Noch zeichnet sich ein gangbarer Ausweg aus der Afghanistan-Krise nicht ab

Von Theo Sommer

Moskau, Ende März

I.

Es wird alles wohl noch schlimmer kommen, ehe es besser werden kann – eine günstigere Prognose läßt sich für die nächste Zukunft des Ost-West-Verhältnisses schwerlich stellen. Moskau glaubt den Tränen nicht, die der Westen über Afghanistan vergießt. Es glaubt auch den Worten des Westens nicht. Hinter den Protesten der nichtkommunistischen Welt wittern die Kremlführer bloß den Willen zu einer Neuauflage des Kalten Krieges. Ihre eigene, ständig wiederholte Beteuerung aber, sie wünschten die Fortsetzung der Entspannung, wird bisher von keinerlei praktischem Entgegenkommen unterfüttert.

Das Verhältnis der Sowjets zur Administration des Präsidenten Carter ist gründlich gestört – ja: zerstört. Ihre Einstellung zu Westeuropa ist ambivalent: Teils betrachten sie die EG-Europäer als Erfüllungsgehilfen Carters, teils erkennen sie aber auch, daß in den Gemeinschaftsinitiativen zur Neutralisierung Afghanistans wohl der einzige Ansatzpunkt für eine diplomatische Lösung steckt. Zwiespältig ist schließlich die Haltung der Kreml-Oberen zu Bonn und zu Helmut Schmidt: Einerseits sehen sie im Bundeskanzler einen der Urheber, wenn nicht gar den Haupturheber des Nachrüstungsbeschlusses der Nato; andererseits wissen sie, daß das westdeutsche Interesse an der Bewahrung der Entpannungsresultate des vergangenen Jahrzehnts ihnen fast den einzigen Hebel bietet, auf die Politik des Westens einzuwirken.

Unterdessen fressen die Zeiger an den Turmuhren des Kreml die Stunden, Tage und Wochen. In Afghanistan rüsten sich die Sowjets zur Frühjahrsoffensive. Die westliche Reaktion darauf kann nicht ausbleiben: Olympia-Boykott und Wirtschaftssanktionen, wie löchrig sie auch ausfallen mögen, werden Moskau zu Gegenreaktionen zwingen. Mit Warnungen bedrohlicher Deutlichkeit halten hochrangige Gesprächspartner nicht hinter dem Berg. Für den Sommer und Herbst dieses Jahres künden sie eine gefährliche Eskalation an. Die Gefühle schaukeln die Risiken in die Höhe.