Von Jes Rau

Nein, Bunker Hunt ist nicht pleite. Schade, denken sicherlich viele, die von den geradezu verrückten Preisausschlägen an den Silbermärkten betroffen waren und dem schwergewichtigen Texaner ein solches Schicksal deshalb gern gegönnt hätten.

Aber Nelson Hunt und sein Bruder Herbert haben ja nicht nur die Hälfte der gesamten Silbervorräte der Welt gehortet. Zu ihrem Imperium gehören Restaurantketten, Rennställe, Sportmannschaften, Berge von Zucker und anderen Rohstoffen und vor allem: Ölfelder in Texas, Louisiana und Alaska. Und mit so viel Öl wird man heutzutage nicht so schnell zum Opfer der Pleitegeier.

Selbst nicht nach einem Debakel wie an dem "Schwarzen Donnerstag" vergangener Woche, an dem die Terminkurse für monatliche Silberlieferungen an der New Yorker Rohstoffbörse um fast 50 Prozent stürzten und der Marktwert von Hunts Silberschatz um etwa eine Milliarde Dollar zusammenschmolz. Im Verein mit einigen arabischen und brasilianischen Finanziers hatte Hunt mit seinen ständigen Silberkäufen den Preis für dieses seltene Metall so hochgetrieben, daß die Hersteller von Schmuck, Filmen, Zahnfüllungen, Halbleitern und andere industrielle Silberverbraucher um ihre Zukunft bangten.

Vor acht Wochen erreichte der Silberpreis 49 Dollar pro Unze gegenüber 19 Dollar im vergangenen Dezember. Und der Dezemberpreis seinerseits war mehr als dreimal so hoch wie der vor einem Jahr, als eine Unze noch sechs Dollar kostete. Der rasante Preisanstieg wird allgemein mit darauf zurückgeführt, daß Hunt und seine Komplizen dank ihrer gehorteten Schätze den Silbermarkt kontrollierten: Die Flucht der Investoren vor der Inflation ins Silber mußte wegen des verengten Angebots zu einer Preisexplosion führen.

Aber in den zurückliegenden Wochen mehrten sich die Anzeichen, daß die Dinge nicht mehr so weitergehen werden. Der Silberpreis begann abzubröckeln. Mitte März fiel er unter die 20-Dollar-Marke, erholte sich danach jedoch etwas, kam dann aber wieder ins Trudeln. Doch Hunt hält an seinem Silberschatz fest in der Überzeugung, daß Silber in wenigen Jahren 300 Dollar pro Unze kosten wird.

Doch am Dienstag vergangener Woche bekam Hunt einen dringenden Telephonanruf. Am Apparat war ein Vertreter der New Yorker Börsenmaklerfirma Bache, bei der die Gebrüder Hunt seit vielen Jahren beste Kunden sind, und an der sie sich im Dezember mit 5,6 Prozent beteiligten. Bei dem Telephonanruf handelte es sich um einen sogenannten "Margin Call", wie sie in den Alpträumen aller Spekulanten vorkommen. Hunt wurde aufgefordert, die Hinterlegungssumme für seine Spekulationsgeschäfte zu erhöhen.