Herr Jens, was soll man sich unter der "Gotthold-Ephraim-Lessing-Professur für öffentliche Wissenschaft" vorstellen, die der Akademische Senat der Universität Hamburg einrichten will und Ihnen angetragen hatf

WALTER JENS: Hamburg will, seiner bürgerlich republikanischen Kultur-Tradition folgend, das "Allgemeine Vorlesungswesen" mit den Zielen eines "Studium universale" wiederbeleben. Die Kluft zwischen Studenten und Bevölkerung soll verkleinert, die Universität aus ihrem Getto befreit werden. Das Flaggschiff dieses neuen interdisziplinären Zentrums, das sich nicht nur an Studenten aller Fachbereiche, sondern auch an die Hamburger Bürger richtet und der Erwachsenenbildung und wissenschaftlichen Weiterbildung dient; ist der der Lessing-Lehrstuhl".

Weshalb Lessing? Ist da mehr gemeint als eine Verbeugung vor dem Verfasser der "Hamburgs schen Dramaturgie?

Gemeint ist Lessing als Aufklärer, Aufklärung verstanden als Forderung an die Gegenwart. Lessings Fragestellungen sollen bis in unsere Zeit verlängert werden. Die dezidiert republikanischen Aspekte der Aufklärung sollen aus der Universität hinaus in die Öffentlichkeit wirken. Weil das Vermächtnis der Aufklärung in unserer Gesellschaft nicht erfüllt ist, weil wir auf vielen Gebieten hinter die Errungenschaften der Aufklärer zurückgefallen sind, sollen Lessings Gedanken im Licht unserer Erfahrungen überprüft werden.

Was sind konkret die Aufgaben?

Die Vorgeschichte der Hamburger Universität, der ersten, 1919 von Bürgern gegründeten Hochschule und die Geschichte des Hamburger Bildungswesen sollen erforscht werden. Über Themen, mit denen sich Lessing beschäftigt hat, werden in regelmäßigem Abstand Vorträge gehalten, die am andern Tage in Colloquien für die Öffentlichkeit erschlossen und einen Tag später in Seminaren für Studenten unter wissenschaftlichen Gesichtspunkten ergründet werden, also etwa Lessing und die Folgen der Aufklärung, Vernunft und Offenbarung, Größe und Verfall des Humanismus, Aufstieg und Niedergang der Aufklärung. Schließlich soll ein ständiges Gesprächsforum von Wissenschaftlern etabliert, aber auch eine mögliche Zusammenarbeit mit Theatern erwogen werden – alles, um Wissenschaft und Öffentlichkeit, Forscher und Bürger einander näherzubringen. R. M.