Von Carl-Christian Kaiser

Saarbrücken, im März

Da stand er nun, der neue Vormann der Grünen, gerade vom Parteitag auf den Schild gehoben: August Haußleiter, ein alter, wenngleich fast schon in Vergessenheit geratener Bekannter aus vielen politischen Küchen, in denen vor allem rechte, aber auch mal linke Suppen aufgesetzt worden waren. Stets hatte er es verstanden, alles nach hurtigen Rezepten zusammenzurühren. Nur leider, die Leute mochten seine Gerichte nicht. Einst von der CSU im Streit geschieden, hat der inzwischen 75jährige weder mit einer „Deutschen Gemeinschaft“, noch mit einer „Nationalen Sammlung“ und zuletzt auch nicht mit. seiner „Aktionsgemeinschaft Unabhängiger Deutscher“ viele Kunden gefunden. Jetzt also an der Spitze der Grünen, auch wenn dort Basisdemokratie und kollektive Führung herrschen sollen: Zwar bremste er seine Triumphgefühle, doch die Genugtuung war ihm deutlich anzusehen.

Selten ist, wie mit dieser Wahl, ein Parteitag so konsequent und zugleich so widersprüchlich ausgegangen. Konsequent, weil Haußleiters wirre politische Vita die Wirrnis bei den Grünen symbolisiert. Widersprüchlich, weil seine Wahl wie Etikettenschwindel wirkt: Ein Mann, der bei allein Sprunghaftigkeit seine Außenseiterbahnen eher rechts gezogen hat, wird nun zur Galionsfigur einer Gruppe, die als ökologische Bewegung begann und sich jetzt zur linkssozialistischen Protestpartei formiert hat, trotz aller Konfusion.

Da fällt es schwer, nicht an taktische Winkelzüge zu denken. Sie könnten dazu bestimmt sein, die eigentlichen Grünen dennoch bei der Stange zu halten – die Anhänger Herbert Gruhls oder Baldur Springmanns, die jenseits von rechts oder links die reine ökologische Lehre retten wollen. Oder war alles doch nur ein Zufall?

Die brodelnde Saarbrücker Szene, in der so vieles unvermittelt nebeneinanderstand und offen zusammenstieß, machte es beinahe glauben. Podiumsbesetzungen und Redner, die vom Mikrophon nicht zu vertreiben waren, immer neue Interventionen, Proteste und Geschäftsordnungsdebatten, auflockernder Gruppentanz am Saalende, randalierende „Stadtindianer“, 800 Delegierte, gekleidet vom Rockerdreß bis zum bürgerlichen Habit, dazwischen spielende Kinder, Rucksäcke und Schlafrollen in den Ecken – das alles fügte sich zu einem chaotischen Ambiente. Es schien so frei und voraussetzungslos, wie es sich viele Grüne wünschten, damit ihr Programm vom Nullpunkt an Gestalt gewinnen konnte.

Im nachhinein jedoch wirkte das Ganze so folgerichtig, daß der Eindruck voraussetzungsloser Offenheit, nur wie ein schöner Traum erscheint. Schon die von der Mehrheit der Programmkommission vorgeschlagenen Passagen zur Außen- und Friedenspolitik, zurückhaltend, aber gegenüber den Positionen der etablierten Parteien in einigen Punkten durchaus alternativ formuliert, wurden so verändert, daß sie jetzt auf eine strikt neutralistische Linie hinauslaufen – von einseitigen Abrüstungsvorleistungen über die Auflösung der Militärblöcke bis zum Abbau der Bundeswehr. Wie ein Menetekel mußte es wirken, daß sich Herbert Gruhl, der ehemalige CDU-Abgeordnete, dessen Signum vor allem die Ursprungspassagen trugen, bei der Schlußabstimmung völlig im Abseits befand; nur zwei oder drei hoben mit ihm die Hand zur Ablehnung.

Dann folgte jene Debatte, bei der die Grünen wirklich hätten beweisen können, daß die politische Kultur, die sie anstreben, so hoch steht, wie sie es behaupten. Sie soll gewaltfrei sein und vor allem Minderheiten schützen. Beispiel: Paragraph 218. Da geraten unter beiden Vorsätzen zwei wesentliche Ziele der Grünen unversehens in Konflikt: Die volle Selbstbestimmung der Frauen einerseits, also die Abschaffung des Abtreibungsparagraphen, und andererseits der absolute Schutz des menschlichen Lebens.

Bald zeigte sich, daß eine große Minderheit, wenn nicht die Mehrheit, entschlossen war, die völlige Freigabe der Abtreibung durchzusetzen. Wäre in der vielstündigen Auseinandersetzung nicht zum ersten Male das Gespenst der Spaltung aufgetaucht, der schließlich in einer Kampfabstimmung angenommene Kompromiß wäre nicht zustande gekommen. Aber er ist faul. Im Ken besagt er, daß die Schwangerschaftsunterbrechung „nicht Gegenstand juristischer Verfolgung“ sein könne. Wenn Worte noch einen Sim haben, dann heißt dies nichts anderes als die Freigabe.

Daß die Grünen den Konflikt, der auch die etablierten Parteien so sehr umgetrieben hat, lesen würden, hatte niemand von ihnen erwartet. Irritierend aber wirkte der krude Dogmatismus in der Debatte, in der die Abschaffung des Paragraphen 218 eine legitime, wenngleich nur eine Position ist. Peinlich, ja tief deprimierend jene Einlassungen, die im Grunde darauf hinausliefen, daß das keimende Leben so schutzwürdig nicht sei, jedenfalls nicht gegenüber dem Selbstbestimmungsrecht der Frauen – Einlassungen von Leuten, die sonst jeden Grashalm mit Zähnen und Klauen verteidigen wollen. Und deprimierend auch jene jungen Frauen, die nach der Annahne des Kompromisses weinten, weil sie ihn vor sich selber und vor ihren Anhängern zu Hause, die die Abschaffung des Paragraphen verlangen, nicht vertreten zu können glauben. So verständlich ihre Tränen auch waren: Die Fähigkeit zur Verständigung, ja schon zur Würdigung anderer Standpunkte ist ihnen abhanden gekommen.

Zum Eklat kam es schließlich, als auch die Wirtschafts- und Sozialkapitel weit nach links gerückt, zugleich aber auch mit Wünschen garniert wurden, von denen Herbert Gruhl und andere sagten, daß sie nur die materialistischen Vorstellungen der etablierten Parteien widerspiegelten. Gilt das eine etwa für das Verlangen, die Großkonzerne in überschaubare, von den Arbeitenden demokratisch verwaltete Betriebe zu entflechten, so das andere zum Beispiel für die Forderung nach einem Einstieg in die 35-Stunden-Woche bei vollem Lohnausgleich. Die Umstülpung wesentlicher Teile des Programms war komplett. Gruhl erklärte sich außerstande, dafür an der Spitze der Grünen geradezustehen.

Also doch Regie von langer Hand? Sie bei den K-Gruppen und anderen radikalen Zusammenschlüssen zu vermuten, die mit der grünen Strömung schwimmen, wäre eine unzureichende Erklärung. Sie allein hätten wohl keine Mehrheiten bewirken können. Aber wie durch Osmose ergaben sich Majoritäten aus ihnen und den breiten Reihen der jungen Delegierten, die in Saarbrücken vorherrschten, anders als noch bei den Treffen in Offenbach und Karlsruhe, wo viele aus der mittleren und älteren Generation auf den Bänken saßen – offenkundig ein Wechsel an der Basis. Die meisten jener jungen Leute halten schon für politisch, was anders ist. Zwischen Helmut Schmidt und Franz Josef Strauß machen sie kaum einen Unterschied, und dem Einwand, daß sie am Ende Strauß zur Macht verhelfen könnten, halten sie allen Ernstes entgegen, eher drohe die Gefahr, daß der Atomkanzler Schmidt die absolute Mehrheit erringe.

Bei solcher Naivität und Einkapselung wird sie vorerst nichts und niemand von ihrer Fundamentalopposition im grünen Gewand abbringen können. So alternativ ist ihre Welt, daß sie sich von jeglicher Realität zu lösen beginnt. Das Argument, Herbert Gruhls Absage an ihre Thesen könne sie die bürgerliche Reputation kosten, die ihnen erst Terrain jenseits der Fünf-Prozent-Hürde verheißt, beeindruckt sie im Grunde so wenig wie Baldur Springmanns grimmige Appelle, beim ökologischen Leisten zu bleiben. Natürlich, man möchte sie weiter dabeihaben, das Harmoniebedürfnis ist groß, doch wenn sich Abspaltungen nicht vermeiden lassen, dann eben auch so.

Überhaupt bedeutet es den Jungen wenig, daß Rigorosität im eigenen Lager der ökologischen Sache zu schaden droht. Viel mehr zählt ihnen der nun auf dem Papier entworfene Kosmos. Der Aufbruch in den Sonnenstaat soll sein, auch auf die Gefahr hin, daß der Kreuzzug gegen die träge, selbstbezogene, materialistische Wohlstandsgesellschaft bald wieder unter dem Horizont verschwindet. Fast scheint es, als hätten sich die Grünen in Saarbrücken schon ihren eigenen Nachruf geschrieben.