Tarifverhandlungen auf "Treu und Glauben"

Von Dinah Deckstein

In der Schweiz ist die Welt noch in Ordnung. Daran vermochten auch die Ölscheichs nicht zu rütteln, obgleich sie den Eidgenossen mittlerweile eine Inflationsrate von über fünf Prozent beschert haben. Das schweizerische Stabilitätswunder steht nach wie vor auf einem soliden Fundament. Mit einer Arbeitslosenquote von gerade 0,3 Prozent hält der südliche Nachbar noch immer einen einsamen europäischen Spitzenplatz. Ähnlich günstig, ist das Bild auch bei der Streikhäufigkeit: Im vergangenen Jahr dürfte sich die Anzahl der durch Streiks verlorengegangenen Arbeitstage voraussichtlich auf 2700 halbiert haben; Aussperrung war bei den Eidgenossen auch 1979 ein Fremdwort.

Wenn überhaupt gestreikt wurde, und das war insgesamt nur rund zehnmal der Fall, dann ging, es zumeist um Fragen von Betriebsschließungen oder ungerechtfertigte Kündigungen; Lohnstreiks haben in der Schweiz geradezu Seltenheitswert. Auch bei der letzten Tarifrunde mit Lohnerhöhungen von durchschnittlich fünf Prozent, die ohne einen einzigen Streiktag zustande kamen, bestätigt sich: Wieder einmal hat die Schweiz ihren Ruf als Insel der Stabilität und des Arbeitsfriedens erfolgreich verteidigt.

Der Ruhm für diese "Spitzenleistung" gebührt vor allem den Tarifparteien, die mit ihrer Devise "Kooperation statt Konfrontation" den Stützpfeiler des schweizerischen Wirtschaftswunders bilden. Die Übereinstimmung in Fragen der bestehenden Wirtschaftsordnung grenzt oft schon an Harmonie. Erst kürzlich charakterisierte der Präsident des Schweizerischen Gewerkschaftsbundes (SGB) die Arbeitgeber als "relativ vorbildlich", freilich nicht ohne hinzuzufügen, daß "unter den Blinden eben der Einäugige König ist". Speziell die Gewerkschaften haben auch allen Grund, das friedliche Arrangement dem Konflikt vorzuziehen. Zersplittert in konfessioneller, berufsständischer und weltanschaulicher Richtung, sind sie vom in der Bundesrepublik gültigen Prinzip der Industrie- und Einheitsgewerkschaft so weit entfernt wie von der paritätischen Mitbestimmung. Eine differenzierte Industriestruktur und eine entsprechend heterogene Arbeiterschaft haben den Gewerkschaften zudem den Stempel des Berufsständischen aufgedrückt.

Noch heute feiert dieses Prinzip beim SGB, der rund 450 000 der 2,7 Millionen Erwerbstätigen organisiert, fröhliche Urständ, bestes Beispiel: der 420 Mitglieder starke "Verband der Seidenbeuteltuchweber".

Wem der SGB zu gewerkschaftlich ist, der findet seine Arbeitnehmer-Heimat vielleicht eher im christlich nationalen Gewerkschaftsbund, mit rund 100 000 Mitgliedern der nächstgroße Dachverband, oder im Schweizerischen Verband evangelischer Arbeitnehmer. Der freisinnigen Partei steht der Landesverband freier Schweizer Arbeitnehmer nahe, dessen Gründung auf eine Initiative der Arbeitgeber zurückgeht. Angestellte treten dagegen, wenn überhaupt, der Vereinigung Schweizerischer Angestelltenverbände oder dem Schweizerischen kaufmännischen Verband bei.