Von Heinz Josef Herbort

Dies mußte ja auch wohl einmal sein: die Entlarvung der "privaten wie geistesgeschichtlichen Hintergründe der bürgerlichen Weltflucht" und der "Fatalität der Konstruktionen für eine Erlösung oder Rettung dieser Welt", die sich in Richard Wagners "Parsifal" "gleichsam wie in einem Focus bündeln".

Erstaunlich im Grunde, daß sich das zu tun bislang noch niemand getraut hat. Die Mythologie im "Ring des Nibelungen" zu "hinterfragen", war offenbar noch am leichtesten gewesen – der Psychologismus Wieland Wagners, später dann Pop und Politik, Science fiction und Kapitalismus-Theorie ergaben ziemlich heterogene Ansätze für eine Um-Interpretation. Weit mehr Zögern gegenüber, vielleicht auch mehr Schwierigkeiten mit den romantischen Theaterrealitäten, verrieten die Interpreten der "Opern". Aber auch "Holländer" und "Tannhäuser", "Lohengrin", "Tristan" und nicht zuletzt die "Meistersinger" mußten durch die Mühlen Sigmund Freuds wie der Entnazifizierung.

An die pseudo-sakrale Erhabenheit und keineswegs stille Größe des "Bühnenweihfestspiels" aber, an das Kultische in dieser Selbsterlösungs-Feierstunde einer, elitären Männergesellschaft, an das Rituelle in dieser Schein-Menschwerdungs-Andacht wagte bislang niemand Hand zu legen. Selbst Götz Friedrich kam in Stuttgart, und trotz abstrahierender Nagel-Bühnenbilder Günther Ueckers, um ein halbes Hochamt nicht herum.

Nun aber hat Richard Wagners Ur-Enkel Wolf Siegfried, sich sehr wohl erinnernd, daß schon sein Vater Wieland 1951 bei Wiederbeginn Bayreuths mit dem "Parsifal" die (für die Alt-Wagnerianer) erste Freveltat beging, sich ins Heiligtum eingeschlichen, hat den Gralsrittern die Masken vom Gesicht gerissen und ausgeplaudert, woher der scheinbar fromme Inhalt des Glaubensbekenntnisses dieser Ersatz-Religion stammt. Seine Saarbrücker Inszenierung, nach einem "Holländer" die zweite Arbeit dort, ist mehr als nur fromme Bilderstürmerei oder modische Entmythologisierung. Sie fragt nach der Liebe und nach dem Hoffen, genauer: Hoffenkönnen.

Aber auch Wolf Siegfried Wagner kann zunächst nur glauben, nicht wissen. Vor allem aber: seine Bibel ist weniger die Partitur seines Urgroßvaters, sondern das Tagebuch seiner Urgroßmutter Cosima. Seine Evangelisten heißen Daniela Thode (geborene von Bülow, Cosimas erste Tochter) und Robert Gutmann (amerikanischer Musikologe), seine Apologeten sind die Wagner-Experten der neuen deutschen Germanistik und der Philosophie. Lesefrüchte, Hinweise, Vermutungen, Überlegungen – mehr als private Indizien?

Der Vorhang geht auf und zeigt – am Rande der dunklen Bühne einen Tannenbaum mit brennenden Kerzen. Zu Karfreitag? Richard Wagners Stieftochter Daniela weiß zu berichten, daß zu ihrer Mutter 41. Geburtstag (24.12.1878) das Vorspiel zum "Parsifal", soeben fertig komponiert, von der dazu eigens abkommandierten Meininger Hofkapelle in Wagners Villa uraufgeführt wurde.