Von Rainer Klingholz

Ich habe Herrn Schmidt kennengelernt, als ich seine beiden Autos bestaunte. Es waren weniger die Fahrzeuge, als vielmehr ihr deutsches Kennzeichen und ihr Standort: Porto Martins auf Terceira. Terceira liegt im Nordatlantik, etwa tausend Seemeilen vom europäischen Festland entfernt und gehört zu einer Inselgruppe, die den klangvollen Namen "Arquipélago dos Açores" trägt.

Später erfahre ich, wie es die Familie hierher verschlagen hat: Herr Schmidt hatte seinen Professorenstuhl an der Stuttgarter Uni gegen einen Entwicklungshelfer-Job an der kleinen Universität der Azoren getauscht. Diese entstand mit bescheidenen Mitteln nach der Revolution 1974 in Portugal, als der Ruf nach Unabhängigkeit laut wurde und auf den Inseln eine eigene Infrastruktur entstehen sollte.

Know-how, made in Germany, soll zum Beispiel auch helfen, in Angra den ersten Schlachthof der Azoren entstehen zu lassen. Zwar steht die ganze Insel voller Rinder und 40 000 werden pro Jahr exportiert, aber – mangels eigenem Schlachthof – lebend und so umständlich wie möglich. An Kränen baumelnd, wandern die Tiere auf Frachtschiffe. Nach tagelanger Fahrt werden die nicht gerade seetauglichen Passagiere in Lissabon abgeliefert. Bezahlt wird nur, was lebend ankommt.

Wo man hinschaut, die Azoren hinken ein paar Jahrzehnte hinterher. Fast fünfhundert Jahre lang, seit dem Beginn ihrer Besiedlung, hatten die portugiesischen Herrscher alles aus den Inseln herausgezogen, aber kaum etwas gebracht. Die Folge ist, daß es heutzutage oft am Wichtigsten fehlt.

Auf dem fruchtbaren Lavaboden gedeiht zwar alles, was windgeschützt steht oder stabil genug ist, den barbarischen Winterstürmen zu widerstehen: Mais, Orangen, Ananas, Bananen, Tee oder Wein. Zudem gleicht der Atlantik hier einem Aquarium, das man nur leerzuschöpfen braucht. Das jedoch tun höchstens moderne ausländische Fangschiffe. Denn für technologische Entwicklungen war auf den Azoren bisher nie Geld vorhanden. Die Fischer fangen ihre Beute noch immer an Leinen, die alle paar Tage neu ausgelegt werden. Tonnenschwere Pottwale werden von winzigen Ruderbooten aus mit Handharpunen erlegt. Kaum ein Traktor durchpflügt die Felder.

Trotz allem gibt es eigentlich keine Armut auf den Inseln. Eine hohe Auswanderungsrate hat die Bevölkerungszahl auf 300 000 Einwohner schrumpfen lassen. Ihnen stehen eine Million Auslandsaçoreanos in den Vereinigten Staaten gegenüber. So haben Städte und Dörfer ihr altes, hübsches Aussehen bewahrt; neue Häuser zu errichten, wäre unter den bestehenden Umständen überflüssig.