist, selbst wenn man so wichtige editorische Leistungen wie die „Poesie“-Folge von Hans Magnus Enzensberger bei Suhrkamp oder wie die von Manfred Kluge betreute Reihe „Heyne Lyrik“ einbezieht, ein singuläres Unterfangen. Sie hat es auf die meisten Titel gebracht, den bisher weitesten Bogen gespannt, und sie hat immer zugleich Geschmack, Toleranz und Risiko bewiesen, das heißt: sie hat sich auch für unbekannte deutsche Autoren eingesetzt, etwa für Hans Dieter Schäfer, den profilierten jungen Germanisten, den es als Lyriker aber noch – und nicht zuletzt wegen seiner drei Bläschke-Bände „Fiktive Erinnerungen“, „Das Familienmuseum“ und „Holubek“ – zu entdecken gilt.

Im Verlauf der Jahre sind von Bläschke so unterschiedlich geartete Autoren gefördert worden wie Richard Anders, Hajo Antpöhler, Hans Dietrich Bruhn, Ursula Flügler, Hanne F. Juritz, Uwe Pörksen und Gunter E. Bauer-Rabe.

Auch Lyriker wie der alte Expressionist Wilhelm Klemm oder aber Heinz Piontek, Walter Helmut Fritz, Hans-Jürgen Heise, Margot Scharpenberg, Christine Lavant, Wieland Schmied, Kay Hoff, Johannes Poethen und der – gleichfalls schon vor seiner Mitarbeit bei Bläschke bekannt gewordene – Dieter Hoffmann haben in der Reihe „Das Neueste Gedicht“ publiziert, ebenso wie Peter Härtling und der DDR-Lyriker Wulf Kirsten. Und Günter Eichs letzter bei Lebzeiten veröffentlichter Versband „Nach Seumes Papieren“ kam, so schmal wie seinerzeit sein berühmtes Heftchen „Untergrundbahn“, nicht bei Suhrkamp heraus, sondern in dieser avantgardistischen Minipresse, der man eigentlich nur eines wünschen kann: daß der Verlag sie fortsetzt, dies künftig aber mehr unter Hervorhebung der Tatsache, daß die exquisite Reihe nichts mit jenen anderen, im Lohndruck publizierten Gedichtbänden zu tun hat, die ebenfalls kontinuierlich unter dem Impressum des J. G. Bläschke Verlages erscheinen.

Die Autoren, die in der Folge „Das Neueste Gedicht“ vorgestellt worden sind, haben, vom Nobelpreisträger bis hin zum noch namenlosen Nachwuchsautor, sich ihr Recht auf Veröffentlichung niemals erkauft. Ihr Subventionsbeitrag ist stets einzig ihr Talent gewesen – ein Talent freilich, das bisweilen wohl nicht hätte zutage treten können ohne die Könnerschaft und den Einsatz der Herausgeber ... und auch nicht ohne die verlegerische und finanzielle Opferbereitschaft von Josef Gotthard Bläschke.

Hans-Jürgen Heise