Der achtzehnte Brumaire des Louis Bonaparte

Um den "Achtzehnten Brumaire" verstehen zu können, muß man sehen, in welcher Zeit und unter welchen persönlichen Lebensbedingungen Marx dieses Buch schreibt. Die erste zeitgeschichtliche Probe auf die materialistische Geschichtsauffassung entsteht in der Zeit vom Dezember 1851 bis März 1852. Ihr Gegenstand ist die französische Gesellschaft; geschrieben wird sie in London, veröffentlicht in der Zeitschrift Revolution in New York 1852. Diese vier Daten bezeichnen eine für das damalige politische und gesellschaftliche Klima höchst charakteristische Konstellation.

Marx war im Juni 1849 mit seiner Familie nach London emigriert. Ihre materielle Situation war zu keiner Zeit besonders günstig; als "Der achtzehnte Brumaire" entstand, war die Lage der Familie jedoch so drückend, daß, wie berichtet wird, Marx "aus Mangel an den im Pfandhaus untergebrachten Röcken nicht mehr ausgehen und aus Mangel an Kredit kein Fleisch mehr essen konnte". Seine Gesundheit war stark angegriffen. In dieser schier hoffnungslosen Situation meldet sich sein alter Freund Joseph Weydemeyer, der nach Amerika ausgewandert ist, mit der Bitte, für eine in Gründung befindliche Zeitschrift regelmäßig Artikel zur Geschichte des Staatsstreichs Louis Bonapartes zu schreiben. Marx schickte ihm wöchentlich Beiträge; auf das ersehnte Honorar wartet Marx vergeblich, das geplante Zeitschriftenprojekt hatte sich, wie so viele andere in den Emigrantenländern, als bloßer Wunsch erwiesen. Erst als ein namenloser Mäzen, ein Schneidergeselle, seine ganzen Ersparnisse hergab, konnte die Szenenfolge des "Achtzehnten Brumaire" erscheinen und Marx zu seinem Geld kommen.

Bei Marx wachsen, je tiefer er in die ökonomischen Studien eindringt und je bewußter ihm die kapitalistischen Entwicklungsmöglichkeiten werden, die Zweifel an der Reife einer proletarischen Revolution. Dieser Sinneswandel ist um so bemerkenswerter, als Marx im März 1850 selber noch alle diese Illusionen vorbehaltlos teilt; "... in diesem Augenblick, ... wo eine neue Revolution bevorsteht", erklärt er selbstsicher in der Ansprache der Zentralbehörde an den Bund. (Ganz scheint sich Marx im übrigen von der Selbsttäuschung über den Ausbruch der proletarischen Revolution zeit seines Lebens nicht befreit zu haben. Erst 1895 zieht Engels, kurz vor seinem Tode, offen die Konsequenz, die "Der achtzehnte Brumaire" nur anzudeuten wagt: "Die Geschichte hat uns und allen, die ähnlich dachten, unrecht gegeben. Die Periode der Revolutionen von unten war einstweilen geschlossen; es folgte eine Periode der Revolutionen von oben." Dies "einstweilen" dauerte immerhin, mit den kurzen Unterbrechungen der Pariser Commune und der russischen Revolution von 1905, fast siebzig Jahre. Ein Element idealistischer Verzerrung blieb auch dann noch in der Bewertung der "Maulwurfsarbeit" des revolutionären Subjekts, während die ganze Kraft der materialistischen Dialektik auf den Klassengegner sich richtete.

Methodisch stehen "Der achtzehnte Brumaire" und "Das Kapital" komplementär zueinander. Wer sich auf einen Originaltext der politischen Ökonomie einlassen will, wird zum "Kapital" greifen müssen; wer einen Originaltext zur Ökonomie des Politischen sucht, wird unvermeidlich auf den "Achtzehnten Brumaire" stoßen.

Was zeichnet den "Achtzehnten Brumaire" vor den anderen zwei Frankreich-Analysen "Klassenkämpfe in Frankreich" und "Bürgerkrieg in Frankreich" aus? Marx rekonstruiert Detail für Detail die Logik einer Restauration unter gesellschaftlichen Bedingungen, welche die unvollständige 48er Revolution als Erbmasse hinterlassen hat. Keiner hat wirklich gewonnen, vielmehr haben alle Klassenfraktionen verloren oder genauer: Alle haben Teilsiege errungen und Teilniederlagen erlitten. Der dadurch bedingte Schwebezustand treibt auf eine Grundentscheidung hin; Louis Bonaparte Napoleon le petit, der Neffe des Onkels, der Chef der Gesellschaft, wie Marx variantenreich und ironisch Napoleon den Dritten nennt, ist groß in einer einzigen Fähigkeit: Er kann mit diesem labilen Gleichgewichtszustand kompetent umgehen, um ihn schließlich durch den coup d’Etat für sich zu entscheiden – nicht als Führer, wohl aber als Führerdarsteller. Daß er sich dann noch den Kaisermantel umhängte, war für Marx eine Frage der Zeit. Er konnte daher mit einem gewissen Autorenstolz im Vorwort zur zweiten Auflage seiner Schrift auf den Schlußsatz verweisen, der sich bereits bewahrheitet habe. "Aber wenn der Kaisermantel endlich auf die Schultern. Louis Bonapartes fällt, wird das eherne Standbild Napoleons von der Höhe der Vendomesäule herabstürzen."

In keinem Werk bedient sich Marx in vergleichbarer Breite des Mittels der Ironie, um unter der Decke der Verkehrungen und der Scheindynamik der Haupt- und Staatsaktionen die unterschlagene Wirklichkeit sichtbar zu machen. Ironie, Metapher, Analogien, Bilder von abgründiger poetischer Kraft sind die sprachlichen Medien seiner Ideologiekritik.

Marx ist auch im "Achtzehnten Brumaire" der eigensinnige Aufklärer, als der er mit der Kritik der Hegeischen Rechts- und Staatsphilosophie zum erstenmal konsequent aufgetreten war. Er nimmt die subjektiven Formen ernst, in denen sich Interessen und Klasseninhalte ausdrücken: "Und wie man im Privatleben unterscheidet zwischen dem, was ein Mensch von sich meint und sagt, und dem, was er wirklich ist und tut, so muß man noch mehr in geschichtlichen Kämpfen die Phrasen und Einbildungen der Parteien von ihrem wirklichen Organismus und wirklichen Interessen, ihre Vorstellung von ihrer Realität unterscheiden."

Der achtzehnte Brumaire des Louis Bonaparte

"Unterscheiden" bedeutet freilich nicht, sie abstrakt auseinanderzureißen. Wäre das möglich, hätte das Regime des Louis Bonaparte zu keinem Augenblick eine Chance gehabt; denn es zehrt von den wiedererwachten Kaiserhoffnungen der zahlreichsten Klasse der französischen Gesellschaft, den Parzellenbauern, die aus ihrer drückenden Not über bornierte Verhältnisse nach einem Retter Ausschau halten: Caesar, amor legum, solve querelas (Kaiser, Liebling des Rechts, löse unsere Streitigkeiten). Die Tragödie des Parzellenbauern spiegelt sich als Farce im Patriotismus des dritten Napoleon. Die Transformation des Eigentumssinns in die Scheinweitläufigkeit von Nation und Patriotismus gelingt freilich nur, indem Louis Bonaparte Frankreich selber, im Kontext anderer Länder, zur bornierten Parzelle macht – wofür Marx ihm die Niederlage prophezeit, was 1871 auch eintraf.

Auch das ist nicht rein historisch zu lesen. Marx interessiert nicht so sehr, was der Parzellenbauer ist, sondern was unter bestimmten Bedingungen aus ihm wird. Durchgängig sind es im "Achtzehnten Brumaire" Prozeßkategorien, die er entwickelt. Das gilt besonders für den zentralen Begriff der Klasse, der hier deutlicher gefaßt ist als in irgendeiner anderen Schrift von Marx, einschließlich des "Kapitals", das die Klassenspaltung begründet, aber nicht entwickelt. Die "Klasse an sich" bezeichnet die Gleichheit ökonomischer Bedingungen der Existenz von Millionen von Menschen; daß daraus eine Klasse "für sich", ein handlungsfähiges Kollektiv wird, liegt weitgehend im Bereich des Subjektiven, setzt zusätzliche und verschiedenartige Erfahrung voraus: "Die Menschen machen ihre eigene Geschichte, aber sie machen sie nicht aus freien Stücken, nicht unter selbstgewählten, sondern vorgefundenen, gegebenen und überlieferten Umständen. Die Tradition aller toten Geschlechter lastet wie ein Alp auf den Gehirnen der Lebenden."

Die Aktualität des "Achtzehnten Brumaire" liegt auf der Hand. Marx reflektiert die Folgen einer gebrochenen und unvollendeten Revolution; weil sie die Gesellschaft in Bewegung bringt, erhofft sich jede Seite, die Rechte ebenso wie die Linke, einen schnellen Sieg. Schon der junge Marx hatte angemerkt, daß die Deutschen etwas haben, was ihnen kein Volk am historischen Himmel nachmacht: Sie teilen die Restauration anderer Völker, ohne ihre Revolutionen zu teilen. Für Restaurationen unter den hiesigen Verhältnissen reichen gebrochene Reformen aus. Führen die einen, die Stellvertreter des Proletariats, die "neue Weltgeschichtsszene" in "ehrwürdiger Kleidung und mit erborgter Sprache" auf, so erweitert sich auf der anderen Seite der gesellschaftliche Boden, auf dem die Stellvertreter in bonapartistischen Kostümen Massenanhang gewinnen. So entsteht das Bedürfnis nach einem "Chef der Gesellschaft", der deren geschichtliche Bedeutsamkeit wiederherstellt, in der Regel durch Abenteuerpolitik. Bloch hat einmal gesagt: Geschichte wiederholt sich nicht; wo aber etwas Geschichte nicht wurde, wiederholt sie sich durchaus. Oskar Negt

Karl Marx: "Der achtzehnte Brumaire des Louis Bonaparte"; Verlag Marxistische Blätter, Frankfurt 1971 ; 159 Seiten, 3,– DM.