Von Rolf Schneider

Subkultur ist ein junges Wort. Was es benennt, ist sehr alt. So lange gesellschaftliche Arbeitsteilung existiert – was bedeutet: fast so lange, wie gesellschaftliche Formationen bestehen gibt es auch, von eben der Arbeitsteilung disponiert, Schichten, Gruppierungen, Klassen, Sekten, Bünde, mit jeweils eigenen Binnenstrukturen, Subordinationen und Codices, mit eigenem Jargon, eigenen Wert- und Traditionsvorstellungen, eigener Emblematik und eigenem Ritual. Je hermetischer solche Bünde organisiert waren, desto eigenwilliger, nämlich, vom übrigen unabhängig und zu diesem konträr, geriet der eigene kulturelle Überbau. Dergleichen entstand, hielt sich eine Weile, wandelte sich, verging dann wieder: indem es auf- und überging, indem es fortbrach. Die Kultur einer bestimmten Region ist immer die Summe ihrer Subkulturen.

Die ältesten von ihnen, sofern sie heute noch existieren, sind sämtlich religiöse: Kirchen samt Untergliederungen und Sonder-Gemeinschaften. Die ältesten bis heute lebendigen säkularen Subkulturen sind die Freimaurerbewegung und, noch etwas älter, das Universitätswesen; dies hat zu allen Zeiten seinen sichtbaren, der Allgemeinheit immer wieder auffälligen Ausdruck in den Organistationen der Studenten gefunden.

Über die gibt es nun ein Buch, das in Faktenreichtum, Anschaulichkeit und Darstellungsstil fast als mustergültig angesehen werden darf –

Peter Krause: „O alte Burschenherrlichkeit – Die Studenten und ihr Brauchtum“; Verlag Styria, Köln 1979; 223 S., 55,– DM.

Rund dreißigtausend Sekundärbücher zum Thema lägen vor, versichert uns Autor Krause in einer Anmerkung; rund hundertfünfzig Quellen gibt er selber an. Schon deren Titel seufzen zumeist beseligt der verflossenen akademischen juventus hinterdrein.

Sofort auch hat man im Ohr die knarrende Sternheim-Prosa „Alter Herren“, denen einst die Pflichtmensur das Kinn zerhackte; Krauses Buch liefert gleich die Abbilder von Pauksäbeln und Simplizissimus-Karikaturen in der Litho-Kreide des E. Thöny. Und wie der berühmteste Trinkritus der Korporierten auf Flämisch befohlen wird, läßt sich hier gleichfalls nachlesen: Silentium! Klaar vor de Salamander op het heil (ter ere van)... (Uitgave Leuwen, 1978).

Wo kommt das alles nun her? Wie ist es geworden und hat dabei welche Spuren wo hinterlassen? Die Antworten sind voll der kulturgeschichtlichen Überraschungen und erbringen ein maßgebliches Stück dessen, was wir üblicherweise als abendländische Überlieferung begreifen.

Die neuzeitliche Universität ist christ-katholischen Ursprungs, die frühesten Studenten waren solche der Theologie. Nach ein paar Präludien unterm Einfluß der mittelalterlichen Hochkultur des Islam entstand die erste bleibende Universität unserer Breiten im Schatten einer Kathedrale, jener von Notre-Dame-de-Paris. Der Dom hatte seine Schule, die geistlichen Herren hatten ihre Schüler; die kamen nicht nur aus Frankreich, sondern von überall her und wohnten in Konvikten zusammen, wo Leute gleicher ethnischer Herkunft und Muttersprache zusammenrückten. Man nannte dergleichen natio, Nation; eines der explosivsten Worte unserer Jahre hat diesen pädagogisch-theologischen Ursprung.

Die nationes der Sorbonne sind die älteste Wurzel aller landsmannschaftlichen Verbindungen, Korporationen und Corps, was an Namen wie Borussia oder Saxonia bis auf die Gegenwart erhalten blieb. Das Universitäre der ersten europäischen Hochschulen war ihre bunt vermischte Schülerschaft, nicht das Lehrangebot. Dies war beschränkt auf Theologie und Juristerei – die kanonische.

Methodisch hielt man sich... ans scholastische Systems Es wurde in den sieben Künsten unterwiesen, den drei niederen und vier höheren, Trivium und Quadrivium; wer bloß die drei niederen Disziplinen absolviert hatte, beließ es beim Trivialen; dies also ist der scholastische Ursprung einer modernen ästhetischen Schmähvokabel.

Das Mittelalter war voll von feudalistischständischen Normen. Es gab eine gruppendienliche Organisationsform nach der anderen, aristokratisch, nichtaristokratisch; letzteres erbrachte Gilden und Zünfte, bis hin zu Genossenschaften der Bettler. Auch die Studenten besaßen ihre Form des Zusammenschlusses, zu der ethnischen der Nation zusätzlich eine soziale. Man nannte das Pennal, noch früher Burse; dieses Wort hat die gleiche Ethymologie wie Börse und will auch hier zunächst Fiskalisches benennen: das gemeinschaftliche Leben aus dem gleichen Geldbeutel. Van Burse aber leiten sich Bursche her und Burschenschaft.

Unter Vaganten und Poeten

Alle Rituale späterer Arminen und Teutonen sind bereits vorgeformt: die Initiationsverfahren von beträchtlichster Roheit, das Singen, das Saufen, das Fechten und das gegenseitige Protegieren; Motive pubertär-antiautoritärer Art spielen gleichermaßen hinein. Der Hochschulwechsel ließ die fahrenden Schüler entstehen, Vaganten; sie halten sich in sozialer Nähe zu Gauklern und Gaunern, übernehmen aus deren Jargon und gebieren eine eigene Poesie. Zwei der Verfasser haben Literaturgeschichte gemacht: der neulateinisch schreibende Erzpoet, dessen Verse man in Benediktbeuren aufbewahrte, Orff hat sie als Carmina burana vertont, sowie der französisch schreibende François Villon.

Humanismus, Reformation und Renaissance ergriffen auch die Universitäten, sofern sie nicht, wie in der Figur des Erasmus, von dort ausgegangen waren. Die Zahl der Fächer hatte sich inzwischen vermehrt, die Lehrer waren nicht mehr bloß geistliche Herren, die Studenten organisierten sich jetzt in ausdrücklich sogenannten Landsmannschaften. Die Religionskriege hatten protestantische und katholische Universitäten im Gefolge; unter den protestantischen sollte die zu Jena später eine besondere Bedeutung erlangen. Die Unterrichtssprache wechselte in Deutschland seit Thomasius vom Lateinischen zum Deutschen, und der studentische Jargon gefiel sich in humanistischem Mumpitz; Bursche etwa wurde gräzisiert zu burschikos.

Im Jahrhundert der Aufklärung, welches auch das große Jahrhundert der Freimaurerei war, wurden, gleichsam als elitäre Gegenbewegung zu den vulgär gewordenen Landsmannschaften, die studentischen Orden gegründet. Schatten lauter freimaurerische Rituale ohne doch Logen zu sein; Jena war dafür eine Hochburg und Schiller ihr heimlicher Mittelpunkt; „Freude schöner Götterfunken“ steckt voller Inspiration durch die Studentenorden; Goethe, der Logenbruder, mochte dergleichen nicht. Mozart, auch ein Logenbruder, hat hingegen in seiner „Entführung“ ein studentisches Trink-Comment untergebracht.

Das erste studentische Corps, das diesen Namen trug, entstand 1786 an der damals existierenden Universität Frankfurt/Oder, das älteste heute noch aktive Corps, Onoldia, 1798 in Erlangen. Der „Tugendbund“, gegründet 1808 war ein Produkt der antinapoleonischen Bewegung und fußte auf Vorgaben der entsprechenden Ideologen Fichte, Körner, Arndt und, vor allem, Friedrich Ludwig Jahn. Der Erfinder des vaterländischen Turnens war auch ein Inspirator dieser Studentenbewegung; beide Strömungen gehen nicht nur in seiner Person ineinander über. Die Statuten der Burschenschaften tragen deutlich den Jahnschen Duktus und verkünden in ihrem Paragraphen 2: „Sich frei und selbständig nach eigentümlicher Weise im Leben und Lernen zum deutschen Mann zu bilden, ist der Zweck des Besuchens von hohen Schulen und das Kleinod der Burschenfreiheit.“

Militärisches Auffangbecken der Burschenschafter im Kriegsjahr 1813 wurde das Lützowsche Corps (wo Jahn als Offizier diente); „militärische Bedeutung und ... Erfolge waren nicht sehr groß“, kommentiert Peter Krause. Es waren Körners Lieder und der durch sie ausgestreute Mythos, die das Corps prominent machten; dessen ehemalige Mitglieder kehrten nun, nach Waterloo, wieder an die Hochschulen zurück; 1815 gründeten neun von ihnen in Jena die „Urburschenschaft“: „Erhoben von dem Gedanken an ein gemeinsames Vaterland, durchdrungen von der heiligen Pflicht, die jedem Deutschen obliegt, auf Belebung deutscher Art und deutschen Sinnes hinzuwirken, hierdurch deutsche Kraft und Zucht zu erwecken, mithin die vorige Ehre und Herrlichkeit unseres Volkes wieder fest zu gründen. Wozu man „altdeutsche Tracht“ trug, Jahn hatte sie empfohlen.

Zur Burschenschaft gehörten die Farben. Die der Jenenser Gründung waren von den Lützowenn bezogen: schwarze Uniform mit roten Aufschlägen, dazu goldene Stickerei. Schwarz-Rot-Gold sind zunächst Burschenschaftsfarben gewesen und wurden von dort weitergegeben ans Paulskirchen-Parlament von 1848.

Dies und anderes sichert der studentischen Bewegung zu Beginn des 19. Jahrhunderts die uneingeschränkte Sympathie aller Progressisten. Die Burschenschaften, aus liberalen und patriotischen Impulsen entstanden, seien im Verlauf der kommenden Jahrzehnte, unter dem Eindruck der deutschen Misere, ihres fortschrittlichen Inhalts entleert worden und zu reaktionär-nationalistischen Gruppierungen verkommen.

Das klingt erst einmal einleuchtend, hält aber der genaueren Überprüfung nicht stand. Es widerspräche auch der geschichtlichen Erfahrung; politische Massenphänomene von unvermischter Farbe sind eine höchst rare Sache, und schwerlich kann etwas in eine Richtung entarten, die nicht angelegt war. Die Burschenschaften liefern den prompten Beweis.

Schon die zitierten Allgemein-Deklarationen mit ihrer deutschtümelnden Romantik klingen fatal, klangen wohl so schon zu ihrer Zeit; Politisches von Goethe, Hölderlin und Hegel liest sich anders. Als 1817, zu Ehren von Völkerschlacht und Luther-Reformation und mit der ausdrücklichen Billigung von Goethes Karl August, 500 Burschenschafter zur Wartburg zogen, wurde ans offene Feuer ein Korb mit Büchern gerückt, die Titel wurden verlesen, der Chor soufflierte, daß man dies verbrenne, und das geschah dann auch. Man braucht nicht die geschichtliche Erfahrung von 1933, um solche Scheiterhaufen schlimm zu finden.

Auf dem Weg nach rechts

Einer der so Geächteten hieß August von Kotzebue, russischer Regierungsfunktionär und wendiger Literat, Verfasser, immerhin, der deutschen Anti-Spießer-Satire „Die deutschen Kleinstädter“; gänzlich zu unrecht stand er im Geruch eines besonders argen Dunkelmanns. Unterm Eindruck des Bücherbrandes auf der Wartburg ermordete der Student Sand den Staatsrat Kotzebue und sicherte damit den Burschenschaften die Ächtung durchs damalige Establishment. Daß die Burschenschaften in Beschlüssen von 1820 und 1821 sämtliche Juden aus ihren Reihen exmittierten, hatte mit erklärten Grundsätzen der Sittlichkeit, Toleranz und Demokratie nichts zu tun, sondern erwies die eigene Gesinnung als das, was sie von Beginn an auch gewesen war: chauvinistisch.

Ein führender Wartburg-Agitator war übrigens der Jung-Deutsche Maßmann, den der Napoleon-Anhänger Heinrich Heine mit besonderer Beharrlichkeit verhöhnt hat. Die antisemitischen Beschlüsse wurden nach zehn Jahren zunächst wieder aufgehoben, was ermöglichte, daß sowohl Heinrich Heine wie Theodor Herzl Korporierte waren.

Die Burschenschaftsbewegung hatte über die kleindeutschen Grenzen hinausgegriffen. Die Revolution von 1848, man muß immer wieder daran erinnern, nahm für Mitteleuropa ihren Ausgang in Metternichs Österreich, Wien War die Stadt mit den längsten und blutigsten Barrikadenkämpfen. Es gab dort zwei Bürgerwehren; die aus Studenten gebildete Akademische Legion war die radikalere in Sachen Demokratie wie in Sachen Widerstand.

Die Revolution scheiterte, und die Korporationen drifteten nun endgültig nach rechts. Der Junker Bismarck war Korporierter gewesen, Wilhelm II. war es auch. Erneut wurden antisemitische Beschlüsse gefaßt; diesmal war Reaktion die Gründung von jüdischen Burschenschaften, deren es orthodoxe, reformierte und zionistische gab. Frucht der Jugendbewegung, waren studentische Gilden; 1914 zogen die Korporierten vaterländisch entflammt in den Krieg; 6000 Studenten fielen bei Langemarck. 1919 strebten die heimkehrenden Burschen den Freikorps zu, die bayerische Räterepublik wurde maßgeblich von bewaffneten Studenten niederfüsiliert; Studenten schossen auch in Oberschlesien.

Wilhelm II., ehemaliger Bonner Borusse, hatte den Corps gewünscht, „daß Sie zu allen Zeiten freudig den Schläger führen werden“. In der preußischen Verwaltung betrug der Anteil ehemals Korportierter in den Spitzenfunktionen um die 64 Prozent. Daß Hitler eher ein Gegner der Burschenschaften war, geht wohl auf vulgärplebejische Gefühle aus seiner Wiener Jugend zurück; die politischen Motive des Korporationsverbots von 1936 ähneln denen des Röhm-Putsches.

Immerhin ließ sich Hitlers Verbot als vorweggenommene Entnazifizierung ausgeben. 1948 waren die Korporierten in Westdeutschland wieder da, ab 1961 ohne Einschränkung. Theodor Heuss äußerte sich gegen sie, die SPD verbot ihren Mitgliedern das Farbentragen – bis 1967; da hob sie das Verbot stillschweigend auf. Es gab und gibt Korporationen auch im Ausland: in Österreich, der Schweiz, in Belgien, Amerika und Chile, überall dort also, wo nachdrücklich deutsches Wesen webt. Eine der bizarrsten Formen deutschen Kulturexports dürfte die Gründung der Verbindung Edo-Rhenania zu Tokio im Jahre 1963 sein.

Ab und zu geraten die Verbindungen ins (Fernseh-)Bild, gelegentlich eines Konvents zu Marburg oder anderswo: eine Massierung juveniler Lemuren in vollem Wichs, Parade-Cerevis auf Lockenkopf. Sehr erheblich sind die Korporierten nach 1945 glücklicherweise (noch) nicht wieder geworden. Die moderne Studentenbewegung pflegt andere Formen, statt „Gaudeamus igitur“ intoniert man „We shall overcome“.

Daß dies alles so ist, dafür offeriert Monograph Peter Krause eine wahrhaft herzerwärmende Erklärung: den wachsenden Anteil weiblicher Studierender. Derart ginge das Korporationswesen in schöner geschichtlicher Logik an seinem eigenen reaktionär-patriarchalischen Prinzip zugrunde.