Von Jürgen Lodemann

Im November 1944, Tiefflieger greifen Heidelberg an, heiratet die zwanzigjährige Roswitha ihren Freund, der soeben sein Medizinstudium beendet hat und gleich als Truppenarzt an die Front abkommandiert wird. Die Front, das war Ende 1944 unser, aller Rhein. Dr. med. Fröhlich kam nach Linz, gegenüber von Remagen, wo er in einer Schule zusammenzuflicken hatte, was ihm aus der Eifel an noch Lebenden über den Rhein zugeliefert wurde, 16jährige, 17jährige, das letzte Aufgebot, verbrannte Kinder, Zerlumpte, Sterbende, die Hitler in seine "Ardennen-Offensive" geschickt hatte.

Die zwanzigjährige Frau Fröhlich in Heidelberg wollte ihren Mann nicht allein lassen: Gegen den Willen ihrer Eltern fuhr sie den Rhein hinunter ins Linzer Lazarett und meldete sich als Schwester. Flitterwochen unter Blut und Tränen. Wenig später, man weiß es, war der "Spuk" vorbei, der nicht Spuk war, sondern Ernst und Konsequenz, die Brücke bei Remagen fiel, wer noch lebte, kam in amerikanische Kriegsgefangenschaft, auch Schwester Roswitha. Erst im Frühjahr 1946 war sie wieder bei ihren Eltern.

Vor kurzem, als ihre Mutter gestorben war, hat sie in einer alten Truhe zwei Tagebücher gefunden: eines, das sie damals selber geführt hat und eines, das ihre Mutter in Heidelberg zur selben Zeit geschrieben hatte. Roswitha Fröhlich, inzwischen eine bekannte Mannheimer Kinderbuch-Autorin – "Probezeit" (Beltz), "Ich und meine Mutter" (Otto Maier) –, hat jetzt beide Tagebücher zusammen mit Briefen und nachträglichen Reflexionen veröffentlicht –

Roswitha Fröhlich: "Ich konnte einfach nichts sagen – Tagebuch einer Kriegsgefangenen"; Rowohlt-Taschenbuch Nr. 4470, Rowohlt Verlag, Reinbek; 137 S., 4,80 DM.

Wieso dieser Titel: "Ich konnte einfach nichts sagen"? Als bei den ersten Verhören die Amerikaner in ihrer bekannten Naivität fremden Völkerschaften gegenüber die deutschen Rotkreuzschwestern befragten und dabei schlicht, wie sie bei solchen Gelegenheiten informiert zu sein pflegen, jeden und jede für eine Ausgeburt an Nazi hielten, als also die US-Offiziere unbedingt von ihr wissen wollten, wie sie denn als NS-Flintenweib gearbeitet, welche Aufträge sie gehabt und wie sie noch heute zum Führer stehe, da kam jener Moment der Hilflosigkeit und des Unverständnisses: Ich konnte einfach nichts sagen.

Zum einen konnte sie es deswegen nicht, weil die Verhörenden ihre bekannte Gemütsathletik demonstrierten und jeden Deutschen für einen NS-Geheimnisträger hielten, zum anderen konnte sie es aber deswegen nicht, weil sie auf grundsätzliche Auskünfte über die NS-Zeit nicht im geringsten vorbereitet war. Obwohl auch in ihrem Elternhaus Hitler redlich gehaßt worden war – eben, das war in der Tat nur redlich gewesen. Keine tatsächliche Distanzierung, geschweige denn Widerstand.