Über Agenten, Spione und andere fragwürdige Zeitgenossen

Von Rudolf Walter Leonhardt

Die Frage, warum er sich eigentlich John Le Carré genannt habe, bringt David Cornwell in Verlegenheit. Manchmal sagt er dann, das wisse er selber nicht. Aber da er erfahren hat, daß diese Antwort Frager nicht befriedigt, schwindelt er, denkt er sich zum Beispiel irgendeine Geschichte aus: Er sei da gerade an einem Schuhgeschäft dieses Namens vorbeigefahren ... Feststeht: Als David Cornwell sein erstes Buch veröffentlichte, war er Diplomat im Dienste Ihrer Majestät der Königin von Großbritannien, und ein britischer Diplomat hatte damals keine Bücher zu schreiben, jedenfalls nicht unter seinem im Paß eingetragenen Namen. Ein Pseudonym mußte also gefunden werden, und auf undurchsichtige Weise kam John Le Carré dabei heraus.

Das paßt nun wenigstens insofern, als das undurchsichtig Opake die Atmosphäre einer eigenen Welt ist, die John Le Carré geschaffen hat und die für seine Leser die Welt der Geheimdienste bedeutet. Fachleute sagen, Le Carrés Welt sei wirklicher als die Wirklichkeit. David Cornwell selber sagt, er habe sie sich weitgehend ausgedacht. Oder ist es John Le Carré, der das sagt? Oder gar George Smiley? Keinem der drei darf man alles und Smiley kann man am wenigsten glauben. Leute, die von Berufs wegen so viel lügen müssen – so ähnlich steht es in Le Carrés letztem Roman "Agent in eigener Sache" – belügen schließlich auch ihre Freunde und merken es gar nicht.

George Smiley ist für John Le Carré, was für Conan Doyle Sherlock Holmes war: eine erfundene Figur, die im Bewußtsein der Leser viel lebendiger ist als der Autor: Mehr noch: eine erfundene Figur, die sogar ihren Erfinder beherrscht. David Cornwell sagt, er wolle nun nicht mehr über Smiley schreiben; aber John Le Carré ist doch nicht so ganz sicher, ob er den Pensionär nicht vielleicht doch noch einmal wieder in Dienst nehmen muß.

Smiley macht Karriere

George Smiley war, als ihn Carré-Leser weltweit kennenlernten, eine eher subalterne Figur im britischen Geheimdienst. Das war 1963. "Der Spion, der aus der Kälte kam" machte den bis dahin, trotz zwei bereits veröffentlichter Romane, fast unbekannten englischen Schriftsteller mit dem französischen Kunstnamen weltberühmt. Tausende lasen das Buch; Millionen sahen den Film. Auch in Deutschland wurden wir aufmerksam; Ort der Katastrophe war schließlich die Berliner Mauer.

Während der vierzehn Jahre danach hatte Smiley Karriere gemacht, war er avanciert zum Chef des "Zirkus", wie nach Ansicht jedes Carré-Lesers der britische Geheimdienst heißt. Als solcher war er vor kurzem zu bewundern im englischen Fernsehen, wird er demnächst im deutschen Fernsehen zu bewundern sein; einer der besten englischen Schauspieler unserer Zeit, Alec Guiness, leiht ihm Körper und Stimme.

Der Roman, der da verfilmt worden ist, heißt auf deutsch "Dame; König, As, Spion" und handelt von der Enttarnung eines "Maulwurfs". Ein "Maulwurf" ist ein Einheimischer von einigem Rang, der im Dienst einer fremden Macht Spionage treibt. Guillaume etwa wäre ein Maulwurf, freilich mit dem Schönheitsfehler, daß er aus der DDR gekommen war. Ein richtiger Maulwurf muß nicht nur Angehöriger des Establishments sein in jenem Staat, gegen den er spioniert, er muß auch dort geboren, aufgewachsen, zur Schule gegangen sein. Wie Kim Philby, der Engländer, der für die Sowjets spionierte.

Kim Philby, jene Karikatur eines Engländers, so typisch schien er, so vorbildlich hatte er genau die richtige Schule, die richtige Universität besucht und war Mitglied der richtigen Clubs, hatte wohl in der Tat nur leicht verkleidet Eingang gefunden in die Zirkuswelt, wo er dann zu Bill Haydon wurde. Bill Haydon, der Maulwurf; Bill Haydon, der Smileys Frau Ann verführte, nur um diesen abzulenken davon, daß ganz andere Abgründe ihn trennten vom Chef des britischen Geheimdienstes. Übrigens hieß auch David Cornwells damalige Frau Ann.

Natürlich ist Haydon nicht Philby, Ann ist nicht Ann, und David Cornwell ist weder John Le Carré noch George Smiley. Da geht sehr, sehr vieles durcheinander. Andererseits verdankt die Smiley-Figur ein Großteil ihrer Faszination der Tatsache, daß ihr der Autor Le Carré und der Mann Cornwell so viel von ihrem eigenen Atem eingehaucht haben.

Sicher ist Smiley von Anfang an älter, häßlicher und weiser als sein Autor. "Ich brauchte einfach eine Figur", erklärte David, den immer wieder anders zu benennen allmählich mühsam wird, "die den Übergang vom heißen Krieg zum Kalten Krieg nahtlos mitvollzogen hat." Oder sprach da doch John Le Carré? "Einfach" jedenfalls ist an dieser Smiley-Figur gar nichts. Gerade das ja unterscheidet sie von 007-Typen: Smiley ist zwar ein cooler Profi des Agentengewerbes geworden, der an Kompetenz schließlich sogar seinen sowjetischen Gegenspieler "Karla" übertrifft; aber er erlaubt sich dennoch menschliche Regungen wie Verstehenkönnen und Liebenwollen. Das glaubhaft zu machen, verlangt vom Autor mehr Darstellungskraft, als sie ohne Selbstidentifikation möglich wäre: Sowie David Cornwell ein bißchen John Le Carré ist, so ist John Le Carré ein bißchen George Smiley. Was er sich um so eher leisten kann, als auch der inzwischen dem fünfzigsten Geburtstag sich Nähernde, ein Sportstyp, kraftvoll, dynamisch, gutaussehend, a lady’s dream, wenig Gefahr läuft, mit dem schon in jüngeren Jahren ein wenig vertrottelt wirkenden, zu Bauchansatz und Glatze neigendem Geheimdienstchef verwechselt zu werden, bei dem es niemanden wundert, daß seine Frau ihn betrügt.

David Cornwell, John Le Carré und George Smiley haben – deshalb frage ich mich oft, warum uns dieser englische Schriftsteller nicht noch mehr interessiert – jedenfalls gemeinsam eine Liebe zur deutschen Literatur und außergewöhnlich gute Kenntnisse der deutschen Sprache.

Für David Cornwell ist das leicht zu erklären: Er hat deutsche Literatur studiert, nicht nur in Oxford, sondern auch in Bern; Er war Deutschlehrer in Eton. Er hat seine Wehrdienstzeit in Österreich absolviert. Er war als britischer Diplomat in Bonn und in Hamburg. Einiges von dem, was er auf diesem Lebensweg erfahren hat, hat er an George Smiley weitergegeben.

Im vorletzten Carre-Roman, der bei uns "Eine Art Held" heißt (auf englisch "The Honourable Schoolboy"), trieb sich Smiley zwischen China und Japan herum, und das war doch offensichtlich nicht seine Welt. Carré-Leser werden auch die Fährnisse des Unternehmens Delphin engagiert nachempfunden haben, aber die Freunde Smileys und Karlas kamen zu kurz. Karla, erinnern wir uns, war der Kosename des sowjetischen Geheimdienstchefs, so wie Haydon der Kosename für Philby und Le Carré der Kosename für Cornwell ist.

Es wird viel gekost bei John Le Carré. Komischerweise scheinen das viele Leser nicht zu merken. All diese Agentengeschichten sind auch Liebesgeschichten. Einmal war es David leid, immer so, spannungsverkleidet daherzukommen, und er schrieb einen richtigen Liebesroman. Der hieß "Der wachsame Träumer", und kein Mensch wollte ihn lesen. Le Carré, bleib bei deinem Smiley!

Smiley verplätschert sich

Mit der Veröffentlichung nun von "Agent in eigener Sache" (bei Hoffmann und Campe, auf englisch: "Smiley’s People") hat John Le Carré seine Leser befriedigt, die es ihm ungern verziehen hätten, daß die Auseinandersetzung zwischen Smiley und Karla sich in den Gewässern von Hongkong verplätscherte.

Le Carré kommt wieder, zur Sache – und wie! Der Ring schließt sich: An der Grenze zwischen Berlin (Ost) und Berlin (West), wo einst der Spion aus der Kälte schließlich doch nicht kommen konnte, entscheidet sich das Duell Smiley gegen Karla, für das die Welt der Geheimdienste nur noch Kulisse ist, das größere, das menschliche Dimensionen angenommen hat.

Obwohl der Roman dem dramaturgischen Schema des Agentenromans, des thrillers, noch folgt, ihm scheinbar sogar viel enger folgt als die beiden ersten Bände der Smiley-Trilogie (womit, obwohl Smiley ja auch in anderen Romanen noch auftaucht, vor diesem Roman "Dame, König, As, Spion" und "Eine Art Held" gemeint seien), erweist sich hier Cornwell/Le Carré zum erstenmal als seinem großen Vorbild und Gegner Graham Greene ebenbürtig.

Minuziös die Recherchen, alles stimmt. Vielleicht stimmte es auch in Hongkong, wir haben keinen Chinesen dazu gehört. Hier aber ist zum Beispiel von Hamburg die Rede und von der Ostseeküste. Ein Nachtlokal, das sowohl für die Entwicklung wie für die Lösung von entscheidender Wichtigkeit ist, wird so beschrieben, daß Kenner der Szene es wiedererkennen. Es heißt. – nicht im Roman, in Wirklichkeit – "Amphore", und als Leser hat man das Gefühl, da sollte man doch vielleicht einmal hingehen. Uninteressant scheint das, was dort vorgeht, ja nicht zu sein. Freilich auch nicht billig. Und vermutlich werden nicht jeden Abend Angehörige irgendeines Geheimdienstes dort erst erpreßt und dann entlarvt.

Aber das kennen wir ja von John Le Carré, das hat er von seinem Meister, wenn man Graham Greene denn so nennen darf, gelernt: Schwindle, wo du willst; die Details müssen stimmen.

In diesem letzten Roman stimmen nicht nur die Details: alles stimmt. Die vielen Fäden der Smiley-Legende (eine "Legende" ist, habe ich gelernt, eine in den Geheimdiensten übliche Bezeichnung für eine erfundene Biographie) werden so geschickt aufgenommen, daß auch der sonderbare Leser, der bis heute von George Smiley nichts wußte, sich ausreichend informiert fühlen darf.

Und Menschen werden beschrieben, Menschen wie du und ich: wie sie sich benehmen, was sie sich dabei denken, worauf, sie hinauswollen. Ob das ein englischer Lkw-Fahrer exotischer Herkunft ist oder ein Sachse in Hamburg ("Sachsen – die sind das Schlimmste") – einer, der Sachsen und Lkw-Fahrer und sogar sächsische Lkw-Fahrer recht gut kennt, hat keinen Widerspruch anzumelden. "Smileys Leute" (um den Romantitel einmal wörtlich zu übersetzen) sind wie Leute auf einer Photographie deutlich wiederzuerkennen in der Pose, in der der Photograph sie erwischt hat. Was auch im Roman eine Rolle spielt.

Außerdem wird Weltweisheit verbreitet. Das hat unsereiner ja ganz gern in einem Roman: daß er etwas erfährt, was er so noch nicht bedacht hat, was ihm vielleicht hilft, der niemals befriedigenden Antwort auf die Frage nach dem Sinn des Lebens ein bißchen näherzukommen.

Smiley kommt zur Sache

Vor allem jedoch ist in diesem bisher letzten Roman John Le Carrés George Smiley nun wirklich zu einer Figur geworden, die ihresgleichen nicht viele hat in der Literatur unserer Tage. Bereits pensioniert, schleppt er sich eher widerwillig in die Strapazen dieses neuen, dieses letzten Gefechts. Halb triumphierend, halb angewidert folgt er den Ergebnissen seiner kritischen Intelligenz. Die "Zirkus"-Bürokratie ist überhaupt nicht mehr interessiert an ihm. Jetzt geht es nur noch um "Karla", um den Konflikt zwischen dienstlichen Pflichten, die zu erfüllen löblich ist, und menschlichen Schwächen, die keiner zeigen darf, der sich in der Hierarchie hoch hat ansiedeln lassen. Daß die menschlichen Schwächen dabei dennoch uns besser taugen – nun ja, das ist so eine Art Botschaft, die man herauslesen kann aus einem Roman, der auch nicht drei Zeilen lang beansprucht, "Botschaft" zu sein.

John Le Carré oder David Cornwell, so hören wir, will nun endgültig Abschied nehmen von Smiley und von der Agentengeschichte. Als wäre er ein deutscher Autor, hat er vor, künftig nur noch "Seriöses" zu schreiben. Es wäre auch gewiß schwer, einen Vorwand zu finden, um den Pensionär Smiley noch einmal zu reaktivieren. Aber als ein dramaturgisches Gerüst, als ein "Drittelgänger" (nach dem Vorbild "Doppelgänger" gebildeten Wort), war ja George Smiley, vor allem in diesem letzten Roman, ungemein brauchbar. Wer oder was kann ihn ersetzen?