Autos rein – Kinder raus?

Schwalenberg in Lippe ist nicht so bekannt wie Rothenburg, aber weil es auf einer engen Bergterrasse liegt, hat es noch einen völlig unzersiedelten Stadtrand, und das ist einmalig.

Die ganze kleine mittelalterliche Stadtdemokratie läßt sich an den Bauwerken ablesen: Es gibt kaum Mieter, fast jeder hat sein eigenes Haus, ist Hausherr. Große Leute haben ein großes Haus, kleine Leute ein kleines. Es gibt keine Paläste, denen Büchner den Krieg wünscht, und keine armseligen Hütten, denen er den Frieden wünscht. Die Burg über der Stadt hat nicht einmal einen direkten Weg zur Stadt. Man ließ sich gegenseitig in Ruhe.

Das reiche Rathaus zeigt: Die Bürger regierten sich selbst. Die mittelalterlichen Stadtrepubliken waren republikanischer als Bonn, das seine Staatsbesucher ins Fürstenschloß Gymnich bittet: Städtebau ist ein unbestechlicher Spiegel jeder Gesellschaft.

Die Schule in Schwalenberg lag bis zum Krieg neben der Kirche, der Kirchplatz war Schulhof. Multifunktional, wie man heute sagt, wurde er die ganze Woche über benutzt. Es gab keine Öde, wie sonntags in modernen Schulzentren oder alltags in Kulturzentren. Man könnte die Grundschulklassen wieder im alten Schulhaus unterrichten, es steht noch. Alles steht noch in Schwalenberg, einschließlich der Stadtmühle.

Aber jetzt soll saniert werden.

Dabei springt eine neue Kanalisation heraus, und bis Zu diesem Punkt sind sich noch alle einig.

Die Auseinandersetzung begann mit dem ersten Sanierungsplan. Fast 30 Häuser sollten abgerissen werden, und eine Großgarage, schamhaft Parkdeck genannt, sollte ausgerechnet ans Ortsende. Das gab Ärger, und Pläne Verschwanden.

Autos rein – Kinder raus?

Was blieb, ist das Ziel der Planer: Autos rein. Neue Parkplätze sollen gebaut werden, hier ein Dutzend, da ein Dutzend. Das Blech soll von der Straße verschwinden, sagen die Planer, und das klingt gut. Aber wie soll das gehen? Kein Autofahrer stellt sein Auto hinter das Haus, solange vor dem Haus noch ein Plätzchen frei ist. Wer Parken auf der Straße verhindern will, muß es durch Bänke, Pfähle und Bäume unmöglich machen. Freiwillig räumt niemand die Straße. Freiwillig zahlt auch niemand Steuern. Wer so etwas glaubt, der kann es ja mal mit der Steuerfreiheit versuchen. Aber die Planer beharren auf mehr Parkraum, und weil in der kleinen Altstadt kein Platz ist, planen sie Garagen am Ortsende am Neuen Tor. Die einzige Ortszufahrt aber ist am Ortsanfang, am Alten Tor. Die Altstadt bildet eine Sackgasse, eine ideale Situation für eine Verkehrsberuhigung. Aber sie geht verloren, wenn ausgerechnet am Ortsende neue Parkplätze neuen Verkehr in die Altstadt saugen. Doch an diesem Konzept halten die Planer immer noch fest.

Der Landeskonservator propagiert dagegen mit Blick auf das Beispiel Salzburg eine Tiefgarage am Ortseingang. Die hohen Kosten schrecken ihn nicht. Schwalenberg braucht den Vergleich mit Salzburg schließlich nicht zu scheuen.

Aber die Tiefgarage wird von den Bürgern nun auch abgelehnt. Ein Bürger sagt es deutlich: "Ihr am Neuen Tor wollt keine Großgarage, wir am Alten Tor auch nicht. Vor der Stadt liegt der Platz der alten Domäne, groß genug für alle Autos. Von da sind es 100 Schritte bis zum Alten Tor, und die kann jeder laufen."

Inzwischen ist ein Sanierungsbeirat gebildet. In ihm sind Bürger vertreten, der Lippische Heimatbund auch. Man kann also hoffen

Es soll auch etwas für die Kinder getan werden. Ein Spielplatz soll gebaut, werden, hinter der Stadt. Kosten 100 000–150 000 Mark. Aber wozu ist er nutze? Sollen die Kinder den Autos Platz machen?

Schwalenberg ist klein, Buckelpflaster, da können die Kinder noch auf der Straße spielen. 50 Meter weiter ist die enge Altstadt zu Ende; an jeder Seite. Da ist der Burgberg, Heide, Wiesen, dahinter Wald, 10 Kilometer tief, ohne jede Straße, und in der Stadt gibt es das Stadtwasser. Ein offener Bach mit Brunnentrog. Da haben meine Vettern und ich früher Schiffchen geschnitzt und schwimmen lassen. Mein jüngster Sohn mit fünf hat seine Hose ausgezogen und als Floß den Bach herabtreiben lassen. Die Nachbarn fanden das lustiger ab meine Frau. Gesehen haben es alle, weil die Kinder auf der Straße vor dem Hause spielten. Und jetzt soll ein Kinderspielplatz am Ortsende "angeboten" werden, wo keine Mutter hinschauen kann. Warum? Spielplätze sind das schlechte Gewissen der Erwachsenen, wenn sie mit dem Auto die Stadt kaputtgemacht haben. Soweit ist es in Schwalenberg noch nicht. Hier kann man sich noch über Kinderkreischen ärgern, weil man kein Auto hört, das lauter wäre, und so soll es bleiben, auch wenn wir Autofahrer dafür etwas zurückstecken müssen.

Ob wir es hören wollen oder nicht, nach dem Fiasko der Gartenstadt und nach der Pleite der autogerechten Stadt ist die mittelalterliche Stadt das Modernste, was Architekten heute zu bieten haben. Und die sollte man nicht mutwillig sanierend zerstören. Horst Leiermann