Kritik – Soziologie – Semiologie: Verschiedene Disziplinen überschneiden sich in Roland Barthes’ ebenso fiktivem wie wissenschaftlichem Werk. Ausgangs-, Fix- und Fluchtpunkt seiner Tätigkeit war die Literatur – primär, als Ansatz, das, woraus sie materiell besteht: Sprachfakten wie Zeichen, Symbole, Konnotationen, Figuren der Rhetorik. Roland Barthes’ Analyse setzte da ein, wo das – viele Linguisten einzig interessierende – Niveau der unmittelbaren Kommunikation überschritten wird. In Opposition zur oberflächlichen Textlektüre suchte er in den Tiefen- wie Oberflächenstrukturen einen zweiten, dritten und vierten Sinn. Deshalb brach Barthes, der Kritiker, die traditionellen Gattungs- und Kompetenzbereiche auf – die Soziologie zum Beispiel hielt Einzug in die Literaturwissenschaft, nicht ihrer Zahlen und Statistiken über Bücher und Autoren wegen, sondern als Methode der (Welt-)Anschauung (Barthes’ "Sur Racine" als Studie über die Machtverhältnisse in der Tragödie).

In seinem großen Essay "Am Nullgrad der Literatur" (1953; Deutsch bei Claassen) legt Barthes den Zeitpunkt, in dem der Schriftsteller aufhörte, "Zeuge des Universellen" zu sein, in die Jahre um 1850. "Die einheitliche klassische Schreibweise (écriture) ist also, zersplittert, und die gesamte Literatur von Flaubert bis heute ist damit zu einer Problematik der Sprache geworden." Barthes gehörte zu den wenigen Kritiker-Schriftstellern, welche diese Erfahrung der Zersplitterung nicht nur be-schreibend feststellen, sondern in letzter Konsequenz formal und sogar thematisch reflektieren. Zahlreiche seiner Bücher sind puzzleartig aus Fragmenten zusammengesetzt, und sein Thema war eben nicht das Absolute, sondern das (scheinbar) Relative und Ephemere.

Seit den "Mythen des Alltags" (1957; Deutsch bei Suhrkamp) betrachtete Roland Barthes die Gegenwart in ihren vielfältigsten Manifestationen: Die "Tour de France" war ihm ein ebenso ergiebiger Gegenstand wie Balzacs Novelle "Sarrasine" (in dem Band "S/Z", 1970; Deutsch bei Suhrkamp), die Photographie (in seinem letzten Buch "La chambre Claire") oder das "Systeme de la Mode", 1967. Diese Vielfalt an Themen war letztlich auch eine Folge seiner Methode, des Strukturalismus, und seiner Disziplin, der Semiologie, die er zur selbständigen kulturellen Wissenschaft machte. Er sah die Zeichen, hörte auf die Signale – und da, wo wir in Gewohnheiten erstarren, mit bedingten und unbedingten Reflexen reagieren, stellte er die unbequeme Frage nach dem Warum. Barthes kokettierte gern mit dem Anekdotischen, verblüffte mit unerwarteten Effekten, die auch in seiner Sprache ihren Niederschlag fanden. Er gefiel sich in der Pose des aristokratischen Seiltänzers auf dem Nullpunkt jener Kultur (um den Titel seines ersten Buches zu variieren: "Am Nullpunkt der Literatur", 1953), die man nicht in Opposition zur Natur setzen kann: Sein Kulturbegriff, nach dem er seine kritische Praxis ausrichtete, steht als Synonym für "das Leben" schlechthin.

Seiner Phantasie, seinem Ideen- und Assoziationsreichtum, seiner kreativen Lektüre (der Klassiker wie der alltäglichen Phänomene) stand eine eigentümliche Vorliebe für Systematik und Exaktheit gegenüber. Barthes schreckte nicht davor zurück, Zusammenhänge von philosophischer Kompliziertheit auf eine mathematische Formel zu bringen. Die Logik war stets ein bestimmendes Kriterium in seinem unermüdlichen, nie zufälligen Suchen nach formalen und inhaltlichen Zusammenhängen. In seinem köstlichen Brevier "Die Lust am Text" (1973; Deutsch bei Suhrkamp) will er beweisen, daß Eros und Logos, im Leben wie in der Literatur, einander nicht widersprechen, sondern ergänzen. Roland Barthes’ Aufsatz "Histoire ou Litterature" (Geschichte oder Literatur) stand am Ausgangspunkt der gehässigen Polemik um die Neue Kritik, welche die sechziger Jahre prägte. "Es handelt sich", schrieb Barthes, "um eine andere Logik, andere Forderungen, eine andere Verbindlichkeit. Es geht darum, die Beziehung zwischen einem Werk und einem Individuum zu interpretieren." Erst in seiner Antwort auf die ersten Attacken kritisierte er den Objektivitätsbegriff der traditionellen Kritik, die unfähig sei, "Symbole, das Nebeneinander von Bedeutungen, wahrzunehmen oder mit ihnen umzugehen. Bei ihr ist die allgemeine Symbolfunktion, die es dem Menschen ermöglicht, Ideen, Bilder und Werke außerhalb der Sprache zu konstruieren, gestört." Von da aus formulierte er die Forderung nach einer leistungsfähigen Theorie der Zeichen, und eigens für ihn hat das "Collège de France" vor drei Jahren einen Lehrstuhl für "Literarische Semiologie" geschaffen.

Die spätere Entwicklung Barthes – weg von den Theorien, hin zur eigenen Literatur, vom "Kritiker" zum "Schriftsteller" – hatte, falls diese Unterscheidung überhaupt einen Sinn hat, mit der "Lust am Text" eingesetzt. In "Fragments d’un Discours Amoureux" (1977) behandelt er jene individuellen – und unzeitgemäßen – Gefühle, die weder der Marxismus noch die Psychoanalyse zu erklären vermögen.

"Über mich selbst" (1975; Deutsch bei Matthes &’ Seitz), eine Monographie in eigener Sache, erzählt das Leben eines Exilierten, den die lustvolle Beschäftigung mit dem Alltag und dessen Mythen den Menschen entfremdet hat und der in der Kultur – von der Antike bis zur Moderne – eine Heimat fand. Er wußte, was den modernen Theorien nach längst tot sein müßte (zum Beispiel der Roman) – doch daran hing er ganz besonders. Paul Valérys analytische Intelligenz war ihm eigen, ebenso Prousts Sinnlichkeit und Sensibilität, auch André Gides Stilgefühl: Sie brachte er mit Brecht, den er in Frankreich bekanntzumachen half, mit Fourier, Sartre, Saussure und der Zeitschrift Tel Quel in eine äußerst fruchtbare Verbindung.

Roland Barthes war ein anti-elitärer Ästhet und skrupelloser Genießer, dabei blieb er – als Beobachter – stets ein Fremder. Sein allzu früher Tod hätte zeitgemäßer und persönlicher nicht sein können: Am 25. Februar war er im Pariser Stadtzentrum nach einem Essen mit Mitterand, Rolf Liebermann und weiteren Freunden von einem Auto, das ihn als Symbol immer wieder beschäftigt hatte, überfahren worden. Nach einmonatiger Agonie ist Roland Barthes, der seit frühen Jahren nur über einen Lungenflügel verfügte, am 26. März im Alter von 64 Jahren an den Folgen dieses Unfalls gestorben. Er selber hätte es wohl einen Un-Fall genannt.

Jürg Altwegg