Von Albert Görres

Wird der Urschrei leiser? Die Sache Janovs hat es schwer in Deutschland. Seine Schriften sind Bestseller. Der „Urschrei“ ist das einzige Buch der psychotherapeutischen Weltliteratur, das den Prozeß, den es beschreibt, bei vielen Helfern sofort in Gang setzt; bei manchen bis zur Heilung ohne Helfer. Unzähligen vermittelt es die feste Überzeugung: So muß Psychotherapie sein!

Janov hat im Handstreich erobert – besetzen, halten und ausbreiten konnte er nicht; wollte er nicht?

Die Tatsachen: Arthur Janov, Psychologe und psychoanalytisch orientierter Psychotherapeut, entdeckte 1967 durch Zufall, daß ein plötzliches Wiedererleben unerträglicher, darum verdrängter Kindheitsschmerzen, von ihm „primal“ genannt, von neurotischen Symptomen befreien kann. „Die Methode, das zu erreichen, ist denkbar einfach“, erklärte Janov in seinem Gespräch mit André Müller, das die ZEIT am 22. Februar veröffentlichte. „Wir bringen den Patienten dazu, seine in früher Kindheit unausgelebten Schmerzen nachträglich loszuwerden: nicht wie, die herkömmlichen Therapien, wo sie ihm nur erklärt oder bewußt gemacht werden. Wir lassen ihn den Urschmerz fühlen.“

Josef Breuer und Sigmund Freud hatten 1892 ein ähnliches Verfahren beschrieben, die Hypnokatharsis, und damit den Grundstein aller tiefenpsychologischen Therapie gelegt. Doch konnte Janov das notwendige volle kathartische Wiedererleben ohne Hypnose, einfach durch meditatives Einsinken in Erinnerungen und Gefühle in Gang bringen.

In den folgenden Jahren gelang es ihm, seine Methode so zu verbessern, daß sie nach seinen Angaben zu einer sicher, schnell und endgültig wirkenden Radikalkur gegen alle Formen von seelischen und psychosomatischen Krankheiten wurde – wirksam auch bei Süchten, sogenannten Perversionen und bei Psychosen, die herkömmlichen Heilverfahren kaum zugänglich sind. Die Kur ist nach Janov allen bisherigen Psychotherapien weit überlegen und fast frei von Mißerfolgen.

Schon drei Jahre nach der Entdeckung veröffentlichte er einen Bericht über seine schier unglaublichen Erfolge. Heute, nach etwa 3000 Behandlungen in seinem Institut, sind seine Berichte nicht mehr ganz so triumphal, längere Behandlungszeiten und eine geringe Zahl von Mißerfolgen werden Zugegeben. Nach wie vor aber bestehen Janov und sein Arbeitskreis darauf, die einzige radikale und in den meisten Fällen heilkräftige Therapie für Neurosen und neuroseähnliche Fehlentwicklungen gefunden zu haben.