Von Brigitte Zander

Wenn Bayerns Arbeitsminister Dr. Fritz Pirkl zum Diktat ruft, zieht sich die Sekretärin erst eine warme Jacke über. Denn der Freistaat-Politiker liebt ein kühles Betriebsklima: In seinem Büro herrschen nie mehr als 18 bis 19 Grad. Seine Vorzimmerdamen hingegen fühlen sich erst ab mindestens 20 Grad Celsius behaglich – und schaffensfreudig, Eine allgemein gültige Idealtemperatur für den Arbeitsplatz gibt es nicht; und auch ein hochqualifizierter "Raummeteorologe" kann es in einem Großraumbüro nicht jedem recht machen. Denn die individuellen Klimawünsche hängen nicht nur vom Alter und Geschlecht, sondern auch von der Jahreszeit, dem augenblicklichen Gesundheitszustand, der Tätigkeit, der Kleidung und psychologischen Faktoren ab.

Das enthüllt eine in München veröffentlichte Untersuchung der Klimawissenschaftler Prof. Dr. med. Hans G. Wenzel und Dr. med. Claus Piekarski vom Institut für Arbeitsphysiologie an der Universität Dortmund. Minister Pirkl hatte die Studie in Auftrag gegeben, nachdem sich bei einer Umfrage in bayerischen Betrieben mehr als die Hälfte der Befragten über das Raumklima am Arbeitsplatz negativ äußerten. Dabei stammten überraschend viele Klagen von Beschäftigten in vollklimatisierten Räumen. Man fühle sich dort wie in einem "Luftkäfig", leide unter ständigem Durst und trockener, unangenehm spannender Haut, behaupteten die Betroffenen.

In der Tat – so ließ das Ministerium ermitteln – ist die Luftfeuchtigkeit in zentralbeheizten Räumen vielfach zu gering. Als optimal gelten Werte um 50 Prozent. Sinkt die relative Luftfeuchtigkeit an normal temperierten Arbeitsplätzen unter 40 Prozent, müssen dringend wirkungsvolle "Bewässerungsmaßnahmen" eingeleitet werden. Denn die "Dürre" verstärkt unter der Belegschaft die Anfälligkeit für Erkältungskrankheiten. Nach den Statistiken des Bundesverbandes der Betriebskrankenkassen fallen pro Jahr allein an die 25 Millionen Arbeitstage durch Erkrankungen der Atmungsorgane aus.

Aber auch das Gegenteil, ein schwüles Betriebsklima, dient keinesfalls der Produktivität. Untersuchungen belegen, daß schon eine Luftfeuchtigkeit von 60 bis 80 Prozent, gepaart mit Raumtemperaturen von 22 bis 24 Grad Celsius, die Leistung und die Reaktionszeiten deutlich herabsetzen. Gleichzeitig steigen Unfallgefahr und Fehlerquoten, weil die Akklimatisationsanstrengungen an ungünstige Klimabedingungen ein Teil der menschlichen Energie verbraucht, die normalerweise dem Arbeitspensum zugute kommt.

Sind Kollegen streitsüchtig oder mißgelaunt, unkonzentriert und schläfrig, liegt die Ursache oft in der Zimmertemperatur. Tabellen in der zweihundertseitigen Wenzel/Piekarski-Broschüre zum Thema "Klima und Arbeit" zeigen ein Anwachsen der psychischen und physiologischen Störungen mit dem Anstieg der Wärmegrade, Generell gilt: Ein angenehm kühler Arbeitsplatz fördert die Leistungsfähigkeit. Schon leichte und mäßige Hitzebelastungen stellen höhere Anforderungen an Geschicklichkeit, Aufmerksamkeit und den Intellekt.

Exakte, allgemein gültige Relationsberechnungen zwischen Temperatur und dem menschlichen Aktionsvermögen finden sich allerdings auch in dieser Studie nicht; jeder Körper verkraftet ein ungünstiges Klima unterschiedlich. Die individuellen Toleranzgrenzen spiegeln sich auch in den amtlichen Verordnungen zum Schutz extrem belasteter Arbeiter. So setzt beispielsweise Hessen die maximal zulässige Arbeitszeit im Bergbau bei 32 Grad Celsius und 20 Prozent relativer Luftfeuchtigkeit auf acht Stunden fest, Niedersachsen auf siebeneinhalb und Nordrhein-Westfalen auf sechs. Bei einem "Tropen"-Klima von 29 Grad Celsius und 70 Prozent relativer Luftfeuchtigkeit dürfen – laut Bergpolizeiverordnung aus dem Jahr 1976 – im Saarland und in Rheinland-Pfalz maximal acht Stunden gearbeitet werden, in Hessen und Nordrhein-Westfalen nur sechs Stunden.